Beste Gemeinschafts-Unterkunft: Ostseestraße soll weiterbetrieben werden
Lübeck - Travemünde: Als Pia Steinrücke ihr Amt antrat, informierte sich die Senatorin für Wirtschaft und Soziales auch über die Travemünder Gemeinschaftsunterkunft und über die Bedenken, die es vor gut einem Jahrzehnt deswegen gab. „Mittlerweile ist diese Unterkunft für uns die am besten funktionierende Unterkunft“, sagte Steinrücke jetzt auf einer Stadtteilkonferenz. Die Unterkunft, für die ursprünglich eine Nutzungsdauer von zehn Jahren kommuniziert wurde, soll deshalb weiterbetrieben werden.
Inzwischen ist es ruhig geworden um die Ostseestraße.
Die Sorgen am Anfang
Im großen Saal der Ostseeakademie, die zurzeit gerade abgerissen wird, gab es im November 2015 eine sehr gut besuchte Informationsveranstaltung der Stadt. Die besuchten auch Gegner der geplanten Gemeinschaftsunterkunft. Sogar Flyer gingen rum, die zum Protest aufriefen: „Helfen Sie mit, einen breiten Widerstand zu organisieren, damit Travemünde nicht zum sozialen Brennpunkt wird!“, hieß es darin. Die Bedenken reichten von der Sicherheit bis zur Sorge um fallende Immobilienpreise im Umfeld der Unterkunft. Davon ist heute nichts mehr zu hören.

Mit solchen Flyern wurde vor zehn Jahren gegen die Unterkunft Stimmung gemacht. Die Befürchtungen, dass aus dem Seebad ein „sozialer Brennpunkt“ wird, haben sich ganz offensichtlich nicht bewahrheitet.
Beste Unterkunft der Stadt
Zehn Jahre später spricht die Lübecker Senatorin von der „am besten funktionierenden Unterkunft“. Pia Steinrücke verwies unter anderem auf das Engagement des „ehrenamtlichen Kreis der Ostseestraße“. Es sei ein sehr lebendiges und auch von der Bewohnerstruktur her sehr gemischtes Haus. Es gibt viele Sonderräume wie Werkstätten, ein Sprachcafé, eine Bibliothek und ein Nähzimmer. Viele Möglichkeiten auch für die ehrenamtliche Unterstützung.
Das Erfolgsgeheimnis
Warum es in der Ostseestraße so gut funktioniert, verriet Pia Steinrücke auch: „Ich glaube, es hat genau mit diesem Widerstand zu tun, der anfangs da war, und der Auseinandersetzung“, erläuterte sie. Und letztlich auch mit dem „sich zusammen hinsetzen“ und dem „Was braucht es denn, damit es hier in ihrer Nachbarschaft gut läuft? Wir binden Sie ein, Sie können Ihre Ideen einbringen“, sagte die Senatorin. „Und genau das passiert hier.“
Besonderheit: Eine Unterkunft mit Kita
Eine Besonderheit ist laut Senatorin Steinrücke die Kita. „Ich selbst war zunächst kritisch mit einer Kita in einer Unterkunft“, erklärte sie. Besser sei es immer, wenn die Kinder aus Flüchtlingsfamilien in eine gemischte Kita gingen. „Aber auch hier müssen wir sagen, die Kita funktioniert super. Und die Kinder, die hier in der Unterkunft sind, sind trotzdem auch sehr gut integriert. Und es wird sehr viel dafür getan, dass sie nicht nur in der Unterkunft sind, sondern auch Kontakt zu anderen Kindern haben.“
77 Zimmer mit jeweils vier Betten
Betreiber der Gemeinschaftsunterkunft in der Ostseestraße sind die Johanniter Unfallhilfe und das Deutsche Rote Kreuz. Es gibt 77 Bewohnerzimmer mit maximal Viererbelegung. Die wird aber oft nicht voll ausgenutzt, weil ja nicht nur vierköpfige Familien oder vier zueinander passende Personen kommen. Zurzeit leben dort 93 weibliche und 170 männliche Bewohner. Die meisten sind Ukrainer, gefolgt von den Syrern und weiteren Nationalitäten. Die Bewohnerschaft der Gemeinschaftsunterkunft sei „bunt gemischt, und es funktioniert trotzdem“, sagte Senatorin Steinrücke. „Also auch hier mal allen Vorurteilen zum Trotz, das Zusammenleben der unterschiedlichen Nationalitäten funktioniert in dieser Unterkunft gut.“

Auf der Travemünder Stadtteilkonferenz 2026 wurde die Bewohnerstruktur per Tortendiagramm erläutert.
Lübeck hat zu wenig barrierefreie Zimmer
Die Gemeinschaftsunterkunft in Travemünde verfügt über vier rollstuhlgerechte Zimmer. „Das ist relativ wenig“, sagte Senatorin Steinrücke. „Das ist auch in der gesamten Stadt in allen Unterkünften ein Thema.“ Besonders seit viele, auch ältere Flüchtlinge aus der Ukraine kämen. „Sodass wir eigentlich noch mehr barrierefreie Räumlichkeiten brauchen.“

Was für ein großes Thema die geplante Gemeinschaftsunterkunft einmal war, zeigt dieses Bild von einer Informationsveranstaltung im November 2015.
Stadt will Unterkunft weiter betreiben
Bei der Versammlung vor gut zehn Jahren hieß es vonseiten der Verwaltung, die Gemeinschaftsunterkunft sei auf zehn Jahre ausgelegt. Das wurde aus dem Publikum schon damals bezweifelt. Zumindest in diesem Punkt sollten die Kritiker recht behalten: „Wir wollen diese Unterkunft weiter betreiben“, sagte jetzt Senatorin Steinrücke. Die Gebäudestruktur sei noch in einem guten Zustand und die Unterkunft gut etabliert. „Wir werden weiter Plätze brauchen“, sagte sie. Man beobachte ständig das Fluchtgeschehen. „Wir bleiben bei unserem dezentralen Konzept, das heißt, in jedem Stadtteil auch eine Unterkunft. Und von daher wollen wir an dieser Unterkunft festhalten und sie auch hier weiter betreiben.“

Im Februar 2017 zogen die ersten Bewohner in die Travemünder Gemeinschaftsunterkunft. Die Stadt will das Projekt über die ursprünglich kommunizierten zehn Jahre hinaus weiterführen. Fotos: Helge Normann
Text-Nummer: 177364 Autor: Helge Normann vom 21.01.2026 um 18.05 Uhr
