Eine atemberaubende Matinee mit Traumtanz
Lübeck - Innenstadt: Die Matinee am Sonntag im Haus Eden war ein wunderbares Erlebnis für Liebhaber von Kammermusik. Viele Besucher waren eigens wegen Wioletta Hebrowska gekommen. Die beliebte polnische Mezzosopranistin hat in den zwölf Jahren ihres Lübecker Engagements viele große Partien gesungen und sich so einen richtigen Fanclub erworben.Ähnlich verhält es sich mit der armenischen Geigerin Mariam Vardanyan – sie hat nach frühen Erfolgen in ihrem Heimatland in Lübeck studiert, 2021 das „Moulin-Quartett“ gegründet und ebenfalls viele Musikfreunde für sich gewonnen. Zusammen mit dem vielseitigen und jetzt schon gefragten Liedbegleiter und Kammermusiker, dem jungen Pianisten Samuel Waffler, entführten die drei sympathischen Musiker die Zuhörer in Welten von Traum, Tanz, Liebesfreuden und -leiden, Tod und Wiedergeburt.
Alle drei erzählten einiges über die Werke, aber auch über sich. In dieser freundlichen, entspannten, beinahe familiären Atmosphäre wirkte die Musik umso intensiver, nämlich in offene Herzen hinein. Mariam Vardanyan und Samuel Waffler begannen mit dem Ungarischen Tanz Nr. 17 von Johannes Brahms – diesem Norddeutschen, der so fasziniert war von ungarischen Motiven, Csardas-Weisen und „Zigeunerstil“.
Zupackend präsentierte die Geigerin auf ihrem warm, voll und eher tief timbrierten italienischen Instrument die typischen Entwicklungen von ruhiger Traurigkeit zu überschäumender Lebensfreude, sprühend begleitet von Samuel Waffler. Danach nochmal Brahms, die Zigeunerlieder op. 103. Das war in der kongenialen Interpretation durch Sängerin und Pianisten echte Gänsehautmusik. Wioletta Hebrowska strahlte eine geradezu übermächtige künstlerische Potenz und Reife aus.
Samuel Waffler war nicht nur Klavierbegleiter, sondern ein aufmerksamer und behutsamer, aber auch kraftvoller und intensiver Mitgestalter in diesem Kaleidoskop aus geballter Leidenschaft, wehmütigem Liebesleid und temperamentvollen Gefühlsausbrüchen.
Manuel De Falla kann als wichtiger Vertreter spanischer Nationalmusik angesehen werden, seine Kompositionen sind meist geprägt von spanischer Volks- und Flamencomusik. Eines seiner bekanntesten Werke sind die “Siete canciones populares españolas“ (Sieben populäre spanische Lieder) von 1914 für Mezzosopran und Klavier. An diese angelehnt ist die „Suite populaire Espagnol“, die für sehr viele verschiedene Besetzungen arrangiert wurde, am Sonntag waren natürlich Violine und Klavier zu hören. Mariam Vardanyan und Samuel Waffler zeigten seltsam wunderliche, fast fremdartige Weisen in minimalistischer Begleitung, die Musik war stets beredt, sie sprach ohne Worte und berührte eine merkwürdig sinnende Tiefe. Im zweiten Wiegenlied „Nana“ mischte sich Wioletta Hebrowskas Stimme von ferne in die fahlen, fast unhörbaren Flageoletttöne der Geige, bevor der burleske Tanz Jota zu einem fulminanten Abschluss führte.
Von ganz anderer Art sind die spätromantischen Ausprägungen bei Richard Wagner. Die berühmten fünf Lieder auf Texte von Wagners Muse im schweizerischen Exil, Mathilde Wesendonck, entstanden zeitgleich mit der Oper „Tristan und Isolde“, zwei der Lieder sind Studien oder Vorstufen zur Oper. Die Beziehung zwischen Mathilde und Richard Wagner blieb platonisch und war geprägt von unerfülltem Verlangen. Sowohl die fünf Gedichte als auch die Oper sind bestimmt von den Motiven Tod, Sehnsucht, und ewiger Liebe. Die Musik ist voller Schwermut, Melancholie und Sentimentalität. Wie authentisch Wagners Kompositionen sind, wie ernst man die Darstellung seiner Gefühlswelten nehmen sollte, ist umstritten und wird es wohl bleiben. Am Sonntag jedenfalls konnte man sich der Wirkung des Gefühlsmechanikers Wagner nicht ganz entziehen, denn die drei Musiker zeigten, dass es möglich ist, auch eine mögliche Maskerade mit Herzblut zu erfüllen. Im letzten Lied „Träume“ hatten die Musiker in Anlehnung an eine Bearbeitung von Wagner selbst die Violine eingefügt, und als Wioletta Hebrowska langsam, singend, rückwärts mit „Brangänes Ruf“ durch den Mittelgang schritt, immer in intensivem Blickkontakt mit Mariam Vardanyan und Samuel Waffler, da hielt wohl jeder einzelne Zuhörer die Luft an und war überwältigt von dieser souveränen und ausdrucksstarken Choreographie.

Wioletta Hebrowska, Mariam Vardanyan und Samuel Waffler gestalteten am Sonntag die Matinee im Haus Eden. Foto: Svea Regine Feldhoff
Text-Nummer: 178648 Autor: Svea Regine Feldhoff vom 29.03.2026 um 21.29 Uhr
