Operetten am Lübecker Theater von 1933 bis 1944

Lübeck - Innenstadt: Am Sonntag veranstaltete der Verein Operette in Lübeck e. V. im „Hoghehus“ das mittlerweile 139. Konzert der beliebten Reihe „Operette am Klavier“. Die Sopranistin Victoria Car widmete sich zusammen mit Tomasz Myśliwiec und Michael P. Schulz (beide Tenor) Werken, die am Lübecker Theater in den Jahren von 1933 bis 1944 aufgeführt wurden.

Victoria Car ist Österreicherin, hat in Wien Gesang studiert, hat unzählige Fortbildungen absolviert, ist mehrfach preisgekrönt und kann ein beachtliches Solorepertoire aufweisen.

Myśliwiec ist langjähriges Ensemblemitglied im Theaterchor, aber auch häufig solistisch tätig. Michael P. Schulz ist sowohl Gründer des Operettenvereins als auch der Initiator dieser Konzert-Reihe. Mit Markus Bruker, dem musikalischen Leiter vieler Produktionen im Hamburger Opernloft, saß ein versierter und engagierter Pianist und Korrepetitor am Klavier. Michael P. Schulz führte sachkundig und aufschlussreich durch das Programm.

Am Beispiel Lübeck wurde deutlich, welch eigentümliche neue Bedeutung dem Genre „Operette“ in der Zeit des Nationalsozialismus zukam. Ursprünglich einfach eine „kleine Oper“ von eher heiterem Charakter, mit eingängigen Melodien und gesprochenen Dialogen, erlebte die Operette im 19. Jahrhundert ihre Blütezeit als humorvolles und spritziges Gegenstück zur ernsteren Schwester, der Oper. Immer beliebter wurden satirische Einlagen, die gesellschaftliche Zustände „aufs Korn“ nahmen. Virtuose Gesangspassagen, Tanzeinlagen wie ungarischer Csárdás, Wiener Walzer oder französischer Cancan taten ein Übriges, um das Erlebnis Operette durchaus zu einem klamaukigen, gerne frivolen, aber geistvollen Genuss zu machen, dem man sich mit Vergnügen aussetzte.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die Operette als „entartet“ diffamiert, denn viele Komponisten, Librettisten, Regisseure und Sänger waren jüdisch – wie zum Beispiel Emmerich Kálmán, Oscar Straus, Leo Fall oder Paul Abraham – oder mit Juden und Jüdinnen verheiratet wie zum Beispiel Ralph Benatzky. Die Operette sollte ideologisch bereinigt und auf Parteikurs gebracht werden. Es hagelte Berufsverbote, viele Künstler schafften Flucht und Emigration, viele wurden in KZs ermordet. Eine Ausnahme blieb Franz Lehár, der seine jüdische Frau vor Verfolgung bewahren konnte, weil Hitler seine Kompositionen liebte. Satirische Inhalte wurden verboten. Die Operette sollte ausschließlich zur Verbreitung einer heilen, deutschen Welt dienen, und so kamen nur propagandistisch bedenkenlose Werke zur Aufführung. Wie überall in Deutschland, stieg der Anteil an Operetten auch auf dem Lübecker Spielplan an. Besonders nach Kriegsbeginn 1939 wurde das Thema Ablenkung immer wichtiger.

Am Sonntag im ausverkauften Konzertsaal des Hoghehus ließen Victoria Car, Tomasz Myśliwiec und Michael P. Schulz auf ganz zauberhafte Weise die harmlosen, „unpolitischen“ Operettenwelten wieder erstehen. Es erklangen Melodien von Franz Lehár, Robert Stolz, Eduard Künneke, Paul Lincke und Ralph Benatzky. Ein besonderes Erlebnis waren der spanische Walzer „Am Manzanares“ und das Lied „Ich bin verliebt“ aus Nico Dostals „Clivia“. In den Terzetten mischten sich die drei Stimmen sehr gut. Besonders jedoch die Duette mit Victoria Car und Michael P. Schulz gelangen vorzüglich. Spielfreudig gestalteten die beiden kesses Flirten oder verliebtes Schäkern, perfekt gelangen zungenbrecherische parallele Linien. Ein kleines Tänzchen wurde vom Publikum mit „Szenenapplaus“ belohnt. Victoria Car legte atemberaubende Koloraturen vor, bis in höchste Höhen saß jeder Ton. Schmachtende Glückseligkeit, mitunter auch etwas zu dick aufgetragene Sentimentalität, wurde mit Augenzwinkern präsentiert, stets charmant, temperamentvoll, spontan. Stimmgewaltig und durchaus ausdrucksstark sang Tomasz Myśliwiec, doch mitunter war der Kontakt zum Notenblatt stärker als der zum Publikum. Als letztes Stück des Nachmittags gab man „Wo die wilde Rose erblüht“ aus der Operette „Das Spitzentuch der Königin“ von Johann Strauß. Mit diesem Werk schloss das Theater am 12. Juli 1944 seine Pforten, wie alle Theater im ganzen Land. Eine eigentümliche Wehmut erfasste da das Publikum – wie überhaupt während des gesamten Konzertes die Widersprüchlichkeit zwischen den heuchlerischen Ablenkungsmanövern durch immerhin oft wunderschöne Melodien und der grausamen Wirklichkeit des „dutzendjährigen Reichs“ beim Hören präsent war.

Victoria Car, Markus Bruker, Michael P. Schulz und  Tomasz Myśliwiec widmeten sich den unpolitischen Operetten der Zeit von 1933 bis 1945. Foto: Svea Regine Feldhoff

Victoria Car, Markus Bruker, Michael P. Schulz und Tomasz Myśliwiec widmeten sich den unpolitischen Operetten der Zeit von 1933 bis 1945. Foto: Svea Regine Feldhoff


Text-Nummer: 177851   Autor: Svea Regine Feldhoff   vom 16.02.2026 um 08.55 Uhr

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