Die NDR Radiophilharmonie entfesselt Byrons „Manfred“-Universum

Lübeck - Innenstadt: Am Samstagabend präsentierte die NDR Radiophilharmonie unter ihrem Chefdirigenten Stanislav Kochanovsky in der gut besuchten Lübecker Musik- und Kongresshalle (MuK) ein hochdramatisches, intellektuell dichtes und emotional forderndes Programm. Wer hier leichte Unterhaltung suchte, war definitiv im falschen Saal. Wer aber die Abgründe der Romantik mit Schumann und Tschaikovsky ausloten wollte, musste diesen Abend lieben.

Schumanns Cellokonzert zwischen dessen „Manfred“-Ouvertüre und Tschaikovskys „Manfred“-Sinfonie: Diese thematische Klammer war auf jeden Fall genial. Lord Byrons dramatisches Gedicht „Manfred“ prägte damit das 19. Jahrhundert entscheidend und seine Titelfigur wurde geradezu zum Inbegriff des romantischen Helden. Dieser wird von der unerträglichen Schuld an der inzestuösen Liebe zu seiner Halbschwester Astarte geplagt, deren Tod er indirekt mitverantwortet hat. Obwohl er sogar übernatürliche Mächte kontaktiert, können ihm weder die Magie noch die Religion, sondern nur der Tod die Erlösung von seinem inneren Leiden und seinem Weltschmerz gewähren.

Auch Schumann identifizierte sich sehr mit der Figur des Manfred. Zeitzeugen berichteten, dass er beim Vorlesen von Byrons Gedicht in Tränen ausbrach. Für ihn waren Manfreds innere Zerrissenheit und die Suche nach Vergessenheit ein Spiegel seiner eigenen Angst vor dem geistigen Verfall. Daraus entstand wohl eines von Schumanns ambitioniertesten und persönlichsten Projekten, sein 15-sätziges „Dramatisches Gedicht mit Musik“. In der Konzertpraxis geblieben ist nur die „Manfred“-Ouvertüre, die am Beginn des gestrigen Konzertabends stand.

Der NDR Radiophilharmonie und Stanislav Kochanovsky, seit der Saison 2024/25 Chefdirigent des Orchesters, gelang in unnachahmlicher Weise, das Seelenportrait des gepeinigten Manfred zu zeichnen. Fast greifbar wurden dessen Rastlosigkeit, sein Aufbäumen, sein Trotz, aber auch sein Wanken, seine Verzweiflung. Schon der Beginn vermittelte das Bild eines wankenden, fast stürzenden Manfreds, der sich erst mühsam wieder aufrichten muss.

Schon in diesen ersten Minuten war zu sehen, wie sehr Kochanovsky und die NDR Radiophilharmonie in der kurzen Zeit ihres Zusammenspiels miteinander verwachsen sind, wie sie inzwischen fast gemeinsam atmen. Unter Kochanovsky wirkten die Musiker bestens aufgelegt und strahlten eine Spielfreude aus, die sich direkt auf das Publikum übertrug. Man merkt: Hier stimmt einfach die Chemie. Auffällig war auch der Klang des Orchesters, voller Wärme und mit weicher Textur, ohne dass es dabei ins Kitschige gleitet. Dieser romantische Klang ist nicht „zuckrig“, sondern immer mit einer Helligkeit, die manchmal sogar silbrig zu schimmern scheint, und die man sehr gerne hören mag, auch weil er immer mit emotionalem Biss einhergeht und nicht „überkontrolliert“ wirkt. Zwischen Kochanovsky und der NDR Radiophilharmonie „floss“ es am gestrigen Abend im besten Sinne.

Das war auch gut so, denn nach "2x Schumann" stand mit Tschaikowskys „Manfred“-Sinfonie noch eine viel größere Herausforderung bevor. Im Vergleich zur Schumann-Ouvertüre ist dieses Werk eher ein Breitwand-Epos: ein klanggewaltiges Panorama, das fast schon Filmmusik-Charakter hat. Und tatsächlich: Nach der Pause explodiert das Orchester geradezu, und das nicht nur personell. Der Sprung von Schumanns eher herber, nach innen gekehrter Orchestrierung zu Tschaikowskys farbenprächtigem „Technicolor“-Sound ist gewaltig. Das Orchester braucht nicht nur eine exzellente Blechbläser-Sektion, sondern auch einen Dirigenten, der die Struktur der Sinfonie zusammenhält, damit sie nicht in Einzelteile zerfällt. Kochanovsky ließ das Orchester berauschend aufblühen und schaffte es zugleich, nie die Kontrolle über die Architektur des Werkes zu verlieren. Das ist keine kleine Aufgabe in dieser 60-minütigen instrumentalen Materialschlacht.

Dieser Tschaikowsky war einfach ein Genuss bis in die Details. Im 2. Satz war ein extrem präzises, flirrendes NDR-Holz zu hören, während im 4. Satz die Blechbläser ihre ganze Wucht entfalten durften, ohne den Gesamtklang zu erdrücken. Neben der Totenglocke, die im 3. Satz gespenstisch aus dem Off in den Saal hineinklang, wurde schließlich der Einzug der Orgel im Finale zu einem „Gänsehaut-Moment“. Die Wirkung in Kombination mit dem Orchester war phänomenal: kein bloßer „Lärm“ sein, sondern eine religiöse Verklärung. Vom ersten bis zum letzten Ton dieser gewaltigen Sinfonie herrschte eine greifbare Hochspannung auf der Bühne.

