Philharmonisches Orchester zwischen Versöhnung und Transzendenz
Lübeck: Wenn Johannes Brahms und Anton Bruckner auf einem Programmzettel fusionieren, begegnen sich nicht nur zwei Giganten des 19. Jahrhunderts – es begegnen sich zwei musikalische Weltentwürfe. Das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck unter Stefan Vladar lud zusammen mit den Solisten Christian Tetzlaff (Violine) und Tanja Tetzlaff (Violoncello) am Sonntagvormittag zu einem Konzert, das weit über den Rahmen eines üblichen Konzertbesuchs hinausging. Es wurde eine Reise zum „Geist des Endes“.Dass die Musik- und Kongresshalle an diesem Sonntag bis auf den letzten Platz gefüllt war, überraschte kaum. Sicherlich war der enorme Andrang auch der Strahlkraft der namhaften Solisten geschuldet, doch eigentlich hätte bereits die kluge Programmauswahl allein als Magnet fungieren müssen. Es gibt Paarungen, die Reibung versprechen: Hier der „akademische“ Brahms, dessen kompositorisches Ethos fest in der Tradition Beethovens wurzelte; dort Bruckner, der Wagner-Adept, der den symphonischen Raum als sakrale Klangarchitektur neu vermaß.
Doch jenseits aller ästhetischen Grabenkämpfe, die sich in jener Zeit durch die musikalische Welt zogen, einte die Werke dieser Matinee ein biographisches Siegel: Sowohl Brahms’ Doppelkonzert a-Moll als auch Bruckners neunte Sinfonie markieren den orchestralen Schlusspunkt zweier Lebenswege. Es sind – jede für sich – Partituren des Abschieds, entstanden im Schatten der eigenen Endlichkeit.
Brahms’ Doppelkonzert ist dabei kein Werk des heroischen Aufbruchs, wie es damals Mode war. Es ist eine Partitur der „leisen Versöhnung“, geboren auch aus dem Wunsch des Komponisten, die zerbrochene Freundschaft zum Geiger Joseph Joachim musikalisch zu heilen. Auch wenn das Doppelkonzert von manchen als spröde empfunden wird (die wohl schärfste Kritik bezeichnete es damals als „trostlos, langweilig, die reine Greisenproduktion“), ist es ein Konzert der Nähe, des Dialogs. Vor diesem Hintergrund erhielt die heutige Aufführung eine besondere Note, standen mit Christian und Tanja Tetzlaff zwei Geschwister auf dem Podium, die das Prinzip des Dialogs nicht erst erlernen mussten – sie verkörperten es.
Dass die Annäherung an das Werk so authentisch geriet, lag also auch an dieser besonderen Konstellation der Solisten. Es war die Suche nach einer gemeinsamen Sprache, gespeist aus einer geteilten musikalischen DANN und frei von jeder solistischen Eitelkeit. Was sich zwischen Violine und Violoncello ereignete, wurde zur hörbaren Form gelebter Nähe. Hier kommunizierten zwei Menschen, die einander bis in die feinste Nuance blind verstehen, und mit dem Philharmonischen Orchester und ihrem Chefdirigenten Stefan Vladar zu einem phantastischen Miteinander fanden.
So war denn der Beginn des eröffnenden Allegro auch kein triumphaler Einstieg, sondern ein dialogischer Start in einen Satz, der zunächst wie ein Innehalten statt eines Aufbruchs wirkte, zugleich aber mit dem Hinzutreten der Solisten ernsthaft und vorwärts strebend eine wunderbare Spannung erhielt, ohne dabei übermäßig drängend zu werden. Auch im zweiten Satz wich die große Geste einer fast kammermusikalischen Intimität. Hier verschmolzen Solisten und Orchester zu einer seltenen gestalterischen Einheit. Die Tempowahl – für diesen Satz besonders heikel – war wunderbar variabel-fließend und nutzte jede Nuance des lyrischen Rückzugs. Es war ein gemeinsames Atmen, das die Gestaltungsmöglichkeiten des Satzes voll ausschöpfte. Und auch das Finale war fein nuanciert, einerseits tänzerisch und in einem ungarischen Ton, aber nie wirklich ungebrochen ausgelassen.
