Meisterhafte Innenschau: „Wozzeck“ am Lübecker Theater
Lübeck - Innenstadt: Alban Bergs Oper „Wozzeck“ zählt zu den wichtigsten Opern des 20. Jahrhunderts. Das liegt auch daran, dass die Darstellung psychischer Störungen weiter geht als praktisch in jeder Oper zuvor. Eine solche „Leitoper“ zu inszenieren, ist also eine besondere Herausforderung, und vor allem ist es eine gute Idee, dies in erfahrene Hände zu legen. Brigitte Fassbaender ist hierfür definitiv eine geradezu perfekte Wahl, wie die Premiere am Samstag bewies.
Zwar gab es schon vor Alban Berg es berühmte Wahnsinnsdarstellungen wie zum Beispiel die „Wahnsinnsszene“ der Lucia in „Lucia di Lammermoor“ von Gaetano Donizetti oder Elektras ekstatische Zustände in Strauss‘ „Elektra“ (beide Opern waren jüngst ebenfalls am Lübecker Stadttheater zu sehen), doch dort ist Wahnsinn meist ein dramatischer Höhepunkt, ein Moment. In Bergs „Wozzeck“ ist die psychische Störung kein Einzelmoment, sondern der Grundzustand der Figur. Hier gibt es keine Katharsis, keine „schöne“ Wahnsinnsarie. Wozzeck ist per se ein zerstörter Mensch. Dies nicht nur geschlossen, sondern vor allem gut sprichwörtlich „auf die Bühne“ zu bringen, ist also eine echte Herausforderung und große Aufgabe.
Glücklicherweise kann Brigitte Fassbaender hierfür nicht nur eine aufsehenerregende internationale Karriere als Sängerin ins Feld bringen, sondern auch mehr als 30 Jahre Regieerfahrung. Gern auch als „Grand Dame der Oper“ betitelt, ist sie bekannt dafür, dass sie vom Text und von der Musik her denkt. Es geht bei ihr nicht um spektakuläre Regieideen, nicht um überladene Konzepte, sondern um Räume, die das Spiel unterstützen. Ihre Inszenierungen sind oft unmittelbar und „klassisch“, manchmal sogar schon fast „bewusst unmodern“ – aber das im besten Sinne und auf höchstem Niveau. Und so war es auch in diesem Lübecker „Wozzeck“, der am gestrigen Samstag seine gefeierte Premiere im Großen Haus des Lübecker Stadttheaters hatte.
Der Beginn fungiert dabei als rituelles Öffnen einer abgeschlossenen Welt. Eine Wellblechwand in Feldgrau wirkt wie ein industrielles Schutzschild vor der grausamen Realität. Dass der Narr, per se eine Figur am Rande des Verstandes, den Zutritt „erhämmert“, markiert die Oper von vornherein als eine Innenschau des Wahnsinns. Er führt das Publikum nicht nur in die Szene, sondern in Wozzecks psychisches Labyrinth.
Hier sieht man sich einem zurückgenommenen Bühnenbild gegenüber, das mit kleinen Akzenten ferne Erinnerungen an den Film „Metropolis“ weckt und welches das Publikum auch mit seinen Kostümen so in die Entstehungszeit der Oper mitnimmt. Für beides zeichnet Bettina Munzer verantwortlich, die mit Brigitte Fassbaender seit vielen Jahren zusammenarbeitet. Eine der stärksten Ideen der beiden ist dabei eine räumlich geschickte Trennung der Figuren. Während die anderen Charaktere zu Beginn durch funktionale Torbögen kommen und gehen, also Teil des sozialen Gefüges sind, wird Wozzeck räumlich exkommuniziert. Sein Bogen ist eine abseitige Nische und führt ins Nichts, bietet keinen „Ausweg“. Dass es für ihn keinen echten Abgang gibt, visualisiert seine existenzielle Gefangenschaft. Wozzeck ist nicht nur Gast in dieser Welt, er ist in ihr eingesperrt, ohne Fluchtweg, bis zum bitteren Ende.
Die Besetzung mit dem dänischen Bariton Bo Skovhus verleiht dieser Inszenierung eine ganz spezifische, physische Tragik. Seine Darstellung bricht mit dem Klischee des schwächlichen, schmächtigen Opfers und wird zu einer eindrucksvollen Studie über die Ohnmacht der Materie. Ein Mann von monumentaler, fast Furcht einflößender Physis, dessen gewaltiger Körper zur nutzlosen Hülle wird, während er gegen Dämonen kämpft, die mit bloßen Händen nicht zu fassen sind. Wozzeck ist doppelt eingesperrt – einmal in der Architektur der Bühne, die ihm keinen Fluchtweg lässt, und einmal in seinem eigenen, kräftigen Körper, der für den feinsinnigen Schmerz und die psychotischen Schübe eigentlich „zu grob“ gebaut scheint. Skovhus‘ blanker Kopf betont dabei seine Blöße; er hat keinen Schutz, keine Maske, die ihn vor den Blicken des Doktors oder des Hauptmanns verbirgt.
