Psychotherapeuten wehren sich gegen Kürzungen
Lübeck: Am 16. April 2026 veröffentlichte das Bundesgesundheitsministerium den Referentenentwurf zur Umstrukturierung der psychotherapeutischen Versorgung. In diesem Bereich soll stark gekürzt werden. Dagegen demonstrierten am Samstag nach Angaben der Veranstalter bis zu 500 Therapeuten vor dem Lübecker Holstentor.
"Die aktuellen Beschränkungen und Einschnitte in die psychotherapeutische Versorgung werden verheerende gesellschaftliche Konsequenzen mit sich ziehen. Hinter jedem Menschen, der auf Psychotherapie wartet, steht eine individuelle Geschichte, ein Mensch, der leidet, belastete Angehörige…. Es ist an der Zeit, konsequent für gute Versorgung und Prävention einzustehen!", sagt Katharina Manfredini, psychologische Psychotherapeutin.
Das Aktionsbündnis Psychotherapie beschreibt die Auswirkungen der Änderungen wie folgt:
(")1. Psychotherapie soll in die Budgetierung verschoben werden. Zuständig werden der Bewertungsausschuss und regionale Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen). Das heißt: Ein Budget leert sich, und wenn dieses leer ist, entscheiden regionale KVen über die Verteilung verbleibender Gelder an die Leistungserbringer. Perfiderweise wird also die Größe des Topfes in Zukunft abhängig von den regionalen Einnahmen der gesetzl. Krankenkassen sein und es wird weniger Therapie in einkommensschwachen Regionen geben.
2. Psychotherapeutische Leistungen sollen zusätzlich an die Grundlohnrate gebunden sein, das heißt an das Einkommen der gesetzlich Versicherten. Therapieplätze werden damit nicht am – bereits aktuell nicht gedeckten – tatsächlichen Bedarf ausgerichtet, sondern an einer willkürlichen finanziellen Obergrenze. Die Deckelung ist ein Paradigmenwechsel in der Gesundheitspolitk. Weniger Behandlung, weniger Therapieplätze und längere Wartezeiten werden die Folgen sein.
3. Streichung des Zuschlags für Kurzzeittherapie, d.h. des Anreizes, die Kapazitäten bestmöglich auszulasten und schnell Patienten aufzunehmen.
All das zusätzlich zu den Honorarkürzungen von 4,5 Prozent seit 1. April 2026! Hier wurde allen Psychotherapeuten mit einer Vorlaufzeit von drei Wochen das Einkommen gekürzt.
Allerdings: Diese Rechnung des Referentenentwurfs geht nicht auf. Psychotherapie macht einen sehr geringen Anteil an den GKV-Gesamtkosten aus. Der gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Nutzen hingegen ist nachweislich groß, und im Diskurs massiv unterbewertet. Die vermeintlichen Einsparungen durch die geplanten Maßnahmen sind marginal. Bei unbehandelten Patienten verschlimmern sich Symptome. Neben der offensichtlichen Folge, individuellem Leiden und z.B. Suizidalität bei Kindern und Erwachsenen ohne Zugang zu Versorgung, ist auch wirtschaftlich von keinerlei Einsparung auszugehen. Unbehandelt werden Arbeitsunfähigkeitszeiten, Produktivitätsverluste, Kosten durch Erwerbsminderungsrente und durch vermeidbare stationäre Behandlungen um ein Vielfaches höher werden. Insgesamt entsteht dadurch keine Einsparung, sondern eine Erhöhung und eine Umverteilung von Kosten zulasten psychisch Kranker.
Zu alledem kommt die seit der Gesetzesreform 2020 ungeklärte Möglichkeit für Studiumsabsolventen, ihre Ausbildung abzuschließen. Hierzu äußert sich Prof. Dr. Ines Wilhelm-Groch, leitende Psychologin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am ZIP Lübeck und Studiengangsleitung des psychotherapiespezifischen Masterstudiengangs der Universität: "Die Situation des psychotherapeutischen Nachwuchses ist alarmierend: Trotz einer gut gemeinten neuen Approbationsordnung drohen diese gut qualifizierten, engagierten jungen Menschen für die Versorgung verloren zu gehen. Fehlende Finanzierung versperrt vielen den Weg in die Weiterbildung – mit dramatischen Auswirkungen auf die Versorgungslage." Der vor sechs Jahren erkämpfte und gesehene Bedarf an einer Verbesserung der Versorgung und des Ausbildungssystems wird nun mit einem Abbau der Psychotherapie insgesamt ins Gegenteil verkehrt.
Wir fordern deshalb:
1. eine sofortige Abkehr von den bisher genannten Vorschlägen,
2. eine inhaltliche Beteiligung von psychotherapeutischen Experten an der Ausgestaltung der Gesetzesvorschläge zur Reform der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung, 3. sichere Vergütung psychotherapeutischer Leistungen, um einen massiven Rückgang an Behandlungskapazitäten zu verhindern.(")

Aktive und angehende Psychotherapeuten demonstrierten am Samstag vor dem Holstentor. Fotos: STE
Text-Nummer: 179154 Autor: Aktionsbündnis/red. vom 25.04.2026 um 17.21 Uhr
