Monteverdis „Poppea“ als Spiegelkabinett des Voyeurismus
Lübeck - Innenstadt: Claudio Monteverdis letztes Werk ist ein kühnes Paradoxon: eine Oper, die den Sieg der Unmoral feiert und dabei die schönsten Töne der Musikgeschichte findet. Das Theater Lübeck zeigte in seiner Premiere am 14. März eine herausragende Inszenierung, die den historischen Spott der Entstehungszeit in die erschreckende Gegenwart des digitalen Voyeurismus übersetzt.Mit „L’incoronazione di Poppea“ schuf Claudio Monteverdi kurz vor seinem Tod ein Werk, das bis heute fasziniert. Die Oper erzählt nicht von moralischer Läuterung, sondern von der triumphierenden Rücksichtslosigkeit – und kleidet diese Geschichte zugleich in Musik von überwältigender Schönheit. In der Premiere am 14. März zeigt das Theater Lübeck eine Inszenierung, die diese Ambivalenz radikal in die Gegenwart verlängert und sie als Kommentar auf eine von medialer Selbstinszenierung geprägte Gesellschaft liest.
Monteverdis letzte Bühnenkomposition gilt vielen als Krönung seines Schaffens, doch als „Die Krönung der Poppea“ 1642/43 auf die Bühne kam, stellte sie die damaligen Opernkonventionen auf den Kopf. Zu deutlich war die Kritik an Macht, Begehren und moralischer Ambiguität der Herrschenden, für die kein Gesetz zu gelten schien. Dass die Oper überhaupt auf die Bühne kommen konnte, obwohl sie das Verhalten der Mächtigen so schonungslos zeigt, lag wahrscheinlich auch daran, dass dies in der Karnevalszeit geschah, also in der „Narrenzeit“, in der bekanntlich der Narr den Herrschenden die Wahrheit ungestraft ins Gesicht sagen durfte. Und diese Wahrheit ist nicht schön, denn nicht ein Charakter in dieser Oper ist geeignet, als menschliches Vorbild zu dienen – nicht einmal der warnende Philosoph Seneca, der zwar das Gute propagiert, sich aber dann doch lieber freudig dem eigenen Tod hingibt, anstatt sich gegen Schlechtheit und Verderbtheit zu erheben, statt nur gegen sie anzureden.
Regisseur Johannes Pölzgutter überträgt diesen bitteren Befund konsequent in die Gegenwart. Das Bühnenbild wird von einer hohen grauen Wand bestimmt, die zunächst wie eine undurchdringliche Grenze wirkt. Doch immer wieder öffnen sich Türen und geben den Blick auf die luxuriöse Welt der Herrschenden frei. Diese Momente sind gezielt dosiert: Das Publikum sieht nie das Ganze, sondern nur Ausschnitte wie durch überdimensionale Schlüssellöcher, die sich mal hier, mal dort öffnen. Damit wird es selbst zum Beobachter einer glitzernden Oberfläche, deren Schattenseiten verborgen bleiben.
Gerade dieses fragmentarische Sehen ist Teil der Inszenierung. Entscheidend ist nicht, was wirklich geschieht – Verrat, Gewalt oder Tod –, sondern wie diese Ereignisse ins Bild gesetzt werden. Szenen wirken wie arrangierte Momentaufnahmen, die vor allem dazu dienen, dokumentiert zu werden. Orgien werden nicht gezeigt, sondern nur als Standbild drapiert, auszugsweise, am Rande. Der Höhepunkt dieser Perspektive ist erreicht, wenn das Bild der Situation wichtiger wird als das Geschehen selbst: Das Selfie neben einer Leiche zählt mehr als das Schicksal des Menschen. Überhaupt ist der Einsatz der Statisterie besonders pointiert: Als glitzernd gekleidete Influencer-Figuren werden sie von den Mächtigen wie dekorative Accessoires arrangiert und geradezu vorgeführt. Ein Schelm, wer dabei nicht an Social-Media-Postings aus Dubai denkt.
So entsteht auf der Bühne ein Bild, das stark an Mechanismen sozialer Medien erinnert. Die Aufführung zeigt eine Welt, in der nur das sichtbar wird, was Macht und Selbstdarstellung zulassen. Während das Volk Nero für seine vermeintliche Großzügigkeit gegenüber Drusilla und Ottone preist, die beiden „nur“ ins Exil zu schicken, weiß das Publikum die hässliche Wahrheit: Ihr Schicksal war schon längst besiegelt, eine echte Aussicht auf Leben gab es für sie nie. Videoeinspielungen – darunter Szenen von Demonstrationen und gewaltsamen Ausschreitungen, aber auch solche, bei denen wir den Herrschenden dabei zusehen können, wie sie sich lustvoll mit Goldfarbe einreiben, als gäbe es nicht Schöneres – erweitern diesen Blick und verbinden die antike Handlung mit politischen Bildern der Gegenwart.