Dem gegenüber verleiht die ungarische Sopranistin Adrienn Miksch ihrer Marie eine leuchtende, fast trotzige Lebensbejahenheit, die im pastellgrünen Kleid auch visuell den harten Kontrast zu Wozzecks düsterer Welt des Militärs bildet. Besonders in ihrem tief empfundenen Moment der Reue öffnet sie ein emotionales Fenster der Hoffnung, das den Zuschauer fast an ein glückliches Ende glauben lässt, nur um den anschließenden Fall in die Katastrophe umso unerträglicher zu machen. Hinzu kommen Changjun Lee (Bass) als Doktor und Peter Lodahl (Tenor) als Hauptmann – oder besser als die beiden Mühlsteine, zwischen denen Wozzeck zerrieben wird. Zusammen bilden sie ein fast sadistisches Duo. Peter Lodahl schafft es großartig, seinem Hauptmann einen eigenen Wahnsinn mitzugeben und ihn in einen gehetzten Philister zu kleiden, der unter paranoider Angst vor der Zeit und der Unendlichkeit leidet. Herrlich, wie er Wozzeck mit absurden Moralpredigten quält und damit nicht nur seine soziale Überlegenheit gegenüber dem in der Sackgasse gefangenen Wozzeck zeigt. Changjun Lee wiederum verkörpert geradezu genial den Wahnsinnigen im Gewand der Wissenschaft, den sprichwörtlichen „Mad Scientist“. In jedem Moment ist auf Lees Gesicht zu sehen, wie sehr sein Doktor jegliche Empathie verloren hat, Menschen nur noch als Experimentierfelder betrachtet und besessen ist von Ruhm und seinen pseudowissenschaftlichen Theorien.
Auch musikalisch bewegte sich der Abend auf exzellentem Niveau: Rund um das Kernquartett aus Wozzeck, Marie, dem Hauptmann und dem Doktor bestach das gesamte Ensemble – Noah Schaul als Wozzecks Freund Andres, Robin Frindt und Steffen Kubach als Handwerksburschen sowie Frederike Schulten als Magret und Thomas Stückemann als Narr – durch eine enorme stimmliche Präsenz und schauspielerische Souveränität. Besonders hervorzuheben ist dabei die herausragende Textverständlichkeit aller Solisten, die es dem Publikum ermöglichte, der psychologischen Tiefe von Bergs komplexer Partitur und Büchners Wortgewalt in jeder Nuance unmittelbar zu folgen. Auch hier zeigt sich wieder Fassbenders Handschrift: Alle Rollen, selbst die kleinsten, sind psychologisch dicht ausgearbeitet und die schauspielerische wie gesangliche Umsetzung ist großartig.
All dies fand seine kongeniale Entsprechung im Orchestergraben. Das Philharmonische Orchester der Stadt Lübeck unter der Leitung von Stefan Vladar interpretierte Bergs Partitur mit einer packenden Intensität. Vladar balancierte die analytische Klarheit der komplexen Strukturen meisterhaft mit den spätromantischen Aufwallungen und der expressionistischen Wucht des Werkes aus. Das Orchester agierte dabei hochsensibel und ließ den Sängern stets den nötigen Raum, ohne an dramatischer Schärfe einzubüßen. Spürbar war dabei auch, wie tiefgreifend sich Stefan Vladar mit der Partitur auseinandergesetzt und das Werk bis in die kleinsten Nebensächlichkeiten durchdacht hatte. Es ist gerade dieses kongeniale Zusammenspiel zwischen Fassbaenders psychologisch dichter Personenführung und Vladars analytischer Klangarbeit, was diese Inszenierung so herausragend macht.
Dieses hohe musikalische wie darstellerische Niveau wurde durch den Chor des Theaters Lübeck (Einstudierung: Jan-Michael Krüger) eindrucksvoll vervollständigt. Wie man es von diesem Ensemble gewohnt ist, agierte der Chor gesanglich auf Top-Niveau, doch in dieser Inszenierung ging seine Rolle weit über das rein Akustische hinaus. Die Chormitglieder wurden nicht nur in den klassischen Massenszenen eingesetzt. Sie wirkten fast wie eine Naturgewalt, wie das Wasser, in dem Wozzeck am Ende metaphorisch und real ertrinkt. Ein besonderes Lob gebührt ebenso dem Kinderchor (Einstudierung: Gudrun Schröder). In der herzzerreißenden letzten Szene der Oper meisterten die jungen Sängerinnen und Sänger ihren kurzen, aber entscheidenden Auftritt gesanglich wie schauspielerisch mit einer bewundernswerten Sicherheit und Natürlichkeit. Die Art, wie sie beiläufig Maries Kind vom Tod seiner Mutter berichten, verleiht dem Finale eine bittere, fast unerträgliche Tragik.
Gerade in dieser letzten Szene zeigt sich auch die hohe Detailakkribie, die diese Inszenierung auszeichnet. Obwohl es für den Narren nur einen einzigen Gesangseinsatz gibt, ist er nahezu ständig auf der Bühne präsent wie eine omnipräsente Verkörperung des schleichenden Wahnsinns, die von den Protagonisten nicht wahrgenommen wird. Während er im Hintergrund beinahe pedantisch Stühle ausrichtet, wird er zum stummen Motor des Untergangs. Und wenn das Kind am Ende auf seinem Rücken sitzt und mit ihm gemeinsam nach hinten in die Dunkelheit reitet, schließt sich der Kreis, der mit dem Hämmern gegen die Wellblechwand begann.
Das Publikum der voll besetzten Premiere bedankte sich zurecht mit langem, herzlichem Applaus für diese außergewöhnliche Leistung. Es ist eine Produktion, die durch ihre ästhetische Konsequenz, ihre schauspielerische Präsenz und ihre musikalische Brillanz tief beeindruckt. Definitiv eine Inszenierung, die man gesehen haben muss.

Bo Skovhus als Wozzeck bei der Lübecker Inszenierung. Fotos: Olaf Malzahn
Text-Nummer: 179157 Autor: Ulrich Witt vom 26.04.2026 um 16.27 Uhr
