800 Objekte aus dem Grass-Nachlass kommen nach Lübeck
Lübeck: Dem Günter Grass-Haus ist es im letzten Jahr mithilfe des Beauftragten für Kultur und Medien geglückt, einen Teil des Nachlasses von Günter Grass aus Behlendorf anzukaufen. Die Objekte sollen im Lübecker Günter Grass-Haus in der Glockengießerstraße ausgestellt werden.Im etwa 25 Kilometer von Lübeck entfernten Behlendorf lebte der Literaturnobelpreisträger zusammen mit seiner Frau Ute von 1986 bis zu seinem Tod 2015. Bis vor kurzem befanden sich dort noch all seine Arbeitsmaterialien wie Bildhauerwerkzeuge, Malutensilien und Schreibgeräte, seine Bibliothek mit rund 4.500 Bänden sowie kuriose Gegenstände, die den Künstler zu neuen Ideen anregten – von Reisemitbringseln bis hin zu plattgefahrenen Fröschen. Nun konnte ein Teil dieser wertvollen Objekte nach Lübeck überführt werden. Die Gegenstände sollen ab 2027, dem Festjahr „100 Jahre Günter Grass“, dauerhaft im Günter Grass-Haus ausgestellt werden. Die Exponate wurden in den letzten Monaten digitalisiert, um damit die Möglichkeit zu bieten, das Werk von Günter Grass umfassend wissenschaftlich zu erforschen.
Ein persönliches Schreiben von Horst Janssen an Günter Grass.
Günter Grass hinterließ in seinem Atelier einen umfangreichen künstlerischen Nachlass, aus welchem das Günter Grass-Haus rund 800 Objekte für 30.000 Euro mithilfe des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien von der Günter und Ute Grass Stiftung erworben hat. Zudem erhielt das Günter Grass-Haus die Nobelpreisträgerbibliothek als Schenkung. In den vergangenen Monaten wurden die Objekte und Bücher vom Team des Günter Grass-Hauses in Zusammenarbeit mit einem externen Dienstleister inventarisiert und digitalisiert. Die umfangreiche Sammlung mit einem Schwerpunkt auf der Literatur der Nachkriegszeit enthält zahlreiche Widmungsexemplare, die das weitverzweigte literarische Netzwerk des Autors sichtbar machen. Marginalien, Annotationen und handschriftliche Anmerkungen geben zudem Einblick in seinen intellektuellen Arbeitsprozess.
„Für das Günter Grass-Haus ist der Ankauf dieses gewichtigen Teils des Nachlasses ein bedeutender Meilenstein. Bislang verfügte das Museum über keine persönlichen Gegenstände oder Bücher aus dem Nachlass von Günter Grass, sondern lediglich über Manuskripte und bildkünstlerische Arbeiten. Mit diesen neuen Exponaten – darunter Arbeitsmaterialien, Werkzeuge und Bücher aus Grass' privater Bibliothek – können 30 Jahre seines literarischen und bildkünstlerischen Schaffens bewahrt, erforscht und der Öffentlichkeit veranschaulicht werden“, so der Direktor des Günter Grass-Hauses, Dr. Jörg-Philipp Thomsa. „In vielen Titeln sind persönliche Widmungen anderer Autoren wie Salman Rushdie oder John Irving enthalten. Günter Grass hat Textstellen häufig markiert und abgebrannte Streichhölzer als Lesezeichen benutzt, die sich noch immer in den Büchern befinden. Dadurch lassen sich wertvolle Rückschlüsse auf sein eigenes Schaffen ziehen. Durch die Digitalisierung können sich internationale Wissenschaftler mit dem Werk von Günter Grass beschäftigen, ohne physisch vor Ort sein zu müssen.“
Die Objekte aus dem Behlendorfer Nachlass von Günter Grass werden derzeit sicher im Depot der Lübecker Museen verwahrt. Perspektivisch sollen sie zu einem zentralen Bestandteil der neuen Dauerausstellung des Günter Grass-Hauses werden, die anlässlich des 100. Geburtstags des Literaturnobelpreisträgers im Jahr 2027 eröffnet wird.
Das Grass-Anwesen in Behlendorf
Kein anderer Ort war Günter Grass so lange Heimat wie sein malerisches Anwesen in Behlendorf im Herzogtum Lauenburg. In dieser abgeschiedenen Ruhe schuf Günter Grass Weltliteratur. Direkt neben seinem Wohnhaus liegt ein ehemaliges Stallgebäude, das er als Bibliothek und Atelier nutzte. Hier entstanden Werke wie „Ein weites Feld“ (1995), „Mein Jahrhundert“ (1999), „Im Krebsgang“ (2002), „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006) oder „Grimms Wörter“ (2010) sowie zahlreiche Reden, Essays, Briefe und Tagebucheinträge. In seinem Atelier fertigte er unzählige Grafiken, Aquarelle und Plastiken. Das Haus „Am Kanal 1“ und seine Umgebung inspirierten das Werk des Schriftstellers, Grafikers, Bildhauers, Malers und politischen Intellektuellen immer wieder neu. Dies wird insbesondere in den Wort-Bild-Bänden „Fundsachen für Nichtleser“ (1997), „Eintagsfliegen“ (2012) oder „Vonne Endlichkait“ (2015) deutlich.
Im Original-Ton hören Sie Interviews von Harald Denckmann mit Museumsleiter Dr. Jörg-Philipp Thomsa und Hilke Ohsoling, ehemalige Sekretärin von Günter Grass.
Museumsleiter Dr. Jörg-Philipp Thomsa zeigt Parallelen zu Objekten und Werk. Fotos, O-Ton: Harald Denckmann
Hier hören Sie den Originalton:
Text-Nummer: 177926 Autor: Museen/red. vom 18.02.2026 um 15.55 Uhr
