Der Tanz des Daseins: Von der Leichtigkeit des Balls zum Reigen mit dem Tod
Lübeck - Innenstadt: Tanz ist weit mehr als Bewegung zur Musik, er ist eine Metapher für das Leben selbst. Beim 5. Sinfoniekonzert in der Musik- und Kongresshalle (MuK) verwandelte das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck unter Josep Caballé Domenech die Bühne in ein Parkett der existenziellen Fragen.Es gibt Vormittage, an denen die Musik den Konzertsaal nicht bloß füllt, sondern ihn in einen Resonanzraum für das menschliche Dasein verwandelt. Das 5. Sinfoniekonzert des Philharmonischen Orchesters der Hansestadt Lübeck unter der Leitung von Josep Caballé Domenech war ein solcher Moment. Das Programm, eine kluge Trias aus Weber, de Falla und Prokofjew, wurde unter dem alles überspannenden Thema des „Tanzes“ zu einer Reflexion über den ewigen Kreislauf aus Werden, Begehren und Vergehen – ein Tanz, den der Mensch nicht nur mit seinem Nächsten, sondern immer auch mit dem Leben und dem Tod vollführt.
Der spanische Gastdirigent Josep Caballé Domenech war dabei eine der zentralen Figuren des Konzertes, pflegt einen bemerkenswert offenen, fast schon entfesselten Dirigierstil. Sein Dirigat ist kein starres Taktschlagen, sondern eine plastische Formgebung. Besonders in den tiefen Schichten der Dynamik bot er ein Schauspiel von seltener Intensität: Bei den Piano-Stellen ging Domenech so weit in die Knie, als wolle er den Klang unmittelbar aus dem Boden der MuK beschwören, bis er physisch fast hinter seinem Pult verschwand.
Seine linke Hand agierte dabei als eigenständiges Narrativ – mal mahnend, mal zärtlich formend, mal abwedelnd, immer im direkten Dialog mit den Musikern. Das Orchester reagierte auf diese physische Präsenz mit einer fast schon elektrisierten Wachsamkeit. Es war ein nachhaltiges Folgen, eine Symbiose, die besonders in der Agogik Früchte trug. Die Tempi waren von einer Elastizität, die man selten hört; die Musik durfte atmen, durfte verzögern und drängen, was bereits Carl Maria von Webers „Aufforderung zum Tanz“ aus der Ecke des rein Dekorativen herausholte. In Webers Walzer-Metapher wurde das Zögerliche, das Werben und schließlich das Rauschhafte durch Caballé Domenechs nuancierte Dynamik – die auch im weiteren Verlauf des Konzertes von der Grenze des Hörbaren bis zum glanzvollen, aber nie forcierenden Forte reichte – zu einem psychologischen Kammerspiel.
Mit Manuel de Fallas „El Amor brujo“ (Liebeszauber) wechselte die Szenerie vom Ballsaal in die archaische Welt Andalusiens. Die Geschichte der Witwe Candelas, die vom Geist ihres eifersüchtigen verstorbenen Mannes am neuen Glück gehindert wird, ist ein ritueller Tanz mit den Schatten der Vergangenheit. Erst im ekstatischen „Feuertanz“ kann die Bindung an den Toten gelöst werden.
Hier bewies die Mezzosopranistin Ieva Prudnikovaite, warum sie derzeit zu den faszinierendsten Erscheinungen auf der Lübecker Bühne gehört und warum sie zu Recht dort auch als „Carmen“ zu sehen ist. Sie verweigerte sich der Versuchung des glatten Belcanto und wählte stattdessen einen Weg der absoluten Authentizität. In Anlehnung an die legendäre Gitana Pastora Imperio, die de Falla einst die Keimzellen dieses Werkes vorsang, verkörperte Prudnikovaite die Kraft und den Stolz der spanischen Rom:nja. Ihr Gesang war kein bloßes Schönsingen, sondern eine schauspielerische und stimmliche Entäußerung, die jede Faser des „Cante jondo“ – des tiefen, leidenschaftlichen Gesangs – spürbar machte. Sie sang nicht nur Candelas; sie war in jeder Minute der Tanz selbst, auch wenn sie nicht sang.
Das Orchester stützte diesen Exorzismus mit einer Brillanz, die besonders in den Trompeten gipfelte. Den Musikern wurde hier eine enorme Wandlungsfähigkeit abverlangt: von scharfen, fast schneidenden Einwürfen bis hin zu jenen spezifischen, gedämpften Klangfarben, die de Fallas Instrumentierung so einzigartig machen.
Den dramatischen Schlussstein setzte Sergei Prokofjews Ballettmusik zu „Roméo et Juliette“. Caballé Domenech und das Orchester trafen hier eine mutige, aber goldrichtige Entscheidung, indem sie, statt eine der standardisierten Suiten zu wählen, eine eigene Auswahl aus der Ballettmusik zusammenstellten. Dieser kuratierte Zugriff erlaubte es, die tragische Handlung des Shakespeare-Dramas musikalisch konsistent nachzuzeichnen.
So verschmolzen das zuvor gehörte spanische Feuer und die russische Leidenschaft zu einer Erzählung von universeller Wucht. Der „Tanz der Ritter“ klang nicht bloß martialisch, sondern besaß eine unheimliche, schicksalhafte Schwere, während die Liebesszenen in einer fast schmerzhaften Transparenz erstrahlten. Das Orchester bewies hier seine ganze Klasse: Die Forte-Stellen waren von einem enormen Volumen, behielten aber eine helle, klare Struktur, die niemals ins Lärmende kippte.
Wenn am Ende eines solchen Vormittags das Publikum in der gut besuchten MuK nicht nur applaudiert, sondern mit Bravos und schließlich Standing Ovations dankt, dann liegt das an der spürbaren Ehrlichkeit der Darbietung. Josep Caballé Domenech, Ieva Prudnikovaite haben gezeigt, dass Musizieren auch bedeutet, sich verletzlich zu machen, sich physisch in den Dienst der Komposition zu stellen. Sie haben uns daran erinnert, dass wir alle im großen Reigen des Lebens stehen – und es sich lohnt, diesen Tanz mit vollem Einsatz zu wagen.
Ein großartiger Vormittag für Lübeck, der gerne noch lange in den Ohren und Herzen nachklingen darf.

Beim 5. Sinfoniekonzert in der Musik- und Kongresshalle (MuK) verwandelte das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck unter Josep Caballé Domenech die Bühne in ein Parkett der existenziellen Fragen. Foto: Archiv/HN
Text-Nummer: 177727 Autor: Ulrich Witt/red. vom 09.02.2026 um 11.29 Uhr
