Bildungs-Debatte: Zwischen Handy-Verbot und Elternpflicht

Lübeck: „Wie viel Schule kann das Elternhaus ersetzen? Bei der Traditionsveranstaltung ‚Mittwochsbildung‘ in der Gemeinnützigen Gesellschaft stellte sich Bildungsministerin Dorit Stenke einer lebhaften Debatte über die Zukunft der Schulen im Land. Zwischen dem Ruf nach strengeren Handy-Regeln, geplanten Sprachtests für Vierjährige und dem Kampf gegen sinkende Leistungsstandards wurde eines deutlich: Die Schule steht vor Mammutaufgaben – doch die Ministerin sieht auch die Eltern in der Pflicht.

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Moderatorin Antje Peters-Hirt verwies bei ihrer Begrüßung gleich schon einmal auf die Tradition. Wer neu ist in der Führung des Bildungsministeriums, tritt zeitnah bei der Mittwochsbildung an, schließlich eines der nachhaltigsten und am längsten bestehenden Bildungsforen im Lande.

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Ministerin Stenke kam gerne in den großen Saal der Gemeinnützigen Gesellschaft und nutzte auch gleich die Gelegenheit zu einer Tour d’Horizon über ihren ganzen Geschäftsbereich, mit leicht entschuldigenden Blicken zu Universitätspräsident Helge Braun in der ersten Reihe.

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Probleme der Hochschulen wurden nicht angesprochen, ihr Augenmerk galt zunächst einmal der Situation an den Schulen. Im Lichte des Holocaust Gedenktages forderte sie zunächst einmal dazu auf, Antisemitismus entschieden entgegenzutreten, eine Aufgabe aller im Bildungsbereich tätigen Kräfte. Dann kam sie auf die Grundschulen zu sprechen und berichtete über kürzlich erworbene Eindrücke. Auch junge Schülerinnen und Schüler haben durchaus Interesse an Mathematik und Naturwissenschaften, berichtete sie, und bekundeten zumindest eine gewisse Zurückhaltung bei der Handynutzung. Ihr war natürlich klar, dass diese Wahrnehmung so ganz repräsentativ nicht ist, und sie kam dann später auch darauf zu sprechen, dass regelbasierte Ansätze in Zukunft deutlicher in den Schulalltag einziehen müssen. Respekt, Verantwortung, Solidarität und Verständigung auf Regeln sollen deutlicher akzentuiert werden. Den Unterricht in Wirtschaft und Politik möchte sie früher beginnen lassen. Unsere Schüler sind gut im Wissen über Institutionen und Strukturen, müssen aber früher mit der aktiven Politik in Verbindung kommen. Die Schule muss sich nach draußen öffnen. Beispielhaft führte sie dabei die Gedenkstättenarbeit an, die sie gerade von ostholsteinischen Schulen bei einem Besuch in Haffkrug erlebt hatte.

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Dann ging es um Probleme. Die Leistung der Schulsysteme fällt ab. Die beiden Flüchtlingswellen haben die Schulen vor enorme Probleme gestellt, und alles, was man zur Abmilderung getan hat, war nicht genug. Dringenden Handlungsbedarf sieht sie in der Leistungs- und Kompetenzentwicklung und auf dem Feld der Chancengerechtigkeit. Es muss eine Leistungserwartung geben, man kann die Ansprüche nicht ständig zurückfahren. In der Stärkung der Berufsorientierung sieht sie ein weiteres wichtiges Feld.

Dann kam die Diskussion, in der von Schulabsentismus über Kürzungen bis hin zu genereller Schulfähigkeit alle derzeitigen Probleme im Bildungsbereich angesprochen wurden.

Viel Beifall erhielt eine Frage nach verstärkter Zuwendung in der frühkindlichen Phase. Ausgangspunkt war der Streit um den Sprachtest für 4½-Jährige. Der ist in Vorbereitung für das Jahr 2028, da zunächst einmal 1855 Kitas und 400 Grundschulen darauf eingestellt werden müssen. "Ich will die Schüler nicht testen, weil ich neue Zahlen haben möchte, sondern ich will den Schülern helfen“, antwortete die Ministerin. Das berührt auch die vom Ministerpräsidenten angestoßene Debatte um die Handynutzung von Jugendlichen. "Wir sind sehr wild entschlossen, dafür zu sorgen, dass die Regeln, die es gibt, eingehalten werden. Das Tech-Unternehmen müsse schon jetzt den Zugang versagen, habe aber die Möglichkeit, den Jugendlichen den Zugang zu sperren. Das müsse durchgesetzt werden.

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Ungereimtheiten bei der Einstellung und Stellenbesetzung von Lehrkräften wurden angesprochen und angemahnt. Ständige Umbesetzungen waren besonders für einige Lehrkräfte nicht mehr nachvollziehbar. Da war es natürlich schwer, auf Einzelheiten der Bedarfsplanung einzugehen. „Warum wird Unterricht in Geschichte, Religion und Philosophie gekürzt?“, war eine weitere Frage. Da handelt es sich um einen Kompromiss, um die Vielfalt noch zu erhalten und die Streichung eines einzelnen Faches zu vermeiden, letztlich aus Kostengründen, wurde erläutert.

Abschließend wies Prof. Hans Arnold vom Förderverein für Lübecker Kinder noch einmal auf die immensen Gefahren für die Hirnentwicklung hin, wenn in den ersten drei Jahren gravierende Fehler gemacht werden. Die Kinder sollten mit den modernen Medien überhaupt nicht in Kontakt kommen. "Es ist eine von den Eltern überhaupt nicht wahrgenommene Vernachlässigung," man kann sogar von Misshandlung sprechen. Es gibt Schulen, da sind von 50 Schülern 2 schulfähig. „Wie trösten Sie die Lehrer?"

Ministerin Stenke bat um Verständnis. "Ich kann die Eltern nicht zwingen, auf die Kinderärzte und auf alle Mahnungen zu hören." Es gibt da eine Grenze des Eingreifens und eine Verantwortung der Eltern für die frühe Entwicklung eines Kindes.

Es war eine engagierte Diskussion, für die Moderatorin Antje Peters-Hirt am Ende allen Beteiligten herzlich dankte.

Hören Sie im Originalton ein Interview von Harald Denckmann mit Bildungsministerin Dorit Stenke

Ministerin Stenke kam gerne in den großen Saal der Gemeinnützigen Gesellschaft. Fotos: Harald Denckmann

Ministerin Stenke kam gerne in den großen Saal der Gemeinnützigen Gesellschaft. Fotos: Harald Denckmann


Hier hören Sie den Originalton:

Text-Nummer: 177517   Autor: Harald Denckmann   vom 29.01.2026 um 09.43 Uhr

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