Christian und Tanja Tetzlaff gelten zurecht als großartige Virtuosen auf ihren Instrumenten, was in vielen Momenten sicht- und hörbar wurde. Dabei wirkte das Spiel der Geschwister teilweise so kongruent, als handle es sich gar nicht um zwei getrennte Instrumente, sondern um eine einzige, große Stimme, die lediglich in zwei verschiedenen Stimmlagen spricht. Auch diese klangliche Identität verlieh dem Werk eine Geschlossenheit, die weit über ein gewöhnliches Zusammenspiel hinausging. Zugleich verstanden sie es, sich nicht als Virtuosenhelden zu gerieren, die das Orchester dominieren, sondern immer als Partner mit dem Orchester zu agieren, stets im Dialog, bedacht auf Integration, oft sogar Zurücknahme, was dem Gedanken Brahms‘ mehr als gerecht wurde. Unter Stefan Vladar war dabei das Orchester ein wunderbarer Begleiter, der jede Bewegung, jeden Ton der Solisten aufnahm und ihn dialogisch zurückgab, gleichberechtigt und voller Spannkraft.
Kurz: Es war eine Aufführung, von der man sich wünschen würde, sie wäre auf einem Tonträger verewigt, und für die sich auch das Publikum mit einem lang anhaltenden Applaus bedankte. Als Zugabe gab es ein Presto aus dem Duo für Violine und Violoncello von Zoltán Kodály, bei dem neben der technischen Brillanz die musikalische Nähe der beiden Geschwister noch einmal hörbar wurde. Für Tanja Tetzlaff war das Konzert zudem persönlich ein besonderer Moment, da ihre erste Cello-Lehrerin im Konzert anwesend war.
Nach der Pause dann der radikale Wechsel in den Klangkosmos Anton Bruckners. Seine neunte Sinfonie ist weniger ein Werk als vielmehr ein existenzieller Prozess. Stefan Vladar bewies hier ein feines Gespür für die gefährliche Statik Brucknerscher Musik: Er ließ dem Orchester die nötige Zeit zur Entfaltung, ohne den Fluss in Agonie erstarren zu lassen.
Beeindruckend war die klangliche Schichtung. Wo andere Dirigenten auf die bloße Überwältigung durch eine „Klangwand“ setzen, bewahrte Vladar die Transparenz. Das Blech agierte machtvoll, aber nie plakativ. Selbst in den gewaltigen Kulminationen des ersten Satzes blieben die Holzbläser und die filigranen Strukturen der Streicher hörbar, während das Scherzo unter Vladars Leitung zu einem dämonischen Totentanz geriet, dessen unerbittliche Präzision im hellen Licht des Vormittags fast physisch schmerzte.
Der Höhepunkt der Matinee war zweifellos das Adagio. Vladar glättete die schroffen Dissonanzen nicht, er forderte sie ein. Besonders die Hörner und Wagnertuben brillierten in jenen choralartigen Passagen, die hier wie eine ernsthafte Paraphrase über das Sein wirkten.
Das Ende dieses Satzes bei Bruckner keine Auflösung im herkömmlichen Sinne. Das leise Verklingen blieb als große, offene Frage im Raum stehen, als jene Frage, die der todkranke Bruckner möglicherweise selbst an seinen Gott richtete. Doch trotz dieser Auseinandersetzung mit der Endlichkeit blieb am Ende keine düstere Todesstimmung zurück. Es war vielmehr ein Moment des gemeinsamen Ausatmens, der gemeinsamen Stille. Als der lang anhaltende Applaus im voll besetzten Saal schließlich abebbte, wirkte es, als nehme das Publikum diesen tiefen musikalischen Gedanken mit hinaus in den sonntäglichen Mittag, an dem draußen vor der MuK die Sonne schien.

Das Konzert in der MuK war ausverkauft.
Text-Nummer: 178531 Autor: Ulrich Witt vom 22.03.2026 um 21.21 Uhr
