Studie: Forschungsgelder besser per Lotterie verteilen
Lübeck - St. Jürgen: In der Wissenschaft hängt der Erfolg vieler Projekte von der Bewilligung von Fördergeldern ab. Doch die Verfahren zur Vergabe dieser Mittel sind aufwendig, teuer und nicht frei von Verzerrungen, etwa zulasten von Frauen. Forscher der Universität zu Lübeck haben in einer aktuellen Studie in Nature Communications untersucht, wie sich Zufall und Wissenschaft verbinden lassen.Die Forscher kommen zu einem überraschenden Ergebnis: Wenn eine Lotterie darüber entscheidet, wer überhaupt einen Förderantrag einreichen darf, profitieren nicht nur mehr Frauen, sondern auch die Gesellschaft.
Wer Lehr- und Forschungsgelder beantragt, braucht vor allem eins: Zeit. Wochen- oder monatelang werden Anträge geschrieben, begutachtet, abgelehnt. Und das meist ohne Erfolg. Nur wenige Prozent der Anträge werden tatsächlich bewilligt. Das kostet nicht nur Geld, sondern bindet enorme Ressourcen, die in dieser Zeit nicht in Forschung und Lehre fließen. Zudem zeigen zahlreiche Untersuchungen, dass Frauen im Wissenschaftssystem seltener zum Zug kommen.
Ein Forschungsteam um Prof. Dr. Sören Krach von der Universität zu Lübeck hat nun erstmals empirisch gezeigt, dass ein alternatives Vergabeverfahren hier Abhilfe schaffen kann. Statt dass alle Interessierten sofort umfangreiche Förderanträge schreiben, wird in einem ersten Schritt ausgelost, wer überhaupt teilnehmen darf. Erst danach folgt das klassische Begutachtungsverfahren („Peer Review“) durch Fachkollegen. Diese „Lottery-first“-Methode wurde von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre eingesetzt und von der Forschungsgruppe um Prof. Krach begleitet und evaluiert. Das Ergebnis ist eindeutig: Der Frauenanteil unter den Antragstellenden stieg um rund zehn Prozent, unter den Geförderten sogar um 23 Prozent im Vergleich zu einem vorher eingesetzten Verfahren. Gleichzeitig sanken die geschätzten gesellschaftlichen Kosten, also der Zeitaufwand von Antragstellern, Gutachtern und Verwaltung, um rund zwei Drittel. „Die Vergabe von Lehr- und Forschungsgeldern bestimmt, was als relevant gilt und woran geforscht wird“, erklärt Prof. Krach. „Unser Ergebnis zeigt, dass eine vorgeschaltete Lotterie vor dem Begutachtungsprozess eine faire und effiziente Methode sein kann, die Verzerrungen reduziert und enorme Ressourcen spart.“ Bemerkenswert ist auch, wie gut das Verfahren in der Wissenschaftsgemeinschaft ankam: Etwa die Hälfte der Befragten sprach sich für die Kombination aus Lotterie und Peer Review aus. Sie schätzten vor allem den geringeren Arbeitsaufwand und die höhere Planbarkeit.
Warum das wichtig ist
Wissenschaftliche Förderverfahren sind nicht nur ein internes Verwaltungsthema, sie entscheiden über Karrieren, Forschungsrichtungen und gesellschaftliche Innovation. Wenn bestimmte Gruppen, etwa Frauen, im Bewerbungsprozess benachteiligt sind oder das System zu viel Zeit verschlingt, wirkt sich das unmittelbar auf den wissenschaftlichen Fortschritt aus. Die Studie der Universität zu Lübeck liefert erstmals empirische Belege, dass neue Wege in der Lehr- und Forschungsförderung nicht nur theoretisch diskutiert, sondern auch praktisch umsetzbar sind, mit messbar positiven Effekten.
Hintergrund
Die Stiftung Innovation in der Hochschullehre (StIL) wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und den Ländern getragen und fördert Projekte, die die Hochschullehre in Deutschland verbessern sollen. Im Programm „Freiraum“ werden innovative Lehrkonzepte unterstützt, für die im Jahr 2024 rund 50 Millionen Euro Fördermittel zur Verfügung standen. Die aktuelle Studie nutzte diese Ausschreibung, um unterschiedliche Vergabeverfahren miteinander zu vergleichen.

„Die Vergabe von Lehr- und Forschungsgeldern bestimmt, was als relevant gilt und woran geforscht wird“, erklärt Professor Dr. Sören Krach von der Universität zu Lübeck. Foto: Privat
Text-Nummer: 176039 Autor: Uni/red. vom 08.11.2025 um 13.27 Uhr
