Grandios: Schuberts Winterreise im Haus Eden

Lübeck - Innenstadt: Am Freitag gastierten im Haus Eden der Hamburger Sänger Tom Kessler (Bassbariton) und die Lübecker Pianistin Annette Töpel mit dem Liederzyklus „Winterreise“ von Franz Schubert (1797-1828). Der Beifall des Publikums wollte kein Ende nehmen.

Die Lübecker MuK fasst, zumindest bei Stehkonzerten, bis zu 3500 Personen, in das Lübecker Theater passen bis zu 800 Personen. Doch kulturelle Vielfalt äußert sich nicht nur in vollen Konzertsälen oder Theatern, sondern auch und gerade durch Veranstaltungen in kleineren Räumlichkeiten. Dort können ausgefallenere Themen zur Sprache kommen, selten gespielte Kompositionen zu hören sein und vor allem Werke zur Aufführung kommen, die gar nicht für große Säle konzipiert wurden, sondern am besten in kleinerem Rahmen zur Geltung kommen. Ein gutes Beispiel für einen solchen Aufführungsort ist das Lübecker Haus Eden. Erbaut im 13. Jahrhundert, hat dieses Haus eine wechselvolle Geschichte aufzuweisen. Unter Denkmalschutz steht es seit 1968, immerhin trägt es das älteste komplett erhaltene Dachwerk der Hansestadt Lübeck. Bei einem Umbau im 19. Jahrhundert entstand ein Festsaal, in dem ab 1919 ein Kino eingerichtet wurde. Nach langem Leerstand erwarb das Ehepaar Hagenkötter das Haus und ließ es in vier Jahren von 2016 bis 2020 gründlich renovieren. Der Festsaal im Obergeschoss, es passen hier 90 Personen hinein, ist nun ein beliebter Aufführungsort für unterschiedlichste kulturelle Veranstaltungen.


Es handelt sich um eins der letzten Werke des früh verstorbenen Komponisten. In den vielfältigsten Schattierungen wird der Zustand eines zutiefst enttäuschten, verletzten und weggestoßenen Liebenden mit allen Facetten des Winters verbunden. Dem heißen, leidenschaftlichen Herzen stehen Eis, Schnee, Kälte und Erstarrung gegenüber. Weit ab von Menschen, deren Nähe er scheut, deutet das lyrische Ich alle Naturerscheinungen in seine seelischen Qualen ein. Der zyklische Zusammenhang der Lieder ist unverkennbar, hier wird eine Entwicklung geschildert, die von trotzigem Aufbäumen und leidenschaftlicher Anklage über resignierende Schicksalsergebenheit und verzweifelte Erinnerungen zu eindeutigen Todesahnungen führt.

Sarkasmus liegt direkt neben Schmerz, zwanghaftes Wandern neben matter Kraftlosigkeit. Die einzige Begegnung mit einem Menschen findet im letzten Lied statt, es gibt weder Sehnsucht noch Hoffnung, die Reise endet in völlig auswegloser Agonie.

Grandios meisterten Annette Töpel und Tom Kessler dieses musikalisch und darstellerisch höchst anspruchsvolle Werk. Tom Kesslers Stimme zeichnet sich bei durchweg warmem Timbre durch satte Tiefe aus, in der Höhe klang sie weich und anschmiegsam. Annette Töpel, technisch versiert, gestaltete mit dem Sänger in kongenialem Zusammenspiel expressive und lyrische Passagen gleichermaßen eindrucksvoll. Die beiden Musiker fächerten eindringlich ein Kaleidoskop musikalischer Gestaltungsmöglichkeiten auf. Erst nach langer Stille war es den Zuhörern möglich, Beifall zu zollen, dann aber wollte der kein Ende nehmen.

Annette Töpel und Tom Kessler begeisterten das Publikum. Foto: Michael Töpel

Annette Töpel und Tom Kessler begeisterten das Publikum. Foto: Michael Töpel


Text-Nummer: 177839   Autor: Svea Regine Feldhoff   vom 14.02.2026 um 08.50 Uhr

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