Virtuose Debüts und eine majestätische Wiedergeburt
Lübeck: Archiv - 06.12.2025, 19.25 Uhr: Nicht überraschend ist, dass gute Orchester gute Konzerte geben können. Aber wie ist es, wenn sich das Orchester auf gleich zwei Debütanten einlassen muss, und das mit zwei Werken, die mit ihren technischen Herausforderungen an Grenzen gehen, wovon es das eine nie zuvor gespielt hat? Das 2. Sinfoniekonzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters am 5. Dezember in der Lübecker Musik- und Kongresshalle versprach also, zumindest ein spannendes Konzert zu werden.Dabei war die Programmauswahl an sich sehr anregend, denn mit Sergej Prokofjews 2. Klavierkonzert und der 1. Sinfonie d-Moll des heute fast vergessenen ungarischen Komponisten Ernst von Dohnányi erklangen zwei Werke, die in einem stark kontrastierenden und zugleich komplementären Verhältnis zueinanderstehen. Sie beleuchten zwei völlig unterschiedliche Wege, die die Musik zu Beginn des 20. Jahrhunderts einschlug, obwohl die Komponisten Zeitgenossen waren.
Zunächst erklang Prokofjews 2. Klavierkonzert. Es steht für die revolutionäre, provokante Moderne und war bei seiner Uraufführung, ein Jahr vor dem 1. Weltkrieg ein Skandal (wie überhaupt 1913 ein „Skandaljahr“ gewesen zu sein scheint). Durchsetzt mit Kühnheit, scharfen Rhythmen und mit beißender Ironie versehen, gilt es auch wegen seiner monumentalen Solokadenz im ersten Satz als eines der technisch schwierigsten in der gesamten Klavierliteratur, das mit seinen blitzschnellen Passagen, massiven Akkorden und komplexen rhythmischen Strukturen selbst erfahrene Pianisten an ihre Grenzen bringt.
Präsentiert wurde dieses Konzert in Lübeck vom jungen italienisch-slowenischen Pianisten Alexander Gadjiev, der damit auch beim NDR Elbphilharmonie Orchester debütierte. Er sorgte in den letzten Jahren durch spektakuläre Erfolge bei bedeutenden Klavierwettbewerben für weltweite Aufmerksamkeit. Hierbei wurde er besonders für seinen improvisatorischen Instinkt und seine beeindruckenden analytischen Fähigkeiten gelobt, die er mit einer Technik und tiefem musikalischen Empfinden paarte, die keine Schwierigkeiten und Grenzen zu kennen scheinen.
Nicht zu Unrecht, wie Gadjiev beeindruckend bewies, denn als wäre es nichts, wechselte er abrupt zwischen zarten, lyrischen Momenten und donnernden, orchestralen Ausbrüchen, was extreme Kontrolle erfordert. Schon in seinen ersten Tönen, die sich nach der Kritik der Uraufführung danach anhören „als würde [der Solist] die Tasten abstauben und probieren, welche höher und welche tiefer klingen“, war die Kraft Prokofjews geradezu greifbar, die die Zuhörer immer tiefer in die Klangwelt der Komposition hineinzog und schließlich bei der gewaltigen Kadenz fast atemlos staunen ließ.
Die Interaktion zwischen Klavier und Orchester ist in diesem Werk oft ein Kampf, wobei das Klavier gegen einen oft wilden, dissonanten Klangapparat ankämpfen muss, aber Gadjiev und dem NDR Elbphilharmonie Orchester gelang es, dies in einer Balance zu halten und nicht zu einem Kampf gegeneinander abzudriften. Einen wichtigen Anteil daran hatte auch der Dirigent Gergely Madaras, der als sicherer Mittler und aktiver Gestalter zwischen Solist und Orchester fungierte und besonders im zweiten Satz, in dem der klangliche Fokus mehr auf dem Solisten liegt, das Orchester zu einem gleichgewichtigen Begleiter und nicht nur zum Stichwortgeber zu positionieren.
