Das graue Karussell der Sehnsucht: Offenbachs Hoffmann in Lübeck
Lübeck - Innenstadt: Von der Anatomie eines Scheiterns und der Toxizität der Ideale: Die Premiere von Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ am Theater Lübeck geriet am Samstagabend zur fulminanten Psychostudie in einer Welt voller Schatten.
Es ist ein Paradox der Musikgeschichte: Jacques Offenbach verstarb über seinem Schwanengesang, bevor er ihm die letzte, gültige Form geben konnte. Zurück blieb ein genialer Trümmerhaufen, ein Steinbruch an Quellen, zu dem viele andere noch ihren Teil der Zertrümmerung beitrugen und der jede Bühne vor die Herausforderung stellt, aus den Fragmenten eine eigene Wahrheit zu schöpfen. Das Theater Lübeck hat für die Premiere am 31. Januar eine in sich bestechend stimmige Lösung gefunden, die das Unvollendete nicht als Mangel, sondern als ästhetisches Prinzip begreift. In einer Inszenierung von Philipp Himmelmann und unter der musikalischen Leitung von Takahiro Nagasaki entfaltete sich ein Abend, der die Abgründe des Künstlertums mit klinischer Präzision ausleuchtet.
Diese Reise in das Nachtreich der Seele findet ihren Ort in einem Bühnenbild von David Hohmann, das reduzierter kaum sein könnte. Wir blicken in das graue Innere von Hoffmanns Existenz: ein schlichter, grautäfelter Raum, dominiert von einem wuchtigen Tresen. Es ist ein Ort der existenziellen Statik, und doch dreht sich die Bühne unaufhörlich – ein sinnbildliches Hamsterrad, in dem die Welt weiterzieht, während der Protagonist taumelnd auf der Stelle tritt. In dieses farblose Vakuum treten als wenige farbliche Kontraste die Frauen. Doch sie bringen kein Licht, keine Erlösung. Sie sind lediglich die grellen Projektionsflächen von Hoffmanns eigenem, toxischen Frauenbild.
Unterstützt wird diese psychologische Lesart durch die Kostüme von Meentje Nielsen. Ihr gelingt der Spagat, das historische Kolorit der Entstehungszeit zu wahren und gleichzeitig die Charaktere scharf zu zeichnen. Selbst bei einer so absonderlichen Figur wie der Automaten-Puppe Olympia findet Nielsen eine gestalterische Lösung, die das Mechanische spürbar macht, ohne die menschliche Tragik dahinter zu verdecken. Die Kostüme werden so zum Teil der Maskerade, die Hoffmann den Frauen zuschreibt: Die willenlose Olympia, die innerlich zerrissene Antonia als Heimchen mit Plüschschlappen und Strickjacke, die käufliche Giulietta – sie alle sind keine Kritik am Weiblichen, sondern das Zerrbild eines Mannes, der reale Frauen nicht erträgt und sich stattdessen in den Alkohol und in unmögliche Ideale flüchtet.
Inmitten dieser grauen Welt agiert Konstantinos Klironomos als Hoffmann mit einer erschütternden Intensität. Er spielt und singt diesen Dichter als ein Wrack der Sehnsucht, das verzweifelt nach einer Kunst und einem Leben sucht, die ihm längst entglitten sind. An seiner Seite kämpft Frederike Schulten als Muse und Nicklausse mit einer eminenten Präsenz gegen den Untergang an. Sie ist die unermüdliche Motivatorin, die den Künstler zu retten sucht, während die Inszenierung im Spiel mit harten Schatten bereits ihre Ohnmacht andeutet: Wenn der Schatten Hoffmanns die Muse förmlich verschlingt, scheint ihre göttliche Kraft für Augenblicke buchstäblich zu schwinden.
Die Frauenfiguren, die Hoffmanns Wahn befeuern, werden in dieser Inszenierung zu einer beklemmenden Einheit des Scheiterns verschmolzen. Den Anfang macht Sophie Naubert als Olympia, die das Kunststück vollbringt, die mechanische Künstlichkeit der Puppe mit einer stimmlichen Brillanz zu füllen, die jede technische Hürde ignoriert. Ihre rasanten Läufe und Stakkati in der berühmten Arie „Les oiseaux dans la charmille“ wirkten so mühelos, als könne sie auf jede Schwierigkeit spielerisch noch „ein Schippchen drauflegen“, was ihr begeisterte Bravorufe bescherte.
Dieser virtuose Automatismus schlägt um in die tragische Innerlichkeit von Andrea Stadels Antonia. Stadel gestaltet den Übergang von der zurückhaltenden jungen Frau zur Besessenen, die im tödlichen Terzett mit der geisterhaften Stimme ihrer Mutter (eindrucksvoll: Delia Bacher) ihr Leben dem Gesang opfert, mit einer tief bewegenden Balance aus zarter Klangfarbe und dramatischer Wucht. Es ist der Moment, in dem die visuelle Poesie der Inszenierung ihre stärkste Wirkung entfaltet: Wenn Antonia zum Singen verführt, werfen die Scheinwerfer den Schatten ihrer Mutter an die grauen Wände, die mit ihren langen, gierigen Fingern an Murnaus „Nosferatu“ erinnern – ein Bild des Grauens, das auch Jacob Scharfman als Hoffmanns Gegenspieler mit seiner mephistoartigen, diabolischen Bühnenpräsenz meisterhaft befeuert. Scharfman verleiht allen vier Widersachern eine stimmliche Schwärze und diabolische Körperlichkeit, die Hoffmanns Schicksal unentrinnbar macht.
Den Reigen der Enttäuschungen schließt Aditi Smeets als Giulietta ab, die eine Atmosphäre von kalkulierter Kälte und gefährlicher Leidenschaft kreiert. In ihrer Szene wird das Motiv des Identitätsverlusts greifbar, was in einem technischen Kabinettstück gipfelt: Viktor Aksentijević als Schlemihl bewegt sich auf der hell erleuchteten Bühne so präzise, dass er – ganz seiner Rolle entsprechend – keinen Schatten wirft. Es ist diese Detailverliebtheit, die den Abend so außergewöhnlich macht.
Das Philharmonische Orchester unter Takahiro Nagasaki erwies sich dabei als idealer Begleiter, der einen transparenten, wunderbar französischen Klangteppich ausrollte. Auch die geschlossene Ensembleleistung, vom autoritären Crespel (Changjun Lee) bis zu den prägnanten Charakterstudien von Tomasz Myśliwiec und dem stimmgewaltigen Chor (Einstudierung Jan-Michael Krüger), trug zum Erfolg bei.
Am Ende der ausverkauften Vorstellung dreht sich die Welt weiter, und Hoffmann taumelt hinterher – die Frage nach seiner Rettung bleibt schmerzhaft offen. Das Publikum im voll besetzten Haus dankte mit lang anhaltendem, stehendem Applaus. Besonders erfreulich war, dass auch den Menschen hinter der Bühne, die diese komplexe Maschinerie aus Licht, Schatten und Technik steuern, beim Schlussapplaus die verdiente Anerkennung zuteilwurde. Ein Triumph für das Theater Lübeck, der zeigt, dass wahre Kunst oft dort entsteht, wo man den Mut hat, in die grauen Tiefen der menschlichen Seele zu blicken.

Die Premiere von Hoffmanns Erzählungen war ein Erfolg für das Theater Lübeck. Fotos: Olaf Malzahn
Text-Nummer: 177577 Autor: Ulrich Witt vom 01.02.2026 um 17.02 Uhr
