Philharmoniker feiern Widmann und Mahler
Lübeck: Archiv - 14.12.2025, 19.08 Uhr: Das 4. Sinfoniekonzert des Philharmonischen Orchesters der Hansestadt Lübeck am Sonntagvormittag, dem 14. Dezember 2025, in der Musik- und Kongresshalle (MuK) war ein voller Erfolg – und das nicht nur musikalisch. Unter der Leitung von Stefan Vladar erlebte das Publikum eine faszinierende Reise vom sphärischen Minimalismus in Jörg Widmanns "Armonica" bis zur existenziellen Wucht von Gustav Mahlers 5. Sinfonie.Die MuK war bis fast auf den letzten Platz gefüllt; die Tatsache, dass sogar der zweite Rang für den Verkauf geöffnet wurde, unterstrich die starke Resonanz, die dieses ambitionierte Programm hervorrief. Erfreulicherweise schien die Veranstaltung diesmal auch verstärkt ein jüngeres Publikum anzulocken, ein wichtiges Zeichen für die Vitalität der Konzertreihe und der klassischen Musik überhaupt.
Der erste Teil des Konzerts stand ganz im Zeichen eines der ungewöhnlichsten Soloinstrumente überhaupt: der Glasharmonika. Solistin Christa Schönfeldinger, die bereits im Januar 2007 die Uraufführung von Widmanns Werk "Armonica" bestritt, überraschte das Publikum dabei mit einem klangschönen Prolog: dem Adagio für Glasharmonika von Wolfgang Amadeus Mozart, mit dessen sphärischen Klängen sie eine mystisch-magische Stimmung in den Saal der MuK zauberte.
Tatsächlich ist die Glasharmonika ein Instrument mit einzigartiger Klangwirkung und einer faszinierenden Geschichte. Seine heutige Form wurde vom amerikanischen Erfinder und Staatsmann Benjamin Franklin 1761 geschaffen. Sie besteht aus unterschiedlich großen, ineinandergeschobenen Glasschalen, die auf einer horizontalen Spindel befestigt sind. Durch das Treten eines Pedals werden die Schalen in Drehung versetzt, und der Klang entsteht, indem der Instrumentalist die feuchten Fingerspitzen an die Ränder der Glocken legt – ähnlich wie man ein Trinkglas zum Singen bringen kann.
Ihr irisierender Klang inspirierte nicht nur Mozart. Donizetti zum Beispiel setzte sie gezielt in der berühmten Wahnsinnsszene seiner Oper Lucia di Lammermoor ein, um den emotionalen und psychischen Ausnahmezustand der Titelfigur zu verdeutlichen. Andere Menschen waren überzeugt, der Klang könne Hirnschäden verursachen, weshalb die Glasharmonika mancherorts sogar polizeilich verboten wurde. Wieder andere nutzten ihren hypnotischen Charakter in der Psychiatrie zur therapeutischen Hypnose.
Diese Dualität zwischen berückender Schönheit und unterschwelliger Beunruhigung nutzte Jörg Widmann für seine Komposition "Armonica". Widmanns Ansatz ist dabei weit entfernt von der klassischen Konzertform. Das Werk beginnt klanglich verhalten und "windig", ein Eindruck, der durch die Verwendung von Geräuschen entsteht, etwa das "Nur Blasebalg-Luftgeräusch" des Akkordeons. Doch die Stimmung ändert sich rasch: Der Orchesterklang verdichtet und verdüstert sich zunehmend, und in diesem Moment der aufkommenden Spannung erfolgt der zentrale Einsatz der Solistin. Christa Schönfeldinger an der Glasharmonika dominierte tatsächlich den Klangraum. Als ihre feinen, ja zerbrechlichen Klänge das erste Mal wirklich präsent einsetzten, wirkte dies wie ein Bannstrahl, der die "bösen Geister" vertreibt, welche das Orchester zuvor beschworen hatte. Ihre überirdischen Töne ziehen sich durch das ganze Werk, obwohl Widmann die Glasharmonika nicht als Soloinstrument im klassischen Sinne anlegt. Unter der präzisen Leitung von Stefan Vladar entfalteten sich diese Klangflächen wie große Farbkleckse im Raum. Ergänzend dazu stellte Widmann dem zarten Glas den erdigen Klang des Akkordeons gegenüber, was die Musiker in der Partitur als halbsolistische Partner links und rechts vom Dirigenten positionierte. Vladar gelang es, die Balance meisterhaft zu halten und sowohl die Zerbrechlichkeit der Solistin als auch die Dichte des Orchesterklangs zur Geltung zu bringen.
