Candide am Stadttheater als Triumph des absurden Humors
Lübeck: Bernsteins „Candide“ ist ein wilder Ritt durch Katastrophen und Kontinente. Die Inszenierung des Lübecker Stadttheaters bedient sich der genialen Textfassung von Loriot und begegnet diesem irrwitzigen Stoff mit vielschichtigem Humor und überraschender Bühnengestaltung – und sorgt schon vor der Ouvertüre für die ersten Lacher.
Seien Sie gewarnt! Schon die Vorlage, Voltaires satirischer Novelle „Candide oder der Optimismus“, ist vor allem eine rasante, sprunghafte Abfolge von geradezu absurden Katastrophen, Kriegen, Erdbeben, Schiffbrüchen und Inquisitionsverfahren rund um den Globus. Oder wie Vicco von Bülow, vulgo Loriot, es einmal sagte: „Candide, das Musical der Herren Voltaire und Bernstein, ist das einzige seiner Art, dessen genaue Inhaltsangabe – rasch vorgetragen – ebenso lange dauert wie das Musical selbst.“ Wie gut, dass sich Loriot auch entschied, diese „Comic Operetta“ für konzertante Aufführungen mit erklärenden Texten zu versehen. Und wie gut, dass das Theater Lübeck in Kooperation mit dem Theater Regensburg sich für diese Fassung des Großmeisters des oft feinsinnigen und manchmal auch abgründigen Humors entschied.
Mehr noch: Geradezu investigativ war man tätig, wie man der Sonderausgabe der Lübecker Nachrichten entnehmen kann, die (statt eines Programmheftes) begleitend zu den Aufführungen als „General Anzeiger – Ausgabe für Buenos Aires“ erscheinen (Preis: 2,50 Pesos). Nur hier können wir erfahren, dass die Lübecker Altstadt bald abgerissen wird, um einer Kutschenstraße entlang der Trave Platz zu machen, dass die „Lisa von Lübeck“ auch für Kaperfahrten zu mieten ist, und es mehr Platz für Nippes braucht, weshalb das Buddenbrookhaus zum Hochhaus werden soll.
Alles ist anders, wenn man zu dieser Inszenierung in den Großen Saal des Stadttheaters tritt: Das Orchester sitzt hinten auf der Bühne, der Chor ist im Orchestergraben platziert und das Publikum ist – statt still auf den Beginn der Aufführung zu warten - glucksend in die Zeitung vertieft. Wo sonst könnte man sich „7 Tipps, wie Sie lebendig durch den Siebenjährigen Krieg kommen“ abholen oder erfahren, dass selbst die Inquisitoren vor einem Rätsel stehen, weil es trotz zahlreicher Hinrichtungen immer wieder Krankheiten und Naturkatastrophen gibt?
Über allem aber thront, eine weitere Spezialität dieser Inszenierung von Ronny Scholz, eine überdimensionale Leinwand. Zu ihr gehören zwei weitere Personen im Orchestergraben, die über einen Projektor dafür sorgen, dass weitere wichtige Nachrichten und Bilder live eingespielt werden (Grüße an die Familie inklusive), zum Beispiel, dass das Training des 1. FC Phönix Lübeck zukünftig von einem gewissen Julian Nagelsmann übernommen wird. All das ist so albern wie feinsinnig zugleich und ein wunderbarer Auftakt für eine Geschichte, in der der Hauptprotagonist Candide von einer Tragödie in die nächste Katastrophe stürzt, immer auf der Suche nach seiner geliebten, aber genauso flüchtigen Kunigunde.
Begleitet wird das Publikum dabei durch Bariton Stefan Kubach als Erzähler in Abendgarderobe und bester Entertainer-Attitüde, sowie durch den Grafiker Robert Nippoldt und seine Assistentin Lotta Stein, die die Geschichte live und mit immer neuen Ideen über die Leinwand illustrieren. Allein das ist von so magischer Anziehungskraft, dass es alles andere dabei fast vergessen lässt. Doch das wäre so schade, denn dann würde man übersehen, wie köstlich der Tenor Noah Schaul seinen Candide zu einem tapferen Steh-auf-Männchen werden lässt. Unbemerkt bliebe auch, wie Sophie Naubert als Kunigunde mit ihrem strahlenden Sopran die Koloraturen nur so durch die Gegend fliegen lässt. Oder wie Gabrielle Guilfoit als Alte Dame, darauf angesprochen, alle Nonchalance verliert. Oder Andrea Stadel als Paquette, die … Ach, es ist vergebene Liebemüh‘, alle erwähnen zu wollen, die es so verdient hätten.
Fast würde dabei auch in den Hintergrund geraten, wie großartig Chor und Orchester unter Kapellmeister Nathan Bas mit Leichtigkeit die musikalischen Herausforderungen meistern. Bernsteins „Candide“ bewegt sich nicht nur „irgendwo zwischen“ Operette, Musical, Oratorium und Oper. Es ist alles zugleich. Diese Bandbreite muss man erst einmal präsentieren können.
Und so endet schließlich dieses wilde Konglomerat aus bulgarischen Soldaten, westfälischen Heimatchören, brasilianischen Gouverneuren, seekranken Königen, Schweinen und Hammeln nicht nur glücklich in einem Reihenhaus mit naturbelassenem Gemüse und einem Fernseher, sondern auch mit einem überaus glücklichen und beglückten Publikum. Möglicherweise leben wir nicht „in der besten aller möglichen Welten“, aber Produktionen wie diese zeigen, dass es möglich ist, das Beste daraus zu machen.

Candide stürzt von einer Katastrophe in die nächste. Fotos: Jochen Quast
Text-Nummer: 176230 Autor: Ulrich Witt vom 15.11.2025 um 18.08 Uhr
