Ostseestraße: Stadt streicht Senioren die Busverbindungen zusammen
Lübeck - Travemünde: Jahrzehntelang wurden im „Wohngebiet Pommernzentrum“ gezielt nur Mieter ab 60 Jahren aufgenommen. Sie konnten mit einem Wohnumfeld rechnen, das speziell für Senioren geschaffen wurde. Ausgerechnet dort wurden die Buslinien jetzt zusammengestrichen. Die Bewohner, von denen viele nur noch eingeschränkt mobil sind, gehen jetzt an die Öffentlichkeit.
Das Problem wird schon beim Blick auf die Abfahrtszeiten sichtbar: „Ich hab grad nochmal auf den Fahrplan geguckt, das sind ja alles nur Striche“, sagt ein älterer Herr. „Den Fahrplan hätten sie sich sparen können.“ Gemeinsam mit vielen weiteren Anwohnern hat er sich zu einem Pressetermin auf den Weg zur Haltestelle „Ostseestraße Nord“ gemacht.
Bus fährt nur noch einmal die Stunde – eine Station weit
Viele Jahre sei der Bus alle halbe Stunde von der Haltestelle „Ostseestraße Nord“ (ehemals „Pommernzentrum“) in Richtung Kücknitz und Travemünde gefahren, berichten die Senioren. Jetzt fährt der Bus dort nur noch einmal die Stunde ab. Und zwar genau eine Haltestelle weit, wie eine Anwohnerin berichtet: „Da können Sie hier einsteigen, dann müssen Sie vorn an der Ecke wieder aussteigen, weil der eine Viertelstunde Pause hat. Wenn Sie Glück haben, lässt er sie drin. Ansonsten schmeißt er Sie raus.“ Erst dann geht es weiter.
Beschwerlicher Weg zum Arzt und zum Einkauf
Auf Nachfrage von HL-live.de wurden als Ziele der Busfahrten vor allem Arztbesuche genannt, gefolgt von Einkäufen. Besonders oft wurde das Travemünder Gewerbegebiet Dreilingsberg mit der Praxisklinik, Ärzten und Supermärkten genannt. Doch Ärzte richten sich bei der Terminvergabe nicht nach dem Busfahrplan: „Wenn der Bus nur alle Stunde fährt und wenn ich rauskomme, ist er grade weg, dann komme ich nicht nach Hause“, sagt eine Anwohnerin.
Zehn Minuten Fußweg zur nächsten Haltestelle: zu viel für gehbehinderte Menschen
Da bleibt nur, zu Fuß zur nächsten Haltestelle zu laufen. Zehn Minuten, die nach wenig klingen, für ältere Menschen aber eine schwer zu überwindende Hürde sein können. „Es ist wirklich unzumutbar für viele“, sagt dazu ein älterer Herr. „Wenn einer noch einigermaßen zu Fuß geht und hat einen Rollator, geht das ja noch. Aber viele sind ja gehbehindert und können nicht zehn Minuten zu Fuß gehen mit ihren Einkäufen.“ Das Hauptproblem sei Richtung Dreilingsberg zu den Praxen zu kommen, da müssten sie jetzt immer runter zum Rönnauer Weg. Und dann muss man mit den Einkäufen ja auch noch wieder zurück …
Schulbus im Seniorengebiet
Eine weitere Teilnehmerin des Ortstermins erzählt von der Linie 30, die zweimal am Tag käme: „Einmal frühmorgens und einmal mittags. Für die Schulkinder“, sagt sie. Dabei würden dort doch nur Rentner fahren. „Denn hier dürfen Sie erst ab 60 wohnen“, erklärt sie. Es ist der einzige Bus an dieser Haltestelle, der durchfährt. "Für die Schüler macht der Bus einen Schlenker, für die alten Leute nicht“, ärgert sich eine weitere Teilnehmerin des Treffens und fragt sich, für welche Schüler: "Vielleicht meinen die die zwei Enkelkinder, die hier mal in den Ferien bei ihren Großeltern sind“, scherzt sie.
Anwohner wünschen sich Halbstunden-Takt in beide Richtungen
Die Anwohner haben ihr Anliegen im März erfolgreich in der Lübecker Einwohnerversammlung eingebracht. Die „größtenteils geh- und sehbehinderten älteren Bewohner der Seniorenwohnanlage im Pommernzentrum müssen zu Arztbesuchen und Einkäufen wieder eine akzeptable Busverbindung zur Verfügung haben“, heißt es in der Eingabe. Die Buslinie 35 solle daher erweitert werden und von der „Ostseestraße Nord“ „sowohl nach Lübeck zum ZOB als auch zum Gewerbegebiet Dreilingsberg im halbstündlichen Takt“ fahren.
Thema in der Politik und bei Radio Travemünde
Vor Ort war auch Michael Matthies (Die Unabhängigen), der das Thema in die „Travemünder Runde“ bringen wird. Reporter von „Radio Travemünde“ nahmen O-Töne auf und luden Anwohner ins Travemünder Studio ein. Die Beiträge sollen im Rahmen des „Travemünder Journal“ im Offenen Kanal Lübeck gesendet werden.

Die Senioren von der Ostseestraße fühlen sich von der Stadt abgehängt. Sie brauchen ihren Halbstundentakt nach Kücknitz und Travemünde für Arzt und Einkauf, sagen sie. Fotos: Helge Normann
Text-Nummer: 178562 Autor: Helge Normann vom 24.03.2026 um 17.01 Uhr