Nach der Pause entführte Stefan Vladar das Publikum in Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 5 cis-Moll. Dieses monumentale Werk stellt höchste Anforderungen an jedes Orchester. Das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck bewies in diesem Kraftakt seine volle Leistungsfähigkeit und erfüllte die enormen dynamischen und emotionalen Anforderungen dieser komplexen Partitur in voller Gänze. Mahlers Fünfte ist voll von exponierten Solostellen – von der Eröffnungstrompete über schwere Passagen für Hörner und Posaunen bis hin zu den feinsten Streicherklängen. Hier zeigten die großartigen Instrumentalisten des Philharmonischen Orchesters ihre vollen Potenziale und sorgten für eine Darbietung auf höchstem Niveau.
Die Interpretation, die Vladar und das Orchester für dieses Mahler‘sche Meisterwerk präsentierten, war zudem psychologisch tiefgründig. Der Trauermarsch war dunkel und schmerzlich, vermied es jedoch, "trauertriefend" zu sein. Stattdessen arbeitete die Lesart eine tiefe Verletzlichkeit heraus. Das Orchester zeigte dabei eine beeindruckende Fähigkeit zu changierenden Klangfarben, insbesondere im zweiten Satz, wo der nahtlose Wechsel von Celli über Bratschen zu den Bläsern die hohe Ensemblekultur demonstrierte. Im dritten Satz, dem Scherzo, spürte man Mahlers Wiener Wurzeln: Der Klang trug eine gewisse Morbidität, die zusammen mit den aufkeimenden Walzerklängen an den wienerischen Ausdruck der "schönen Leich" erinnerte – eine Feier des Lebens angesichts des Todes. Umso stärker wirkte das eingeschobene, weltberühmte Adagietto. Nur für Streicher und Harfe gesetzt, erklang es zart schwebend wie eine intime Liebeserklärung, eine meditative Insel inmitten der symphonischen Turbulenzen.
Umso stärker wirkte der eingeschobene, weltberühmte vierte Satz, das Adagietto. Nur für Streicher und Harfe gesetzt, erklang es zart schwebend wie eine intime Liebeserklärung, eine meditative Insel inmitten der symphonischen Turbulenzen. Obwohl das Stück durch seine prominente Verwendung in Filmen wie Luchino Viscontis Verfilmung von Thomas Manns Der Tod in Venedig stilprägend geworden ist, ließen Vladar und das Orchester diese filmische Assoziation komplett vergessen. Die Interpretation befreite das Adagietto und präsentierte es in seiner reinen, zutiefst musikalischen Essenz.
Der Übergang in den fünften Satz (Rondo-Finale) war dann der musikalische Befreiungsschlag. Das Finale war ein großes, strahlendes Rondo, das den Kontrast zum dunklen Beginn überzeugend umsetzte. Es hatte die nötige Energie und den Kehraus-Charakter.
Die Essenz des Konzerts lag in den dramatischen Extremen: Widmann nutzte die Glasharmonika, um die im Orchester aufkommenden "bösen Geister" zu vertreiben. Mahler hingegen stellte dem Dunkel seines ersten Satzes schließlich im Finale eine fast bis zum Übermut gesteigerte Heiterkeit gegenüber, die man sich kaum jubelnder und glanzvoller vorstellen kann. Die Leistung des Philharmonischen Orchesters der Hansestadt Lübeck unter Stefan Vladar war ein Triumph, der die Verbindung von historischer Klangmagie und romantischem Tiefgang eindrücklich feierte. Die Töne des letzten Akkords waren noch nicht ganz verklungen, da bedankte sich das Publikum mit Bravo-Rufen und Standing Ovations für diese glanzvolle Aufführung.
Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Dirigent Stefan Vladar und der Verein Musik- und Orchesterfreunde Lübeck die Gelegenheit dieses Konzerts auch nutzen, um die Bedeutung der Zusammenarbeit hervorzuheben. Der Verein konnte das Philharmonische Orchester in dieser Saison mit einer Summe von 20.000 Euro fördern. Dieser Einschub verdeutlichte dem Publikum eindrücklich, dass die Realisierung von Konzerterlebnissen dieser Größenordnung – bei denen, wie in Mahlers Fünfter, weit über 100 Musizierende auf der Bühne stehen – nur durch solch engagierte private und ideelle Förderung möglich ist. Ein wichtiges Statement zur kulturellen Verantwortung aller Bürger:innen in der Hansestadt.

Christa Schönfeldinger zauberte eine mystisch-magische Stimmung in die MuK. Foto: Wiener Glasharmonika Duo
Text-Nummer: 176811 Autor: Ulrich Witt vom 14.12.2025 um 19.08 Uhr
