NDR Elbphilharmonie: Exklusive Sternstunde vor leeren Rängen
Lübeck - Innenstadt: Wenn das NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung von Jukka-Pekka Saraste zu einem Abend mit Tschaikowskys "Pathétique" lädt, erwartet man gemeinhin ein gut besuchtes Haus. Umso irritierender war am vergangenen Freitag der Blick in den Großen Saal der Musik- und Kongresshalle: Weite Teile der Reihen und Ränge blieben leer.Es ist ein Rätsel, weshalb das Publikum ausgerechnet bei diesem Programm zögerte, markiert Tchakovskys 6. Sinfonie „Pathétique“ doch einen jener Gipfelpunkte der Romantik, für die man normalerweise um jede Restkarte froh sein sollte, besonders in der Kombination mit diesem hervorragenden Orchester und unter der Leitung eines nicht nur namhaften, sondern auch wirklich spannenden Dirigenten wie dem Finnen Jukka-Pekka Saraste.
Dabei hätte sich der Besuch schon für den ersten Teil des Abends gelohnt, der mit einer Rarität begann, nämlich Jean Sibelius’ sinfonische Dichtung „Der Barde“. Dass dieses Werk im Vergleich zu den großen Sinfonien oder der „Finlandia“ eher selten auf den Spielplänen auftaucht, ist bedauerlich, denn in der Lübecker Musik- und Kongresshalle entfaltete das Stück eine unglaublich dichte, atmosphärische Wirkung, die das Publikum unmittelbar in ihren Bann zog. Das Programmheft schlug für die sinfonische Dichtung launig den Bogen zu den populären Bildern von Asterix und Obelix, doch Sibelius’ Partitur machte schnell deutlich, wie viel mehr hinter der archaischen Tradition der Barden steckt. Sibelius gelingt es meisterhaft, die Atmosphäre eines bardischen Erzählabends zu generieren. Mit Harfenklängen, die wie das Zupfen an den Saiten der Erinnerung wirken, beschwört er keine platte Folklore herauf, sondern eine tiefgründige, fast spirituelle Form der mündlichen Überlieferung. Man meint förmlich zu spüren, wie die Musik zur Stimme eines Geschichtenerzählers wird, der von längst vergangenen Zeiten berichtet – karg in den Mitteln, aber gewaltig in der Wirkung.
Denn wo Tschaikowsky später am Abend das Leiden und die Leidenschaft des Individuums radikal nach außen kehrte, setzte „Der Barde“ auf das Leise, Geheimnisvolle. Saraste beschwörte in der MuK eine fast archaische, nordische Sagenwelt herauf, die von Andeutungen und feinen Klangfarben lebt. Aber gerade das verband den "Barden" in seiner erzählerischen Atmosphäre mit der "Pathétique", in der Tschaikowsky von der Endgültigkeit des Schicksals erzählt. Gerade dieser Spannungsbogen zwischen Sibelius' mystischer Zurückhaltung und Tschaikowskys emotionaler Wucht machte den Abend künstlerisch besonders wertvoll und zu einem Erlebnis, das definitiv eine größere Kulisse verdient gehabt hätte.
Möglicherweise war es jedoch die dritte Komponente des Abends, die auf konservative Konzertgänger abschreckend gewirkt haben könnte: das Violinkonzert von Thomas Adès, das in der Mitte zwischen beiden Werken stand. Doch diese Skepsis ist im Grunde unbegründet und fast schon unfair, gilt dieses Werk aus dem Jahre 2005 doch zurecht als eine der wichtigsten und substanziellsten Ergänzungen des Violinkonzert-Repertoires überhaupt.
Unter dem vielsagenden Untertitel „Concentric Paths“ entfaltet Adès ein faszinierendes Beziehungsgeflecht aus kreisenden musikalischen Figuren. Die drei kontrastierenden Sätze wirken wie eine konzentrische Reise: Eingerahmt wird das Werk von den Sätzen „Rings“ und „Rounds“ – zwei geschmeidigen, von rhythmischer Energie getriebenen Abschnitten, die den Solisten und das Orchester in ein hochkomplexes, kinetisches Spiel verwickeln. Das emotionale Zentrum bildet dabei der mittlere Satz, „Paths“. Hier bricht Adès die rhythmische Getriebenheit auf, zugunsten einer intensiv emotionalen, ja düsteren Erkundung. In fast schon beschwörenden, Passacaglia-ähnlichen Sequenzen schichtet sich die Spannung auf, bis sie sich schließlich in einem lyrischen Erguss von außergewöhnlicher Schönheit entlädt. Wer hier aufgrund von Vorurteilen gegenüber zeitgenössischer Musik zu Hause blieb, verpasste einen jener seltenen Momente, in denen Moderne und tiefe Empfindung vollkommen eins werden.
