Grüne Jugend verhüllt Denkmäler in Lübeck

Lübeck: Archiv - 26.09.2025, 08.49 Uhr: Im Rahmen ihrer Aktionswoche "Kolonialismus in Lübeck" hat sich der Lübecker Kreisverband der Grünen Jugend in Stadtführungen und Workshops kritisch mit kolonialen Spuren in Lübeck auseinandergesetzt. Die Aktionswoche gipfelte in einer Verhüllungs-Aktion in der Nacht zu Freitag.

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In der Nacht von Donnerstag, dem 25., auf Freitag, den 26. September 2025, hat die Grüne Jugend Lübeck drei Denkmäler in Lübeck verhüllt und mit Plakaten auf deren kolonialistische Verstrickung hingewiesen. Verdeckt wurden zum einen die schreitende Antilope und einer der beiden Burgtor-Löwen von Fritz Behn, zum anderen die Bismarck-Statue vor dem Hauptbahnhof.

Zur Begründung der Aktionen teilt die Grüne Jugend mit:

(")Fritz Behn – Kolonialist und Nationalsozialist

Lübecks Kunst im öffentlichen Raum wird stark von Fritz Behn dominiert: Insgesamt elf Skulpturen sind in der Stadt verteilt. Sein Œuvre besteht hauptsächlich aus afrikanischen Tierplastiken, mit denen er große Bekanntheit erlangte. In Lübeck sind unter anderem die schreitende Antilope am Holstentor, die Burgtor-Löwen, der fauchende Leopard im Behnhaus und der Panther im Schulgarten von ihm geschaffen worden.

Behn, Enkel des Lübecker Bürgermeisters Heinrich Theodor Behn, war überzeugter Kolonialist und reiste mehrmals in die Kolonie „Deutsch-Ostafrika“. Dort ließ er sich durch die afrikanische Landschaft chauffieren, erschoss Großwild aus bloßer Lust am Töten und fertigte von den Kadavern Gipsabdrücke an. Aus diesen goss er wiederum Skulpturen, die heute noch fest im Lübecker Stadtbild verankert sind. Später hielt Behn in seinem Münchener Atelier zudem zwei Löwen. Bereits in den 1920er Jahren entwickelte sich Behn zu einem überzeugten Nationalsozialisten. Auch dieser Lebensabschnitt zeigt sich in Lübeck anhand seiner Werke. Das Standbild an der Lutherkirche etwa zeigt Martin Luther im nationalsozialistischen Stil. Bei der Einweihung sagte der damalige Bischof, Behn habe Luther als „starken deutschen Mann, als Kämpfer gegen alles Undeutsche“ dargestellt.

Fritz Behns Kunst ist somit in Bronze gegossenes Leid. Doch in Lübeck fehlen bislang jegliche Infotafeln, die über diese Zusammenhänge aufklären – weshalb die meisten Bürger die grausame Geschichte hinter den Tierplastiken nicht kennen.

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Otto von Bismarck – Architekt des deutschen Kolonialreichs

Die Statue am Lübecker Hauptbahnhof zeigt Otto von Bismarck (1815–1898), den ersten Reichskanzler des Deutschen Kaiserreichs. In vielen Städten wird er noch immer als Nationalheld geehrt, doch tatsächlich war er einer der zentralen Architekten des deutschen Kolonialreichs.

Auf der Berliner „Kongo-Konferenz“ (1884/85) legte Bismarck gemeinsam mit anderen europäischen Mächten die Aufteilung Afrikas fest. Millionen Menschen wurden in der Folge entrechtet, versklavt oder getötet – damit deutsche Unternehmen und das Kaiserreich von Rohstoffen und billiger Arbeit profitieren konnten. Die damals gezogenen, willkürlichen Grenzen sind bis heute Grundlage für Konflikte und Krisen auf dem afrikanischen Kontinent.

Auch die militärische Unterdrückung von Aufständen in den Kolonien, etwa in „Deutsch-Südwestafrika“ (heutiges Namibia), geht auf Strukturen zurück, die Bismarck geschaffen hat.

Die Lübecker Bismarck-Statue ist also kein neutrales Denkmal, sondern ein Symbol für Unterdrückung, Gewalt und Rassismus. Sie erinnert nicht nur an eine historische Figur, sondern daran, wie koloniale Täter bis heute im Stadtbild geehrt werden – während die Opfer historisch unsichtbar bleiben.(")

Die Grüne Jugend Lübeck sagt: "Wir fordern, dass die Stadt Lübeck die eigene koloniale Geschichte kritisch aufarbeitet und sowohl die Bismarck-Statue als auch die Behn-Skulpturen in den korrekten historischen Kontext setzt, zum Beispiel indem diese künstlerisch neu interpretiert oder die Passanten durch Infotafeln aufgeklärt werden. Es ist höchste Zeit, dass die Lübecker Stadtgesellschaft Verantwortung für ihre dunkle Vergangenheit übernimmt und ihren Opfern den nötigen Respekt zeugt."

Die Grüne Jugend hat mehrere Denkmäler verhüllt. Fotos: GJ Lübeck

Die Grüne Jugend hat mehrere Denkmäler verhüllt. Fotos: GJ Lübeck


Text-Nummer: 175229   Autor: GJ/red.   vom 26.09.2025 um 08.49 Uhr

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