Zarte Poesie und packendes Drama – Giselle-Premiere in Lübeck

Lübeck: Archiv - 29.09.2025, 12.30 Uhr: Am Samstag, dem 27. September 2025, wurde im Großen Haus Lübeck die Premiere des Balletts *Giselle* gefeiert – eine Inszenierung des Balletts aus Kiel, das dank der Kooperation zwischen beiden Häusern nun auch in Lübeck zu sehen ist. Die Tänzerinnen des Ballett Kiel wurden dabei musikalisch begleitet vom Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck unter der Leitung von Jan-Michael Krüger.

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Das Große Haus im Theater Lübeck war bis auf wenige Restplätze im dritten Rang komplett gefüllt – ein deutliches Zeichen nicht nur für die hohe Anziehungskraft dieses Klassikers des romantischen Balletts, sondern auch für diese Produktion. Schon in Kiel hatte die Inszenierung, kreiert von Olena Filipieva, mit einer klaren und emotional starken Lesart von Adolphe Adams Werk überzeugt. In Lübeck bestätigte sich dieser Eindruck: Die Aufführung zeigte einen überzeugenden Spannungsbogen zwischen ländlichem Frohsinn und geisterhafter Schwermut, zwischen Natürlichkeit und Transzendenz. Die überschaubare Szenerie und die Kostüme des ersten Aktes – Spoiler: das Bauernvolk in Dirndl und Lederhosen – mögen auf den ersten Blick etwas platt oder zu farbenfroh wirken. Doch gerade durch diese gezielte Stilistik wird der dramatische Kontrast zum zweiten Akt umso stärker spürbar: Die Totenwelt der Wilis mit ihren überwiegend grün-grauen Gewändern und reduzierteren Farben wirkt dadurch noch eindringlicher. Dieser bewusste Kontrast stärkt den Gesamtcharakter der Inszenierung und erhöht die emotionale Wirkung.

In der Titelrolle war Keito Yamamoto zu erleben. Es war geradezu anrührend, mit wie viel Liebreiz und Anmut sie die Giselle verkörperte. Mit makelloser Technik und feiner Ausdruckskraft ließ sie die Figur zwischen jugendlicher Unschuld, zarter Verliebtheit und tiefster Verzweiflung changieren. Besonders in der Wahnsinnsszene überzeugte sie durch eine eindringliche Verbindung von darstellerischer Intensität und tänzerischer Leichtigkeit, die das Publikum spürbar bewegte.

An ihrer Seite tanzte Vitalii Netrunenko den Herzog Albrecht. Mit großer Klarheit zeichnete er die innere Zerrissenheit der Figur zwischen Leidenschaft und Schuld. Gemeinsam harmonierten Yamamoto und Netrunenko perfekt miteinander und tanzten auch technisch auf höchstem Niveau, das auch größeren Häusern zur Ehre gereichen würde. Ihre Pas de deux im zweiten Akt wurden zu einem Höhepunkt der Aufführung – poetisch, technisch makellos und voller Intensität. Bereits während der Vorstellung kam es zu einzelnen Bravorufen, am Ende standen langer Applaus und Standing Ovations für beide Solisten und das gesamte Ensemble. Auch die weiteren Tänzer:innen wussten zu überzeugen: Alexey Imatov als der von Giselle geschmähte Hilarion machte dessen Schmerz sehr präsent, während Leisa Martínez Santana und Henri Frey im ersten Akt als Bauernpaar einige besonders schöne Höhepunkte setzten.

Das insgesamt sehr spielfreudige Philharmonische Orchester Lübeck lieferte eine behutsame, ausdifferenzierte Interpretation der Musik. Ebenso wie sich die Inszenierung an der historischen Originalchoreografie von Jean Coralli, Jules Perrot und Marius Petipa orientiert, wird auch die Partitur von Adolphe Adam von gelegentlichen Beiträgen Burgmüllers und Minkus’ ergänzt. Unter Krügers Leitung gelang die Balance zwischen zarten, tänzerischen Elementen und dramatisch wuchtigen Momenten, die das Orchester zum perfekten Begleiter der Tänzerinnen werden ließ.

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Kooperation zwischen dem Theater Lübeck und dem Ballett Kiel ein Glücksfall für beide Häuser ist. Mit ihrer Produktion von Giselle erhält Lübeck Zugang zu hochwertigem Repertoire und tänzerischer Exzellenz, ohne selbst aufwendige Eigenproduktionen fahren zu müssen. Gleichzeitig kann Kiel seine Inszenierung einem weiteren Publikum vorstellen und seine Reichweite erweitern.

Ein Abend also, der nicht nur durch eine glänzende tänzerische Leistung und musikalische Feinsinnigkeit bestach, sondern auch durch das Gefühl, Teil einer künstlerischen Partnerschaft von besonderem Wert zu sein, die es ermöglicht, das Ballett noch einige Male in dieser Spielzeit im Großen Haus zu sehen.

Keito Yamamoto als Giselle und Vitalii Netrunenko als Albrecht. Fotos: Olaf Struck

Keito Yamamoto als Giselle und Vitalii Netrunenko als Albrecht. Fotos: Olaf Struck


Text-Nummer: 175272   Autor: Ulrich Witt   vom 29.09.2025 um 12.30 Uhr

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