Sinfoniekonzert: Archaische Wucht trifft auf böhmische Wärme
Lübeck: Dieser Kontrast kann dramaturgisch kaum deutlicher sein: Mit Auszügen aus Smetanas Orchesterzyklus „Mein Vaterland“ und Stravinskys Ballett mit Gesang „Les Noces“ prallten am Sonntag beim 8. Sinfoniekonzert des Philharmonischen Orchesters in der Musik- und Kongresshalle das romantisch-malerische Böhmen des 19. Jahrhunderts und das archaisch-perkussive Russland des frühen 20. Jahrhunderts direkt aufeinander.Was wie eine harte Konfrontation wirkt, war jedoch von erstaunlicher innerer Logik und kumulierte zu einem großartigen Gesamterlebnis. Gemein ist den beiden Werken vor allem, dass sie von kollektiver Identität handeln. Nicht von Individuen, sondern von einem Volk, das sich seiner selbst vergewissert: Strawinsky durch ein archaisches Ritual, Smetana durch Geschichte, Sage und Landschaft. Das ist vielleicht der tiefste Grund, warum das Ergebnis am Sonntagvormittag so intensiv war.
Stravinskys „Les Noces“ ist kein zartes Ballett, sondern ein ritueller Ausnahmezustand. Das Stück beschreibt in vier Szenen (Tableaus) ohne Unterbrechung die geradezu archaischen Abläufe einer traditionellen russischen Bauernhochzeit: die Geschehnisse in den Häusern von Braut und Bräutigam, den Abschied der Braut aus dem Elternhaus und schließlich das feierliche Hochzeitsmahl.
Stravinsky hatte seit 1913 an verschiedenen Fassungen gearbeitet und mit unterschiedlichen Orchestrierungen experimentiert, bis er schließlich komplett mit dem traditionellen, spätromantischen Orchesterklang brach und sich für eine Besetzung mit vier Klavieren, vier Solosängern, einem gemischten Chor und einer riesigen Schlagzeugbatterie (Schlagwerk) entschied. Das Ergebnis ist ein extrem rhythmischer Klang, perkussiv, rau und treibend. Selbst die Klaviere setzte er im Grunde wie Schlaginstrumente ein.
Auch das Libretto – ungewöhnlich für ein Ballett – stammt aus Strawinskys Feder. Er erzählt dabei aber keine individuelle Liebesgeschichte, sondern auf Basis russischer Volksgedichte beschreibt er den Archetypus der damaligen russischen Hochzeit, wie sie auf dem Lande gang und gäbe war: das unpersönliche, kollektive Ritual einer arrangierten Ehe und den unmittelbaren Übergang in einen neuen Lebensabschnitt, offen und schonungslos dargestellt in ebenso archaisch wirkender Musik. Und doch ist „Les Noces“ eines der zentralen Schlüsselwerke der Moderne, das Komponisten wie Bartók, Orff und Messiaen nachhaltig beeinflussen sollte. Kein Wunder also, dass die Uraufführung 1923 in Paris, vorgetragen vom legendären Ballets Russes, zu einem riesigen Erfolg wurde.
Aber auch ohne Ballett kann einen diese archaische Wucht dieser Tanzkantate unmittelbar treffen, wie das Konzert am heutigen Sonntag zeigte. Unter der hochpräsenten Leitung von Stefan Vlardar fügten sich die Aufführenden zu einem gemeinsamen, beschwörenden und mitreißenden Ensemble, immer wieder angetrieben vom hämmernden Klang der vier Klaviere und des massiven Schlagwerkapparate.
Besonders sei erwähnt, dass die Aufführung in diesem Konzert weitgehend in die Hände eigener Kräfte gelegt werden konnte. So kam als Gast der Tenor Alexander Fedorov hinzu, der mit den hauseigenen Solist:innen Andrea Stadel (Sopran), Frederike Schulten (Mezzosopran) und Jacob Scharfman (Bariton) ein wunderbares Solistenquartett bildete. Fein aufeinander abgestimmt bewältigten sie in beachtlicher Weise den auch stimmlich herausfordernden Part. Großartig auch der Chor des Theaters Lübeck. Fast war es, als würden sie im übertragenen Sinne agieren: durch Körperspannung, durch das kollektive Atemsystem, durch die Art, wie Silben geschleudert werden. Der berühmte Ruf „Schtschee!" wirkte im Konzertsaal der MuK wie Faustschläge. Stark auch die Schlagwerker und Pianist:innen, die unter Stefan Vladars sicherer Hand das rhythmische Rückgrat in diesem Werk bildeten. Strawinsky lässt in der rhythmisch extrem komplexen Partitur keinen Fehler verstecken, jede Abweichung, jede Unsicherheit, im Rhythmus, jedes Zögern würde das gesamte Geflecht zum Einsturz bringen. Hier geschah das Gegenteil: Die Schläge saßen wie gemeißelt und mit einer Präzision, wie man es sich bei diesem Werk nur wünschen kann.
Dabei ist für sie der Schluss das Heikelste. Die vier Klaviere, Glocken und Schellen bleiben allein, die Musik erstarrt in einem ostinaten, leisen Puls – und dann: Stille. Im Ballett hätte man das Bild der ins Schlafzimmer geführten Braut, hier in der MuK blieb nichts außer dem Nachhall, der sich zu einem unglaublich intensiven Moment entwickelte.
Was für andere Werke Pflicht ist, ist bei „Les Noces“ ein no go: es darf nicht zu viel atmen oder interpretatorisch weich werden. Der Puls muss maschinenhaft präzise bleiben – auch dort, wo die Taktarten wechseln. Strawinsky wollte keine Expressivität im romantischen Sinne. Die Gefahr besteht darin, zu versuchen, das Werk zu „vermenschlichen". Es ist ein schmaler Grat, diesem Werk seine notwendige Kälte zu lassen und trotzdem eine enorme Energie freizusetzen, die es ermöglicht, das Publikum auch emotional mitzureißen. Und dieses ist Stefan Vladar und den Aufführenden in herausragender Weise gelungen.
