Direktflug: Als die Lufthansa Blankensee als Drehkreuz nutzte
Lübeck - St. Jürgen: Nicht erst heute gibt es vom Lübecker Flughafen eine Verbindung zur Lufthansa, sondern bereits vor fast 100 Jahren – das ist vielen bislang kaum bekannt. Welche fast vergessenen Geschichten der Lübecker Historiker Alexander Steenbeck aufgedeckt hat – eine faszinierende Reise in eine Zeit, als Fliegen noch Luxus war.Von Blankensee in die weite Welt: Seit wenigen Tagen ist der Lübecker Flughafen durch die Direktverbindung mit dem Münchener Airport international angebunden – ein Abkommen mit der Lufthansa-Gruppe macht’s möglich. Mit der Verbindung zur Fluglinie mit dem Kranich als Tor zu internationalen Drehkreuzen geht in Blankensee ein langgehegter Wunsch in Erfüllung. Dabei war der Lübecker Flughafen bereits einmal direkt ins Lufthansa-Flugnetz eingebunden – vor fast 100 Jahren. „Und das war mehr ein Zufall als unternehmerisches Geschick“, sagt Alexander Steenbeck, Chronist des Lübecker Airports.
Denn unmittelbar nach der Gründung der Airline war eigentlich der kombinierte Land- und Seeflughafen in Travemünde der Hauptflugplatz der Hansestadt. Dieser bot Umsteigemöglichkeiten von Wasserflugzeugen aus Skandinavien zu Landflugzeugen und umgekehrt. Doch das Flugfeld auf dem Priwall drohte Mitte der 1920er-Jahre zu versumpfen. „Dies stellte eine Gefahr für den geplanten Ausbau des Areals für Zwecke der Luft Hansa dar“, berichtet der Lübecker Historiker. Und so sei Blankensee ins Spiel gekommen.
Doch am heutigen Airport sah es vor 100 Jahren im Grunde nicht besser aus als in Travemünde: „Das Flugfeld war in sehr schlechtem Zustand, da es nach dem Ende des Ersten Weltkriegs größtenteils wieder landwirtschaftlich genutzt wurde“, so Steenbeck. Die ab 1916 gebaute Fliegerstation in Blankensee war seit Sommer 1926 deshalb zum Notlandeplatz herabgestuft worden.
Da in Travemünde wegen des Zustands des Flugfeldes und der deshalb geplanten Bauarbeiten eine Sperrung drohte, bestand somit Handlungsbedarf. „In Teilen der Lübecker Politik herrschte damals die Sorge, dass andere Städte wie Kiel und Stettin die Situation – Travemünde ausgeschaltet – auszunutzen versuchen könnten“, erklärt der Historiker. Damit die vor 100 Jahren frisch gegründete Luft Hansa, wie sie damals noch geschrieben wurde, nicht wieder abwanderte, blieb nur die Verlegung des Flugbetriebs nach Blankensee. Die Airline zeigte sich nach einer Ortsbesichtigung einverstanden und der Reichsverkehrsminister in Berlin erteilte schließlich die Genehmigung, den regelmäßigen Flugbetrieb der Kranich-Fluglinie nach Blankensee verlegen zu können.
Nach einigen Verzögerungen – so habe die Reichspost erst noch Fernsprechleitungen zur früheren kaiserlichen Fliegerstation verlegen müssen – und letztlich auch den Einebnungsarbeiten konnten die Flugzeuge ab Januar 1927 auf einem Teil des heutigen Platzes landen, der dafür einigermaßen hergerichtet worden war.
Bis mindestens in den April 1927 hinein nutzte die Luft Hansa Blankensee. Im Vergleich zu heutigen Passagierzahlen mutet der damalige Flugbetrieb jedoch äußerst bescheiden an: „Meist flogen nur eine Handvoll Fluggäste pro Tag via Lübeck – Fliegen war vor 100 Jahren purer Luxus“, erklärt der Historiker, der inzwischen allein vier Bücher zur Lübecker Luftfahrtgeschichte veröffentlicht hat.
Lufthansa in Blankensee: Pleiten, Pech und Pannen
Doch reibungslos verlief der Interims-Flugbetrieb in Blankensee nicht: So hatte die Stadt vergessen, das Zollamt zu informieren, und es gab Probleme mit der Infrastruktur: Personal wie auch Passagiere mussten irgendwie zum Flugplatz gelangen, aber auch von dort wieder in die Stadt beziehungsweise nach Travemünde. „Arbeiten und Reisen in Blankensee war mit viel zeitlichem Aufwand und weiten Wegen verbunden“, so Steenbeck. Und nicht überall hatte es sich herumgesprochen, dass der Flugplatz reaktiviert worden war: So musste die Flugwache des Platzes am 1. April 1927 mit Schrecken feststellen, dass die Pächter des Weidegeländes auf dem Flugplatz anfingen, die Start- und Landebahn mit großen Eggen aufzureißen. Das konnten die Beamten zwar letztlich stoppen, dennoch hätten Arbeiter einige Stunden zu tun gehabt, um den angerichteten Schaden wieder zu beheben, sagt der Flughafen-Chronist.
Flughafen Blankensee „hat aufgehört zu bestehen“
Nach dem Intermezzo der Luft Hansa in Blankensee sei der Flugbetrieb wieder nach Travemünde verlegt worden. Dort wurde das Linienangebot bis Ende der 20er-Jahre ausgebaut – bis die Flugverbindungen zum Priwall aufgrund schlechter Auslastung und größer werdender Ansprüche der Luftwaffen-Erprobungsstelle bis 1934 eingestellt wurden.
Als Nachwehen der Luft-Hansa-Zeit ist für Blankensee zu sehen, dass die 1927 geschlossene Haftpflichtversicherung für den Flugplatz noch zwei Jahre weiterbestand – und im Juli 1929 gekündigt wurde. „Die offizielle Begründung damals war, dass der Flugplatz Blankensee aufgehört hat zu bestehen“, so Steenbeck. Doch er wurde erneut reaktiviert: 1935 entstand hier ein Fliegerhorst der Luftwaffe, der aber erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder zivil genutzt werden konnte – bis heute.
Der Lübecker Historiker Alexander Steenbeck hat als Chronist des Flughafens Blankensee unter anderem auch die Zeit erforscht, als der heutige Airport bereits vor fast 100 Jahren Teil des Streckennetzes der Lufthansa war. Fotos: ZST
Text-Nummer: 179530 Autor: ZST vom 17.05.2026 um 14.02 Uhr