Und das Cello-Konzert von Schumann im ersten Teil? In der Tat bestand die Gefahr, dass das Cellokonzert in diesem speziellen „Manfred-Sandwich“ hätte zerdrückt werden können. Immerhin ist Schumanns Cellokonzert kein virtuoses „Präsentierkonzert“, sondern eher ein lyrisches Selbstgespräch. Schumanns Orchestrierung ist oft sehr dicht und gleichzeitig zurückhaltend. Im Vergleich zu Tschaikowsky, bei dem mit Schlagwerk, massiven Blechbläsern und einer Orgel geradezu eine „Wand“ auf das Publikum zurollt, könnte das feingliedrige Schumann-Konzert fast wie eine blasse Erinnerung wirken, fast wie ein „Fremdkörper“ zwischen den beiden anderen emotionalen Antipoden.

Hinzu kommt, dass Schumanns Cellokonzert selbst schon als tückisch gilt, da es enorme technische Hürden bietet, die jedoch nie zum reinen Selbstzweck dienen dürfen. Eingerahmt zwischen den beiden „Manfreds“ brauchte es also einen Solisten, der nicht nur technisch perfekt spielt, sondern eine unglaubliche Bühnenpräsenz und einen sehr tragfähigen Ton besitzt, um gegen die „Manfred-Masse“ zu bestehen.

Dass all das gelang, ist dem großartigen Solisten Truls Mørk zuzurechnen. Nicht zu Unrecht gilt er als einer der bedeutendsten und vielseitigsten Cellisten der Gegenwart. Schon seine technische Virtuosität ist atemberaubend. Zeitweise entstand der Eindruck, Mørk habe die Technik in Gänze „hinter sich gelassen“, als würden mit ihm alle technischen Fragen obsolet, so selbstverständlich gerieten selbst die schwierigsten Passagen. Zusammen mit der NDR Radiophilharmonie und Stanislav Kochanovsky ging es an diesem Abend allein nur noch um die emotionale Ausdeutung des Werkes und all seiner Töne.

Mørk gab dem Konzert einen außerordentlich warmen, fast vokalen Ton mit einem kraftvollen, aber gleichzeitig weichen und resonanten Klang, der besonders in den kantablen Passagen des 2. Satz zu einem regelrechten Aufblühen der Melodien führten. Bemerkenswert war auch Mørks sehr bewusster Umgang mit dem Vibrato. Er nutzte es nicht als Dauerzustand, sondern als gezieltes Gestaltungsmittel. In manchen Passagen hielt er den Klang fast fahl und spröde und erzeugte so eine überraschende melancholische Intimität. Wenn er hingegen Vibrato einsetzte, dann nur, um bestimmte Höhepunkte oder emotionale Wendepunkte regelrecht „aufleuchten“ zu lassen. Das waren keine exzessiven, oberflächlichen Gesten, sondern Mørk suchte die psychologische Tiefe in Schumanns Partitur. Zusammen mit dem Dirigenten und den Musikern des Orchesters geriet das Konzert zu einem innigen Dialog zwischen Cello und Orchester, fast ein „Konzertstück mit Orchester“ im Sinne eines kammermusikalischen Austausches. Zwischen den beiden „Manfreds“ verkörperte das Cellokonzert den Rückzug in das Innere, das Zerbrechliche, das menschliche Leid ohne den großen literarischen Überbau. Das Cellokonzert war der entscheidende und notwendige Ruhepol des Abends nach der aufwühlenden Ouvertüre und dem losbrechenden Sturm im zweiten Teil, mit einer ganz eigenen, wertvollen Innigkeit und Bedeutsamkeit. Truls Mørk bedankte sich für den rauschenden Applaus mit dem „Gesang der Vögel“ von Pablo Casales, dessen letzte Töne in eine fast magische Stimmung in der MuK mündeten.

Dieser Konzertabend war keiner zum bloßen „Anhören“, es war ein Eintauchen. In einer Welt, die oft oberflächlich und schnelllebig ist, bot dieses Programm den Luxus der absoluten Tiefe. Das Publikum konnte eine seltene thematische Geschlossenheit erleben. Es war wie ein exzellent kuratiertes Menü, wie ein „Concept Album“. Am Ende des Abends stand nicht nur lang anhaltender Applaus, sondern auch ein Publikum, das den Saal mit dem Gefühl verlassen konnte, ein ganzes Universum – das des Lord Byron – durchmessen zu haben.

Die NDR Radiophilharmonie erhielt am Samstagabend in der Lübecker MuK lang anhaltenden Applaus.

Die NDR Radiophilharmonie erhielt am Samstagabend in der Lübecker MuK lang anhaltenden Applaus.


Text-Nummer: 177846   Autor: Ulrich Witt   vom 15.02.2026 um 15.41 Uhr

Text teilen: auf facebook +++ auf X (Twitter) +++ über WhatsApp

Text ausdrucken. +++  Text ohne Bilder ausdrucken.