Neue Möglichkeiten in der alten Briefkapelle
Lübeck - Innenstadt: Zum ersten Mal stand am vergangenen Samstag und Sonntag ein Flügel in der Briefkapelle. Dom- und Marienorganist Johannes Unger führte zum Ewigkeitssonntag mit dem Leipziger Tenor Wolfram Lattke den Liederzyklus „Winterreise“ von Franz Schubert (1797-1828) auf. Es war also gewissermaßen eine Premiere, in der sich erweisen sollte, ob 80 Wolldecken und 80 winterlich gekleidete Menschen die Überakustik des hohen Raumes auf kammermusikalische Bedingungen würden herunterdämmen können.Die Lübecker Marienkirche birgt viele Besonderheiten. Sie wird gerne als „Mutterkirche der Backsteingotik“ bezeichnet, denn sie ist immerhin die größte gotische Backsteinkirche Deutschlands und war Vorbild für viele Kirchen dieser Zeit im Ostseeraum. Weltweit ist sie die größte gotische Backsteinkirche mit zwei Türmen und mit knapp 40 Metern hat sie weltweit sogar das höchste Backsteingewölbe. Mit der Bauzeit von 1265 bis 1351 gehört sie zur Epoche der Hochgotik, heute ist sie Teil des „UNESCO Weltkulturerbe Lübecker Altstadt“.
Ein ganz besonderes Schmuckstück der Hochgotik in der Marienkirche ist die Briefkapelle, die um 1310 als St. Annenkapelle an den Südturm angebaut wurde. Das komplizierte, den Himmel suchende Sterngewölbe ist eine architektonische Meisterleistung und eines der frühesten in Deutschland. Der Name Briefkapelle entstand erst nach der Reformation, in diesem Raum verrichteten Lohnschreiber ihre Tätigkeit. Die Briefkapelle wurde lange als winterlicher Gottesdienstraum genutzt, doch in den letzten zwei Jahren konnten durch großzügige Spenden Lübecker Bürger nötige und umfangreiche Sanierungsmaßnahmen vorgenommen werden. Zudem erhielt die Kapelle eine neue Beleuchtung und Elektrik, die Stuhlreihen wurden wieder nach Osten ausgerichtet.
Nun sollen hier nicht nur Gottesdienste, sondern auch andere Veranstaltungen stattfinden, unter anderem Kammermusikabende. Zum ersten Mal stand am vergangenen Samstag und Sonntag ein Flügel in der Briefkapelle. Dom- und Marienorganist Johannes Unger führte zum Ewigkeitssonntag mit dem Leipziger Tenor Wolfram Lattke den Liederzyklus „Winterreise“ von Franz Schubert (1797-1828) auf. Es war also gewissermaßen eine Premiere, in der sich erweisen sollte, ob 80 Wolldecken und 80 winterlich gekleidete Menschen die Überakustik des hohen Raumes auf kammermusikalische Bedingungen würden herunterdämmen können. Sie konnten es. Beide Konzerte waren ausverkauft, und so erlebten 160 Zuhörer eine ganz besondere Darbietung des bekannten Liederzyklus.
Wolfram Lattke ist ehemaliges Mitglied sowohl des Dresdner Kreuzchores als auch der Leipziger Thomaner, und er ist Mitglied des Leipziger Vokalsolistenensembles Amarcord. Noch heute ist der gerade, schlichte Ton ohne Vibrato, der den meisten Knabenchören eignet, sein Klangideal. In der Winterreise erlebt das lyrische Ich die verschiedensten Facetten des Winters als Spiegelung seelischer Zustände. Die Gestaltung des Beginns war in seiner geradezu keuschen Einfachheit zunächst ungewohnt. Und doch: Gerade die Schlichtheit frappierte, weil so die Arglosigkeit des enttäuschten Liebenden deutlich wurde. Dabei blieb es nicht.
Vor der Folie des Winters mit Eis, Kälte und Erstarrung entstehen in raschem Wechsel Bilder extremer Gefühlsschwankungen. Trotz und Sarkasmus wechseln mit Resignation, Todessehnsucht mit träumerischer Hoffnung. Heiße Tränen und warmes Herz können die erbarmungslos harte und kalte Rinde des zugefrorenen Baches nicht aufbrechen, keinem lebendigen Wesen begegnet die gequälte Seele, ja, sie scheut den Kontakt mit Menschen.
Wolfram Lattke verfügt über eine große und vielfältige Palette an Ausdrucksmöglichkeiten. Durch enorme künstlerische Präsenz ist er in der Lage, sogar bei langsamen Tempi das selbstquälerische Gefühlschaos mit intensiver Wucht zu vermitteln. Weiche, wunderschöne Linien singt er ebenso überzeugend wie atemloses Stürmen, von feinstem Piano schwingt er sich zu leidenschaftlichen Ausbrüchen ins kräftige Forte. Ein dezentes natürliches Vibrato stellte sich mitunter ein und verlieh den jeweiligen Passagen eine ganz erstaunliche Authentizität. Johannes Unger ist ein hervorragender Klavierbegleiter - sensibel und kongenial gestaltete er zusammen mit dem Sänger das Wechselspiel zwischen Ahnungen, Auflehnen und Resignation.
Nie kam es zu übertriebener Dramatik oder Sentimentalitäten, beides ist in diesem Zyklus schnell möglich. Diese Aufführung hatte einen großen ästhetischen Wert, was der Intensität der dargestellten Entwicklung hin zu beginnender Agonie keinen Abbruch tat. Freuen wir uns auf weitere Veranstaltungen mit Kammermusik in der Briefkapelle von St. Marien!

Wolfram Lattke verfügt über eine große und vielfältige Palette an Ausdrucksmöglichkeiten. Foto: Management W. Lattke
Text-Nummer: 176400 Autor: Svea Regine Feldhoff vom 24.11.2025 um 14.28 Uhr
