St. Annen präsentiert starken Abend zwischen Brahms und Schönberg
Lübeck - Innenstadt: Bei den neu ausgerichteten St.-Annen-Konzerten begeisterten Hans-Jürgen Schnoor und Maike Albrecht mit selten aufgeführten Werken der Spätromantik und Moderne – eindringlich, klar und auf höchstem Niveau. Das Publikum dankte mit lang anhaltendem Beifall für einen außergewöhnlich intensiven Konzertabend.Die traditionsreichen Remter-Konzerte gibt es nicht mehr, jedenfalls nicht mehr in der gewohnten Form. Sie reichten zurück bis in die 20er Jahre, bis zu Walter Kraft, einem der überregional bekanntesten Lübecker Organisten des 20. Jahrhunderts. Walter Kraft war Marienorganist von 1929 bis 1973. Mit seinem Kirchenorchester, einer gut ausgebildeten Gruppe von 16 Sängern und Instrumentalisten, bespielte Kraft nicht nur die Marienkirche, sondern auch andere geeignete Lübecker Räume. So sorgte er für Veranstaltungen etwa in der Katharinenkirche, im Heilig-Geist-Hospital und eben im Remter, dem größten Saal des spätmittelalterlichen St.-Annen-Museums.
Die Remter-Konzerte überlebten das Bestehen des Kirchenorchesters und auch Walter Kraft selbst. Erst in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts fand sich niemand mehr, der diese Tradition weiterführen wollte, bis Hans-Jürgen Schnoor ab 2008 zunächst in unregelmäßigen Abständen und schließlich jeden letzten Donnerstag im Monat mit ausgezeichneten Musikern die Remter-Konzerte wiederbelebte.
Hans-Jürgen Schnoor war Orgelschüler von Walter Kraft und in dessen letztem Jahr an St. Marien sein Assistent. Schnoor studierte Kirchenmusik, Klavier, Dirigieren und Cembalo. Vier Jahre war er der Organist an St. Jakobi in Lübeck, 32 Jahre Organist an der Vicelinkirche in Neumünster. An der Lübecker Musikhochschule unterrichtet er die Fächer Generalbass, historische Tasteninstrumente und leitet das Ensemble „Alte Musik“.
Schnoor bot diese Konzerte bei freiem Eintritt an – auch Menschen mit wenig Geld sollten in den Hörgenuss kommen. Spenden waren natürlich erwünscht und jeder sollte so viel geben, wie ihm das Konzerterlebnis wert war.
Nun finden die Konzerte auch im Remter, aber immer öfter auch im Foyer der Kunsthalle statt, nach wie vor am letzten Donnerstag im Monat, aber ausdrücklich unter dem Dach der Lübecker Museen. Sie heißen jetzt „St.-Annen-Konzerte“ und kosten Eintritt.
Am vergangenen Donnerstag bekam das nicht allzu große, aber deutlich hoch motivierte, interessierte und in Teilen sicher auch fachkundige Publikum einige eher selten aufgeführte Werke der Spätromantik und der Moderne zu hören. Johannes Brahms (1833-1897) der die „großen“ deutschen Dichter eher mied, vertonte am häufigsten Lyrik des heute kaum noch bekannten Religionsphilosophen und Übersetzers Georg Friedrich Daumer (1800-1875).
Die geschickte Auswahl aus den über 60 Daumer-Liedern von Brahms zeigte Facetten der Liebe, verknüpft mit vielfältigsten Naturschilderungen, Lieder, in denen Brahms psychologische Zustände von schwärmerischer Seligkeit über wahnhafte Träume bis hin zu völliger Erschöpfung und Todesahnungen präzise und wohlkonstruiert nachzeichnet. Hans-Jürgen Schnoor am Flügel und seine Frau Maike Albrecht (Sopran) veranschaulichten diese Kompositionskunst auf höchstem ästhetischem Niveau. Nach der erschütternden, wie improvisiert wirkenden Melancholie des h-Moll-Intermezzos des späten Brahms dann das musikgeschichtlich so bedeutsame op.15 von Arnold Schönberg (1874-1951). Stefan George (1868-1933) hat sich im „Buch der hängenden Gärten“ mit unterschiedlichsten Reimformen in einen märchenhaften, aber auch beängstigenden Orient hineingeträumt. 15 dieser Gedichte der unheimlichen Atmosphären und des Unerklärlichen nahm Arnold Schönberg zum Anlass, in freischwebender Atonalität neue Formen des Ausdrucks zu finden.
Maike Albrecht gelangen die expressiven inneren Vorgänge mühelos, makellos, klar und perfekt intoniert in höchsten Höhen, geheimnisvoll und eindringlich in tieferen Regionen. Gleichzeitig wurde deutlich, wie schnörkellos und ohne Ornamente Schönberg die Texte beinahe sprechend, als Prosa, umgesetzt hat. Hans-Jürgen Schnoor zeigte die neuartigen Intervallballungen, die seltsam fremden und doch schönen, oft traumhaft entrückten melodischen und harmonischen Ereignisse in kongenialer Korrespondenz mit der Sängerin.
Der Flügel, auf dem musiziert wurde, gehört Hans-Jürgen Schnoor und Maike Albrecht. Es handelt sich um ein Instrument von C. Bechstein aus dem Jahre 1880. Brahms kannte und schätzte dieses Modell wegen seines klaren Tones und seiner Stabilität. Lange anhaltender Beifall zeugte von einer mehr als zufriedenen Zuhörerschaft. Die nächsten St.-Annen-Konzerte finden statt am 18. 12. 2025 im Remter (ein Weihnachtskonzert, lassen Sie sich überraschen!), am 29. Januar 2026 im Remter mit Werken von Mozart, am 26. Februar 2026 im Foyer der Kunsthalle mit Werken von Beethoven und am 26. März 2026 mit den Goldberg-Variationen von Bach.

Das deutlich hochmotivierte, interessierte und in Teilen sicher auch fachkundige Publikum bekam einige eher selten aufgeführte Werke der Spätromantik und der Moderne zu hören. Foto: Svea Regine Feldhoff
Text-Nummer: 176496 Autor: SRF vom 28.11.2025 um 11.17 Uhr