Als man dann nach der Pause in Smetanas Vyšehrad die Harfen hörte, war das ein echter Schock – aber ein wohltuender. Die emotionale Erschöpfung nach Strawinsky machte die Zuhörer:innen in der MuK geradezu empfänglich für Smetanas erzählerische Wärme. Dabei war in diesem Fall die Pause länger als gewöhnlich. Nicht nur waren vier Klaviere und ein immenser Schlagwerkapparat beiseite zu räumen, sondern es mussten auch eine Vielzahl von Mikrofonen umplatziert werden, die NDR Kultur für einen Mitschnitt des Konzerts aufgestellt hatte.
Auch die Wahl, die beiden letzten Sätze („Tábor“ und „Blanik“) des eigentlich sechsteiligen Smetana-Zyklus aus dem Programm herauszunehmen, war mehr als berechtigt, nicht nur der Länge wegen. Die letzten beiden Sätze sind hussitische Kampfmusik, hart, marschhaft, politisch kämpferisch. Nach dem archaischen Ritual von „Les Noces“ wäre das eine Verdoppelung des Harten. Die vier gespielten Sätze enden dagegen mit „Aus Böhmens Hain und Flur“, was einem Aufatmen, einer Öffnung in die Natur gleichkam – oder einer Wanderung durch Prag, wie sie das Programmheft beschrieb.
Wo Stravinsky das Ritual als unerbittlichen Mechanismus entfaltet hatte, setzte nun der bardenhaft-erzählerische Beginn des „Vyšehrad“ ein: Das Erzählerische blieb, aber die Atmosphäre öffnete sich, wurde ruhiger, fast schwebend. Von Anfang an fielen heute im hervorragend aufspielenden Philharmonischen Orchester die Holzbläser auf, die dem Satz eine natürliche Wärme gaben. Besonders klug war auch die Dynamik, die Stefan Vladar wählte: Er nahm die Lautstärke immer wieder konsequent zurück und ließ den Satz dadurch angenehm leicht atmen – was man bei einer Dichtung über eine Burgfestung nicht unbedingt erwartet, was aber genau richtig war, besonders im Kontrast zum Stravinsky. Auch die Tempi, die die Musikerinnen und Musiker des Orchesters bereitwillig aufnahmen, wirkten in jeder Sekunde organisch und nie berechnet.
Im rezitativartigen Mittelteil trat dann die Klarinettistin hervor und setzte den Abend unter ein stilles Ausrufezeichen: Sie konnte die Lautstärke bis fast an die Grenze der Hörbarkeit zurücknehmen und blieb dabei von einer Musikalität, die man nur als mitreißend beschreiben kann. In den folgenden Sätzen kehrte sie als solistische Stimme immer wieder zurück – und man wartete jedes Mal auf sie.
Die „Moldau“ als zweiter Satz des Zyklus ist natürlich ein vielgehörtes Stück, und man meint, es zu kennen. Aber auch hier verstand es Vladar, ihm eine frische Unmittelbarkeit zu geben: ein munteres Grundtempo, bewusst gesetzte Betonungen in der Melodie, und in der Bauernhochzeit kleine rhythmische Verzögerungen, die etwas angenehm Ungehobeltes, ländlich Lebendiges hatten. Häufig genug hat man dieses Werk schon als eine klangliche Postkarte gehört. Hier war es im Sinne dieses Wortes ein Erlebnis.
In der „Šárka“ fiel dann noch einmal besonders die Transparenz der Streicher auf wie auch die dynamische Disposition überhaupt. Zu keinem Moment wurden sie von den Bläsern zugedeckt, was besonders in diesem martialischen Satz keine Selbstverständlichkeit ist, und es bewahrte die Musik vor dem Eindruck des Brutalen: Trotz der blutigen Geschichte, die dahintersteht – die weibliche Sagenfigur Šárka wird durch die Treulosigkeit ihres Liebsten zur Rächerin ihres Geschlechts –, blieb der Satz vielschichtig und facettenreich.
Vielschichtig und dabei von einer eigenen Stille war auch der vierte Satz. Weniger Naturmalerei als Naturempfindung – eher die Emotionen, die „Böhmens Hain und Flur“ auslösen, als deren äußeres Abbild. Insgesamt also ein Smetana ohne romantisches Schwergewicht, luftig und dabei keineswegs oberflächlich. Das Publikum hielt es sichtlich kaum aus, zwischen den Sätzen nicht zu applaudieren – ein schönes Zeichen.
Anzumerken ist noch, dass der Saal der MuK angenehm gefüllt war, und man will hoffen, dass nicht allein die „Moldau“ als meistgespielter Hit der klassischen Konzertliteratur dafür gesorgt hatte. Denn die drei anderen Sätze ebenso wie Stravinskys „Les Noces“ hätten es ebenso verdient, was auch der langanhaltende, kräftige Applaus bewies, der den erschöpften Musikern nach diesem kraftraubenden Konzert ein Lächeln auf die Gesichter zauberte. Und diesmal gibt es sogar zwei Möglichkeiten, diesen Konzertgenuss noch einmal zu genießen. Neben der Wiederholung des Konzerts am morgigen Montag ist es am 19. Juli 2026 um 13 Uhr in der Reihe »Das Konzert« auf NDR Kultur zu hören.

Das Philharmonische Orchester bekam am Sonntag in der MuK lang anhaltenden Beifall.
Text-Nummer: 179794 Autor: Ulrich Witt vom 31.05.2026 um 21.32 Uhr
