Göttinger Händel-Festspiele: Farbrausch allererster Spitzenklasse

Lübeck - Innenstadt: Lübeck erlebte am Freitag eine beeindruckende Aufführung von Händels Oratorium „Messiah“, die leider nicht ganz die Aufmerksamkeit erhalten hat, die sie verdient hätte. Das mag auch damit zusammenhängen, dass das aufführende „FestspielOrchester Göttingen“ als Name etwas unscheinbar daherkommt. Aber diesen Fehler sollte man tunlichst vermeiden, wie die Aufführung bewies.

Göttingen liegt irgendwo in der Mitte Deutschlands, was geographisch stimmt und gefühlt auch nicht ganz falsch ist. Heinrich Heine, der die Stadt aus eigener Anschauung kannte, rühmte sie vor allem für ihre Würste – und erst in zweiter Linie für ihre Universität. Mit knapp über 120.000 Einwohnern ist Göttingen gerade einmal halb so groß wie Lübeck, und wer die Stadt besucht, mag gelegentlich den Eindruck gewinnen, dass der Schritt vom Provinzstädtchen zur Universitätsstadt noch nicht allzu lange zurückliegt, dass irgendwo hinter den Fachwerkhäusern die Kleinstadtgemütlichkeit noch auf ihre Wiederentdeckung wartet.

Wenn also von „Göttinger Festspielen" die Rede ist, mag das die Erwartungshaltung nicht besonders anregen. Und ebenso wird es einem vermutlich gehen, wenn ein Konzert mit dem „FestspielOrchester Göttingen“ angekündigt wird, selbst wenn es sich dabei um Händels „Messiah“ handeln sollte. Doch damit liegt man so falsch, wie es nur irgend geht.

Göttingen ist seit 1920 die Heimat der Internationalen Händel-Festspiele – und damit Austragungsort des ältesten Barockmusikfestivals der Welt. Was in dieser niedersächsischen Provinz als regionale Wiederentdeckung eines vergessenen Komponisten begann, ist längst zu einer Institution von weltweitem Rang geworden. Die Göttinger Festspiele gelten heute als einer der bedeutendsten Maßstäbe für historisch informierte Aufführungspraxis überhaupt; ihre Produktionen und Aufführungen haben auf internationalen Bühnen, in Konzertsälen und auf Tonträgern das Händel-Bild ganzer Generationen geprägt.

Kein Wunder also, dass sich alljährlich die besten Instrumentalistinnen und Instrumentalisten, Sängerinnen und Sänger auf diesem Festival zusammenfinden. Und glaubt man dem renommierten Klassik-Magazin Bachtrack, ist das FestspielOrchester Göttingen „eines der, wenn nicht das herausragendste Barockorchester unserer, vielleicht aller Zeiten“. Tatsächlich besteht es aus international führenden Spezialisten für historische Aufführungspraxis aus aller Welt, die sonst in renommierten Originalklang-Ensembles spielen.

Eine Aufführung von Händels „Messiah" unter dem Dach der Göttinger Händel-Festspiele ist damit keine Aufführung unter vielen. Sie ist, von vornherein und dem Anspruch nach, allererste Spitzenklasse.

Am 22. Mai 2026 gastierte nun eben jenes Festival mit eben jenem Händel’schen opus magnum im Konzertsaal der Musik- und Kongresshalle Lübeck – und das mit einer Besetzung, die den hohen Anspruch der Festspiele definitiv widerspiegelt: neben dem FestspielOrchester Göttingen unter seinem künstlerischen Leiter George Petrou als Chor das NDR Vokalensemble – einer der führenden professionellen Kammerchöre Deutschlands, der dem Festival seit Jahren eng verbunden ist –, und dazu mit Ana Maria Labin (Sopran), Lena Sutor-Wernich (Mezzosopran), Ru Charlesworth (Tenor) und Drew Santini (Bass) ein Solistenquartett der Extraklasse, das im Barockrepertoire nicht nur zuhause ist, sondern es mit höchster stilistischer Überzeugung vertreten.

Dass dieses Ensemble seinen „Messiah" gerade am gestrigen Freitag nach Lübeck gebracht hat, ist zudem keine Selbstverständlichkeit. Die Internationalen Händel-Festspiele laufen in diesen Tagen in Göttingen auf Hochtouren, und die dortige Aufführung heute gilt als eine der zentralen Veranstaltungen des diesjährigen Festivals – kein Wunder bei einem Ausverkauf bis auf wenige Restkarten. Es kann mit Fug und Recht als Auszeichnung gesehen werden, dass Lübeck diesen „Messiah" einen Tag früher erleben durfte.