Gadjievs Leistung aber war nicht einfach nur beeindruckend. Schillernd wie Perlenketten funkelten seine Läufe in den satten Orchesterklang hinein, fiebrig-fliehend stürmte er voran, nur um im nächsten Augenblick zwischen fast kindlich wirkenden Phrasen und gewaltigen Passagen hin- und herzuwechseln wie das unberechenbare Wetter an einem frischen Aprilmorgen. Und doch war alles voller innerer Logik bis hin zur atemberaubend furiosen Coda, in der sich die Tasten des Klaviers zu heißer Lava zu verwandeln schienen. Dem lang applaudierenden Publikum präsentierte er drei kleine Zugaben und zeigte damit noch ganz andere Facetten, die über die im an Eindrücken schon überreichen Prokofjew noch weit hinausgingen.
Der zweite Teil des Konzertes gehörte dann der 1. Sinfonie von Ernst von Dohnányi. Erstmals am Pult des NDR Elbphilharmonie Orchesters stand dabei der 1984 geborene und international gefragte ungarische Dirigent Gergely Madaras. Als Opern- und Konzertdirigent ist er inzwischen international gefragt, ist er einerseits im traditionellen klassischen und romantischen Repertoire verwurzelt, setzt sich zugleich aber auch stark für ungarische Komponisten wie Bartók und Kodály sowie für zeitgenössische Musik ein. Beste Voraussetzungen also, um die romantischen, virtuos-komplexen und oft unterschätzten Qualitäten von Dohnányis Musik herauszuarbeiten und die Zuhörer für eine Wiederentdeckung zu begeistern.
Seine Sinfonie Nr. 1 ist im Gegensatz zu Prokofjews Klavierkonzert ein Bekenntnis zur spätromantischen Tradition. Dohnányi, ein Mitschüler von Bartók, orientierte sich in ihr stilistisch stark an seinen Vorbildern Johannes Brahms, Anton Bruckner und Richard Strauss, was ihm zu Unrecht den Vorwurf eines Epigonen einbrachte. Dabei zeigte er sich in seiner 1. Sinfonie nicht nur auf der Höhe seiner Zeit, sondern ging in Harmonik, Instrumentation und Formgebung deutlich über die Tonsprache seiner Vorbilder hinaus, ohne dabei groß auf ungarische Folklore zurückgreifen zu müssen. Aber gerade dieses macht es auch für ein Orchester zur Herausforderung, zwischen all diesen Klangvorbildern den originären Klang von Ernst von Dohnányi zu finden, besonders dann, wenn es auf keine „Klangerfahrung“ zurückgreifen kann. Dabei waren auch die technischen Herausforderungen den Musiker:innen auf der Bühne geradezu ins Gesicht geschrieben.
Madaras und das NDR Elbphilharmonie Orchester entschieden sich, die klanglichen Möglichkeiten des groß besetzten Orchesterapparates voll auszuloten. Nach dem scharfen, modernen Prokofjew, dessen Klavierkonzert einen elektrisierenden Auftakt bot, konnte das Publikum mit Genuss in die warmen, farbigen, schwelgerischen Klangwelten der Spätromantik eintauchen, die ein tiefes Hörerlebnis und einen majestätischen Abschluss ermöglichten. Besonders im zweiten Satz blitze eine Welt auf, in der es Dohnányi gelang, sich von seinen Vorbildern zu lösen und Farben schillern zu lassen, die erst viele Jahre später Korngold oder Atterberg aufgriffen.
Insgesamt erlebte das Publikum in der gut besuchten Musik- und Kongresshalle einen gelungenen Abend, der nicht nur die umjubelte Wiederauferstehung der 1. Sinfonie Dohnányis feierte. Madaras brachte eine besondere Authentizität und Leidenschaft für die spätromantische Klangsprache Dohnányis mit, während Gadjiev als gefeierter internationaler Wettbewerbsgewinner die technische Brillanz und musikalische Tiefe, die für die revolutionäre Herausforderung und die legendär schwere Kadenz von Prokofjews 2. Klavierkonzert notwendig sind, spielerisch und gefühlvoll lieferte. Hinzu kam die großartige Leistung des Orchesters mit seiner stilistischen Flexibilität und der Fähigkeit, die musikalischen Welten von Prokofjew und Dohnányi auf höchstem Niveau zu vereinen. Danke für dieses Konzert, das auf die Zukunft hoffen lässt!

Das 2. Sinfoniekonzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters überzeugte das Publikum in der MuK.
Text-Nummer: 176665 Autor: Ulrich Witt vom 06.12.2025 um 19.25 Uhr
