Zwei Stolper-Steine für Lübeck

Lübeck: Am Dienstag, 2. Juni 2026, werden Stolpersteine für zwei Lübecker Psychiatriepatientinnen verlegt, die Opfer des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten geworden sind. Um 16 Uhr erinnert die Initiative Stolpersteine in der Glockengießerstraße 25 an Anna Wecker, um 17:30 Uhr in der Hundestraße 62 an Minna Hennings, geborene Braun.

Beide Frauen waren Patientinnen der Heilanstalt Strecknitz auf dem Gelände des heutigen Universitätsklinikums in der Ratzeburger Allee.

Anna Wecker war Ende 20, als ihre Nervenkrankheit erstmals auftrat und 1903 zur Einweisung in die sogenannte Irrenanstalt in der Wakenitzstraße führte. Anfangs konnte sie immer wieder zu ihrer Mutter in den Füchtingshof zurückkehren, war aber seit 1910 stationär. Nach Auflösung der Irrenanstalt 1912 wurde sie in die neu begründete Heilanstalt Strecknitz verlegt, die nach modernen, menschenwürdigen Prinzipien geführt wurde.

Dort wurde im Dezember 1939 auch Minna Hennigs, geborene Braun, mit Verdacht auf eine psychische Erkrankung eingewiesen. Die erfolgreiche Geschäftsfrau hatte am 1. September 1939 versucht, ihren Sohn und sich selbst zu töten. Beide überlebten. Trotz günstiger Heilungsaussichten konnte sie nicht mehr zu ihrer Familie in ihr Geschäfts- und Wohnhaus in der Hundestraße zurückkehren.

Am 23. September 1941 wurden im Rahmen einer groß angelegten Aktion mehr als 600 Strecknitzer Patienten in andere Einrichtungen, vor allem in Hessen, verlegt. Dort, wo die Patienten keine familiäre Anbindung mehr hatten, sollten sie dann getötet werden. Die zunehmend verbreitete Kenntnis dieses Tötungsprogramms hatte Widerstand in den Kirchen und vermehrt Empörung in der deutschen Bevölkerung hervorgerufen, ausgelöst vor allem durch die öffentliche Predigt des Münsteraner Bischofs von Galen am 3.8.1941. Daraufhin wurde das Euthanasieprogramm offiziell für beendet erklärt. Dennoch gingen die Tötungen weiter, dezentral, verdeckt, mit unterschiedlichen Methoden. Auch die Aktion vom 23. September 1941 wurde verbrämt als Maßnahme zur „Reichsverteidigung“, um Platz zu schaffen für Lazarette und andere kriegswichtige Einrichtungen. Die faktisch Deportierten wurden offiziell „verlegt“.

Anna Wecker starb 69-jährig bereits auf dem Lübecker Güterbahnhof, wo die 600 Menschen wie Vieh verladen wurden. Minna Hennings überlebte dank ihrer Arbeitsfähigkeit die Nazizeit in der Heilanstalt Eichberg in Hessen und starb dort im Dezember 1945 39-jährig an jahrelanger Vernachlässigung.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, an den beiden Gedenkveranstaltungen teilzunehmen. Die Verlegung wird musikalisch begleitet und die Biografien beider Frauen werden ausführlich
gewürdigt. In der Hundestraße wird Bürgermeister Lindenau ein Grußwort sprechen.

Mit dem Kunstprojekt „Stolpersteine“ erinnert der Kölner Künstler Gunter Demnig an die Vertreibung, Vernichtung und Entrechtung von Menschen im Nationalsozialismus. Verlegt werden die Steine im öffentlichen Straßenraum vor den ehemaligen Wohnhäusern der Opfer. Die Betonsteine liegen plan im Boden, sodass ein Stolpern und eine Gefährdung nicht möglich sind. Finanziert werden die Steine von privaten Spendern, und sie gehen mit der Verlegung als Schenkung in den Besitz der Hansestadt Lübeck über. Dies wurde am 28.07.2007 so von der Bürgerschaft beschlossen. Es gibt bereits mehr als 116.000 Stolpersteine in über 1000 Orten Deutschlands und über 30 weiteren Ländern.

Am Dienstag, 2. Juni 2026, werden Stolpersteine für zwei Lübecker Psychiatriepatientinnen verlegt, die Opfer des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten geworden sind. Foto: Archiv/HN

Am Dienstag, 2. Juni 2026, werden Stolpersteine für zwei Lübecker Psychiatriepatientinnen verlegt, die Opfer des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten geworden sind. Foto: Archiv/HN


Text-Nummer: 179759   Autor: Veranstalter/red.   vom 30.05.2026 um 12.43 Uhr

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