Was das Publikum zu hören bekam, übertraf selbst hochgeschraubte Erwartungen. Es war packend, mitreißend, tränenrührig und beglückend – manches davon gleichzeitig. Es war ein klanglicher Farbrausch, der den Zuhörer von den ersten Takten an in seinen Bann zog und nicht mehr losließ. George Petrou legte den „Messiah" zügig und dramatisch an, und das FestspielOrchester folgte ihm bereitwillig mit einer Spielkultur, die schwer in Worte zu fassen ist: mit leichtem, federndem und sinnlichem Klang, dabei transparent und kraftvoll und filigran, und das oft innerhalb weniger Takte changierend, manchmal sogar alles zugleich. Selbst in den kleinsten Noten spielten sich Welten ab, und die Phrasierungen hatten eine Tiefe und Präzision, die man selten hört. Dabei gelang die Lautstärkedisposition zwischen Orchester, Chor und Solisten auf beeindruckende Weise: Keine Gruppe überwältigte die andere, die Klangfarben verschmolzen zu einem homogenen Ganzen.

Das NDR Vokalensemble stand dem in nichts nach. Die Textverständlichkeit war hervorragend, das Englische kam klar und natürlich, kein Konsonant ging im Klang unter. Der dynamische Umfang des Chores war beeindruckend, der Farbenreichtum in den Phrasierungen ebenso. Und der „Hallelujah"-Chor? Er war natürlich ein Höhepunkt – aber einer, der sich organisch aus dem Ganzen ergab, nicht als aufgepfropftes Spektakel.

Dabei strahlte die gesamte Aufführung etwas aus, das man bei aller handwerklichen Perfektion nicht für selbstverständlich halten darf: sichtbarer, fast kindlicher Spaß am gemeinsamen Musizieren. Auf der Bühne wurde nicht nur gespielt und gesungen – man genoss, zelebrierte, lauschte einander, zwinkerte sich zu. Diese geradezu ansteckende Freude ließ einen spürte, dass diese Menschen nicht nur ein großes Werk aufführten, sondern es miteinander erleben wollten.

Unter den Solisten ragte Ru Charlesworth von Beginn an heraus. Schon das eröffnende „Comfort ye" hatte eine geradezu verblüffende Unmittelbarkeit. Man hatte das Gefühl, er spreche nicht in den Saal, sondern jeden Einzelnen direkt an – im Film würde man sagen, er habe die vierte Wand durchbrochen. Und er hielt dieses Niveau durch den ganzen Abend, gestaltete jede seiner Arien neu, als erlebe er den Text in diesem Moment zum ersten Mal. Im kurzen Accompagnato „All they that see him" zum Beispiel war es, als würde er leibhaftig spotten – man glaubte, ihm das Maulaufsperren der Spötter förmlich anzusehen. Aber die anderen Solist:innen standen ihm in nichts nach, jede Nummer, jede Arie ein wirklicher Genuss.

Lena Sutor-Wernich war in „He was despised" besonders herzzerreißend – diese langsame, tiefe Arie, die im „Messiah" so leicht ins Sentimentale abgleiten kann, trug sie mit natürlicher Würde und ohne jeden falschen Zug. Drew Santini wiederum machte aus „The trumpet shall sound" einen weiteren Höhepunkt des Abends, souverän und mit der Selbstverständlichkeit eines Sängers, der diese Musik von innen kennt. Ana Maria Labin schien zwischendurch kurz stimmlich angegriffen – doch das tat ihrer Gesamtleistung keinen Abbruch. Ihre Arie „Rejoice greatly“ hatte eine unglaublich helle und strahlende Klarheit, und als sie im dritten Teil in der Arie „I know that my Redeemer liveth" solistisch einsetzte, war dieser Moment von einer solchen Schlichtheit und Leuchtkraft, dass einem fast die Tränen kamen.

Einen eigenen Applaus verdiente sich auch die Konzertmeisterin Manami Mizumoto: Kurz vor ihrem Solopart musste sie die Bühne verlassen – eine Saite war gerissen. Doch dank einer Kollegin, die rasch aushelfen konnte, war sie rechtzeitig wieder einsatzbereit und spielte ihren Part in der letzten Arie so, als wäre nichts gewesen. Das Publikum dankte es ihr mit besonderer Herzlichkeit.

Am Ende gab es lautstarken, lang anhaltenden Applaus, Bravorufe und Standing Ovations für alle Beteiligten. Dem hätte ein volleres Haus gut gestanden: Das Parkett war einigermaßen belegt, aber durchsetzt mit leeren Plätzen, die Ränge schwach besucht. Schade – denn was an diesem Abend in der MuK zu erleben war, hätte einen ausverkauften Saal mehr als verdient.

Vom Publikum gab es viel Beifall für das FestspielOrchester Göttingen.

Vom Publikum gab es viel Beifall für das FestspielOrchester Göttingen.


Text-Nummer: 179649   Autor: Ulrich Witt   vom 23.05.2026 um 08.56 Uhr

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