Das lag auch an dem Solisten, dem 25-jährigen schwedisch-norwegischen Geiger Johan Dalene. Gerade zu bescheiden war sein Auftreten, als wolle er sich dafür entschuldigen, schon in so jungem Alter vor einem renommierten Orchester zu stehen. Aber davon durfte man sich nicht täuschen lassen. Hier wurde Geige auf höchstem technischen Niveau gespielt, und das mit einer schier unglaublichen Ausdrucksstärke und Ausdruckskraft. Adès Konzert wurde durch Dalene zu einem überwältigenden, fast schon eskapistischen Genuss, und das auch, weil Dalene und das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Saraste zu einer in dieser Art selten zu hörenden Einheit verschmolzen.
Wie unmittelbar dieser „lyrische Erguss“ und die intellektuelle Komplexität des Werks wirkten, brachte eine junge Konzertbesucherin auf den Punkt: „Ich möchte es am liebsten gleich nochmal hören, weil ich so Lust darauf habe, noch mehr zu verstehen von dem, was ich da gehört habe.“ Ein schöneres Kompliment kann man Thomas Adès und den Interpreten rund um Johan Dalene kaum machen. Es widerlegt das Klischee vom „unnahbaren“ modernen Werk und beweist, dass die konzentrischen Pfade von Concentric Paths genau das taten, was große Kunst leisten sollte. Sie hinterließen kein erschöpftes, sondern ein intellektuell hungriges Publikum. Und zwar so hungrig, dass sie anschließend auch noch begeistert dem "Danse rustique" aus der 5. Violinsonate von Eugène Ysaÿe lauschten, die Dalene als Zugabe präsentierte.
Dalene interpretierte den "Danse rustique" aus dem Jahre 1923 in einer Brillanz, wie man sie eigentlich nur in den größten Konzerthäusern der Welt erwarten würde. Hier zeigte sich nicht nur seine technische Perfektion, sondern auch eine klangliche Souveränität, die den gesamten Raum der MuK bis in den letzten Winkel ausfüllte. Ysaÿes komplexe Doppelgriffe und die fast improvisatorisch wirkende Lichtstimmung wirkten nach der rhythmischen Strenge von Adès in den Händen von Johan Dalene wie ein Ruf aus einer anderen Welt. Das war ein Moment purer Virtuosität und Emotionalität, der das Publikum und selbst die ja nun wirklich erfahrenen Musiker des Orchesters staunen ließ und endgültig bewies, dass die künstlerische Qualität dieses Abends in krassem Gegensatz zur traurigen Anzahl der leeren Sitze stand.
Nach der Pause erklang schließlich Peter Tschaikowskys 6. Sinfonie, und auch hier setzte Jukka-Pekka Saraste wieder Akzente, die ebenso überraschend wie befreiend waren. Anstatt in schwerem, romantischem Pathos zu versinken, wählte Saraste für seine Interpretation einen fast schon analytischen, aber zutiefst emotionalen Zugang, indem er die Streicher mit sehr reduziertem Vibrato spielen ließ, was der Partitur eine unglaubliche Klarheit und Freisichtigkeit verlieh. Saraste und die Musiker des NDR Elbphilharmonie Orchesters schufen damit ein Klangbild wie an einem klaren finnischen Wintertag: kühl, frisch und von einer messerscharfen Präsenz, die jedes Detail der Orchestrierung offenlegte. Auf einmal war hörbar, was sonst nie zu hören ist. Das vermochte es, die Sinfonie wirklich auf eine neue Weise zu sehen und einen neuen Blick auf die Trauer und Verzweiflung zu bekommen, die Tchaikovsky in diesem seinem letzten Werk zum Ausdruck bringen wollte.
Besonders der dritte Satz, das berühmte Allegro molto vivace, entfaltete unter Sarastes Leitung eine ganz eigene Magie. Entgegen der landläufigen Praxis, diesen Satz von Beginn an als schiere Gewaltorgie und orchestralen Parforceritt anzulegen, begann er hier geradezu „elektrisierend unaufgeregt“. Saraste hielt die Zügel zunächst fest in der Hand und schuf eine unterschwellige Spannung, die weitaus packender war als bloße Lautstärke. Aus dieser kontrollierten Energie heraus entwickelte der Satz eine stetig ansteigende Intensität, die sich unaufhaltsam steigerte und das Herz beim Zuhören geradezu rasen ließ. Als der Satz schließlich in seinem finalen Ausbruch gipfelte, war die emotionale Wucht umso gewaltiger, weil sie so präzise vorbereitet worden war. Dass der vierte Satz, das finale Adagio lamentoso, danach in eine fast schmerzhafte Stille mündete, bildete den logischen Abschluss dieses außergewöhnlichen Abends.
So blieb am Ende das Gefühl, Zeuge eines exklusiven Geschenks geworden zu sein. Wer gekommen war, erhielt keine Routine, sondern eine Sternstunde voller Entdeckergeist und emotionaler Wahrhaftigkeit, die in ihrer Intensität wohl gerade deshalb so tief berührte, weil sie sich ganz auf die Kraft der Musik verlassen konnte.

Das Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters in der Lübecker MuK war überraschend schlecht besucht.
Text-Nummer: 179010 Autor: Ulrich Witt vom 19.04.2026 um 18.55 Uhr