Die Inszenierung lebt zugleich von der starken Ensembleleistung. Bereits im Prolog setzen Aditi Smeets als nassforsche Fortuna (Glück) und Natalie Beck als nicht weniger quirlige und doch zugleich naive Virtù (Tugend) markante Akzente (letztere wird uns im weiteren Verlauf als ebenso tugendhafte wie naive Drusilla begegnen). Zu Glück und Tugend hinzu kommt Janina Mae Dettenborn, die einen Liebesgott zum Anbeißen gibt und Amore im besten Sinne des Wortes Flügel verleiht. Auch durch ihre Ausstrahlung und Präsenz wird ihr Liebesgott zum Grenzgänger zwischen den Welten, zum heimlichen Herrscher des Geschehens.
Sophie Naubert als Poppea gibt eine eiskalte Strategin der Macht mit gefährlich geschmeidigem Sopran und einer fast erschreckenden Glaubhaftigkeit zwischen liebreizendem Charme und abgrundtiefer Skrupellosigkeit. An ihrer Seite gibt der Countertenor Meili Li einen frischen, lebendigen, kraftvollen Nerone, der unablässig zwischen kindlicher Unberechenbarkeit und despotischer Grausamkeit changiert. Weitere starke Rollenporträts kommen hinzu: Changjun Lee verkörpert mit seinem eindrucksvollen Bass einen ernsthaften, mahnenden Seneca, und Andrea Stadel gibt der geschassten Kaiserin Ottavia eine verletzte Würde und große emotionale Intensität, der den in der Inszenierung vorgesehen Abgang zurecht verdient. Und während Delia Bacher als Nutrice eine eindrucksvolle Bühnenpräsenz zeigt, gibt Jacob Scharfman mit seinem markanten Bariton einen perfekten Ottone, der zwischen Zorn und Wut alle Tugend fahren lässt und sich letztendlich doch sehr bereitwillig von Ottavia zu einem Mordkomplott überreden lässt und nicht davor zurückscheut, die tugendhafte Drusilla auch noch mit hineinzuziehen.
Schmankerl unter allen ist aber Thomas Stückmann als Poppeas Amme. Als etwas schrullige „Alte“ mit staunenswertem Stimmumfang merkelt er im Hosenanzug humorig über die Bühne, und doch durchtrieben bis ins Mark wie eine intrigante Vorzimmerdame, an der auf dem Weg zu den Granden kein Weg vorbeiführt, gefährlich wie ein offenes Messer in der Hose. Selbst Nerones willfährige Gehilfen Lucano (Wonjun Kim als proletenhafter Kleinkrimineller im Netzhemd unter dem rosa Anzug) und Littore (Valentin Anikin als Inkarnation eines „Moskau Inkasso“-Laufburschen) passen stimmlich wie bildlich ein rundum gelungenes Ensemble.
Auch ansonsten ist der Abend eine musikalische Offenbarung. Dabei steht jede Neuinszenierung vor einer riesigen Herausforderung: Von Monteverdis Oper sind eigentlich nur die Gesangsstimmen und ein Basso Continuo überliefert. Alles andere – Orchesterstimmen, Instrumentierung – stammt aus Materialien zweiter oder dritter Hand und ist keineswegs im Original erhalten. Häufig wählen Bühnen daher heute den Weg, das Werk für eine Neuaufführung komplett neu einzurichten.
Dafür hat sich auch der Dirigent Takahiro Nagasaki entschieden. Er schuf einen Klangkörper aus Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters der Hansestadt Lübeck und weiteren Gästen, die dem Abend eine ganz eigene Farbe verleihen, denn Bernhard Reichel und Neo Gundermann an barocken Theorben sowie die beiden Blockflötisten Julian Fricker und Hans Fröhlich setzen klangliche Akzente, die der Musik eine zeitlose Schönheit geben. Auch andere Entscheidungen Nagasakis, wie eben jene, die eigentlich als Mezzosopran/Countertenor angelegte Rolle des Ottone in die Bariton-Lage zu verlegen, sind rundweg als gelungen zu betrachten. So entsteht für Lübeck eine ganz einzigartige Fassung, die Monteverdis Musik eine ungeahnte Frische und psychologische Tiefe verleiht.
Zwei kuriose Details blieben jedoch vom Premierenabend zurück: zwischen den angenehm vielen jungen Gesichtern im Publikum blieben überraschend viele Plätze im Großen Haus leer, obwohl die Vorstellung offiziell als ausverkauft galt – ein Phänomen, das fast wie ein unbeabsichtigter Kommentar zum Thema Abwesenheit von Wahrnehmung wirkte. Wer trotz Abo diese Premiere versäumt hat, muss sich wirklich vorhalten lassen, einen künstlerischen Fehler begangen zu haben. Die musikalische und schauspielerische Gesamtleistung aller Beteiligten wie auch die Inszenierung selbst sind so herausragend, dass diese Produktion für jeden Kulturbegeisterten ein absolutes „Must-see-and-hear“ sein sollte. Ein stürmisch gefeierter, tief beeindruckender Abend.

Das Theater Lübeck zeigte Monteverdis „Poppea“ als scharfe Gegenwartskritik. Foto: Archiv
Text-Nummer: 178417 Autor: Ulrich Witt/red. vom 16.03.2026 um 14.17 Uhr
