Bei Elling darf gelacht werden
Lübeck: Kann ein Stück über Neurosen und Ängste lustig sein? Und: Darf man über Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen überhaupt lachen? Man kann und darf, wenn die schrulligen Typen auf der Bühne so liebenswert rüberkommen wie in der Inszenierung von Wolfgang Benninghovens „Elling“ für die Niederdeutsche Bühne Lübeck. Benninghoven verhilft der Tragikomödie nach deren Entstehung vor über 20 Jahren zu einer überfälligen Renaissance.
„Elling“ wurde 2002 als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert und holte sich bereits 2001 bei den Nordischen Filmtagen Lübeck den Publikumspreis.
Nicht eine psychiatrische Anstalt in Oslo wie in der literarischen Vorlage des norwegischen des Schriftstellers Ingvar Ambjørnsen, sondern in Ochsenzoll lernen sich Elling (Torsten Bannow) und Kai-Uwe (Waldemar Peters) kennen. Dort haben sie sich ein bisschen „verpustet“ (Elling). In einer Resozialisierungsmaßnahme der Hansestadt Lübeck bekommen sie eine eigene Wohnung und den Sozialarbeiter Frank (Hans-Gerd Willemsen) an die Seite gestellt. Der soll sie unterstützen beim Übergang vom Schutzraum Psychiatrie ins alltägliche Leben.
Dinge, die für uns „Normalos“ selbstverständlich sind, stellen die beiden vor Herausforderungen, wie etwa telefonieren oder der Besuch in einem Restaurant oder grundsätzlich: Wie geht das, mit anderen in Kontakt zu kommen? Das bietet viel Raum für komische Momente, die für Heiterkeit sorgen. Einer dieser Momente: Elling tanzt mit seinem Mob – für diese gekonnte Nummer erntet Torsten Bannow Zwischenapplaus.

Schon die Unterschiedlichkeit der beiden Charaktere bringt Farbe ins Spiel: Kai-Uwe ist ein Einfaltspinsel, der nur Sex und Essen im Kopf hat, gelegentlich jähzornig wird und seinen Kopf auf die Tischplatte knallt. Elling hingegen ist ein scheuer, neurotischer Schöngeist mit einem Hang zur Poesie, ausgestattet mit einer ausgeprägten Fantasie, wobei seine Geschichten in Ochsenzoll nicht immer so gut ankommen. Ganz und gar nicht bei Gunda, der Stationsschwester, gespielt von Nicole Büll, die äußerst wandlungsfähig auch noch als Kellnerin in der Blüchereiche auftritt. Der sexbesessene Kai-Uwe hat ein Auge auf Heidrun geworfen, eine Mitbewohnerin des Hauses.
Sylvia Kiel darf sich in dieser Rolle komplett danebenbenehmen, publikumswirksam stockbesoffen sein und in ihre Tasche kotzen. Nicht ganz politisch korrekt ist, dass sie dabei hochschwanger ist und raucht und trinkt. Selbst wenn das den sozialen Gestus dieser Figur unterstreichen soll, ist es zumindest diskussionswürdig, ob man in diesem Punkt der Vorlage folgen sollte.
Die Elling-Inszenierung von Wolfgang Benninghoven – er hat selbst Elling 2004 im Combinale gespielt – ist ein gelungener Wurf: eine stimmige Besetzung, engagierte Darsteller, ein wunderbar schlichtes und flexibles Bühnenbild, das einen Gebäudekomplex andeutet (Moritz Schmidt), sorgsam ausgewählte, die jeweiligen Szenen kommentierende Musik und effektvoll eingesetztes Licht. Dieser Aufführung mit Herz sind viele junggebliebene und junge Zuschauer zu wünschen. Das begeisterte Premierenpublikum bedankte sich mit minutenlangem Applaus.
Nächste Aufführungen in den Kammerspielen des Theaters Lübeck am 03.05.2026 um 15:00 Uhr, 12.05.2026 und 21.05.2026 jeweils um 20:00 Uhr sowie am 31.05.2026 um 15:00 Uhr.

Die Elling-Inszenierung von Wolfgang Benninghoven ist ein gelungener Wurf. Fotos: Wolfgang Bennighoven
Text-Nummer: 179128 Autor: Dorothea Kurz-Kohnert vom 24.04.2026 um 16.31 Uhr
