Brahms-Gipfel zum 60. Geburtstag
Lübeck - Innenstadt: Archiv - 25.11.2025, 12.27 Uhr: Das 3. Sinfoniekonzert in der Lübecker Musik- und Kongresshalle (MuK) geriet zu einem Abend der Superlative und der tiefen musikalischen Verbundenheit. Anlässlich seines 60. Geburtstages erfüllte sich Generalmusikdirektor Stefan Vladar einen persönlichen Wunsch und trat als Solist mit den beiden monumentalen Klavierkonzerten von Johannes Brahms auf.Die Zuhörer der sehr gut besuchten Musik- und Kongresshalle erlebten in vielfacher Hinsicht einen seltenen und dadurch besonderen Abend. Das lag nicht nur daran, dass das Publikum seinen Generalmusikdirektor in der seltenen Rolle des Solisten erleben konnte. Auch die Programmauswahl war besonders, denn selten hört man in einem Konzert beide Klavierkonzerte von Johannes Brahms. Zum einen ist dies für den Solisten ein wahrer Kraftakt der Konzentration und Ausdauer ist, zum anderen ist die Gegenüberstellung der beiden Werke musikalisch eine Herausforderung. Auch wenn die Konzerte aus einer Hand kommen, sind sie doch wie ungleiche Brüder: das 1. Klavierkonzert als energisch-frisches Werk eines jugendlichen, aber dennoch sich suchenden Komponisten, das 2. Konzert als reifes und kundiges Werk eines elder statesman, der zu den namhaftesten Komponisten seiner Zeit gehört. Aber gemeinsam mit dem Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck unter der feinfühligen Leitung von Roberto Paternostro gelang eine tiefgründige und emotional packende Interpretation, die das Publikum zu stehenden Ovationen hinriss. Aber von Anfang an.
Das erste Klavierkonzert, ein Werk aus Brahms' stürmischer Jugendzeit, wurde in einer Weise präsentiert, die das gängige Bild der Komposition sanft korrigierte. Der orchestrale Auftakt, oft von Brachialgewalt dominiert, erschien zwar kräftig, aber bewusst schlanker und jugendlicher. Vladar, Paternostro und das Orchester vermittelten dadurch ein grüblerischeres Brahms-Bild, das dem Klangeindruck der Entstehungszeit um 1860, als Klaviere noch weniger mächtig klangen, nahekam.
Vladars Gestaltung war von einer profunden Musikalität durchzogen und bot eine Interpretation, die über die reine Dramatik hinausging. Dieses Nachdenken über Licht und Dunkelheit nahm zuweilen schubert'sche Züge an: Wo strahlendes Licht war, ruhte gleichzeitig ein Schatten, und wo die Melancholie wohnte, war der Trost nicht weit. Den Ausführenden gelang es zudem, die richtungsweisende Modernität dieses frühen Konzertes hervorzuheben. Sie scheuten sich nicht, die schroffen Momente des Werkes zu betonen, die in ihrer Kühnheit und Direktheit bereits fast an die späteren, nordischen Klangwelten eines Sibelius erinnerten. Trotz der jugendlichen Unrast und der zerrissenen Thematik zeigten sich die fast kammermusikalischen Partien der Bläser in den leisen Passagen von großer Klarheit und Intimität.
Der langsame zweite Satz wirkte zutiefst intim und beruhigend fließend – ein Moment des Innehaltens, der die erkennbare Aufmerksamkeit des Publikums bis zum Schluss fesselte. Der dritte Satz, das abschließende Rondo, bot hingegen einen Kontrast in jugendlich-energischer Entschlossenheit und mündete in einen ersten großen Applaus.
Nach der Pause präsentierte sich Brahms als arrivierter Meister der Töne. Das zweite Klavierkonzert, in seinen Dimensionen noch gewaltiger, sinfonischer, erschien im Klangbild insgesamt voller und reifer. Hier spürte man die bewusste Setzung jedes Tons durch den Komponisten.
Stefan Vladar zeigte sich auch in diesem technisch extrem anspruchsvollen Werk herausragend. Er bewältigte die klanglichen und motorischen Herausforderungen des Klaviersatzes mit einer nahezu mühelosen Souveränität. Trotz der enormen Virtuosität blieb Vladar stets musikalisch präsent und packend, wodurch die technische Leistung in den Dienst der Komposition gestellt wurde.
Für besondere Gänsehautmomente sorgte die exzellente Leistung des Orchesters: Das einleitende Hornsolo sowie das ergreifende Violoncello-Solo im langsamen dritten Satz waren von berührender Qualität und zeugten von der Klasse des Philharmonischen Orchesters.
Der Abend lebte maßgeblich von der beeindruckenden Zusammenarbeit zwischen Vladar und Dirigent Roberto Paternostro. Ihr Zusammenspiel war geprägt von so viel gegenseitigem Wissen und Vertrauen, dass es den Eindruck einer tiefen Freundschaft vermittelte. Diese organische Chemie ermöglichte einen nahtlosen Dialog zwischen Solist und Orchester, der die Musik atmen ließ.
Die Ovationen des Publikums, das sich mit sehr langem Applaus und stehenden Grüßen erhob, waren nicht nur eine Hommage an die musikalische Leistung, sondern auch an Stefan Vladar als Persönlichkeit. Es war die sichtbare Wertschätzung für seinen Wunsch, die Lübecker als GMD an seinem 60. Geburtstag an seiner profunden Solistenkarriere teilhaben zu lassen.
Dieses Konzert war ein Triumph in jeder Hinsicht und ein beeindruckendes Plädoyer für die pianistische Klasse und die emotionale Tiefe von Stefan Vladar. Herzlichen Glückwunsch!

Opern- und Generalmusikdirektor Stefan Vladar. Foto: Olaf Malzahn
Text-Nummer: 176423 Autor: Ulrich Witt vom 25.11.2025 um 12.27 Uhr
