NDR Elbphilharmonie Orchester: Drei Rätsel, eine Antwort

Lübeck: Drei Werke, drei Rätsel – und am Ende ein restloses Gelingen: Zum letzten Mal in dieser Saison gastierte das NDR Elbphilharmonie Orchester am Freitagabend in der Lübecker Musik- und Kongresshalle. Auf den ersten Blick mochte die Programmzusammenstellung – ein zeitgenössisches Klangpanorama, ein selten gespieltes romantisches Hornkonzert und ein spätromantisches Variationenwerk – etwas disparat wirken. Doch alle drei Stücke tragen, jedes auf seine Weise, ein Geheimnis in sich.

Gut besucht war der Konzertsaal der Lübecker MuK am Freitagabend, als die Orchestermanagerin des NDR Elbphilharmonie Orchester Sonja Epping zum Abschluss der NDR-Konzertreihe das Publikum zu Beginn persönlich begrüßte und sich für das große Interesse über die Saison hinweg bedankte. Zugleich lud schon jetzt herzlich zur kommenden Spielzeit ein – verbunden mit der Bitte, gerne weitere Freunde mitzubringen. Es nimmt das Fazit dieser Kritik sicher nicht vorweg, wenn dieses Konzert alles dafür getan hat, dass man dieser Bitte nachkommt.

Anders Hillborgs „Sound Atlas“ eröffnete den Abend – ein 2018 entstandenes Stück, an dessen Finanzierung auch das NDR Elbphilharmonie Orchester beteiligt war. 2019 in London uraufgeführt, zählt es inzwischen zu einem der am häufigsten aufgeführten Werke Hillborgs. Der Schwede zählt dabei – man darf sagen: zurecht – zu den findigsten Klangerfindern der Gegenwart. Mit Klangquellen wie der Glasharmonika, die dem Orchester einen schimmernden, beinahe außerirdischen Schleier verleiht, entstehen in „Sound Atlas“ Texturen, die zwischen vertraut und unheimlich changieren. Dazu kommt ein geradezu überreiches Schlagwerkinstrumentarium, das von antiken Zimbeln bis zu Blechdosen reicht und auch dabei Instrumente einsetzt, deren Namen man vermutlich noch nie gehört hat: Vibraslap, Güiro und ähnliche Exoten, die dem Klangbild eine ganz eigene, oft überraschende Textur verleihen. Besonders faszinierend war, wie selbstverständlich sich ganz klassische Tonalität und moderne Klangcluster ineinanderfügten – man hatte nie den Eindruck eines Bruchs, sondern vielmehr den eines permanent fließenden Übergangs zwischen unterschiedlichen Welten. An einer Stelle war es, als würde das ganze Orchester in einem wilden Wirbel umhergeschleudert – ein Moment von geradezu körperlicher Wucht, der einen kurz den Atem anhalten ließ, an anderer Stelle gelang Bancroft und dem Orchester ein schon fast unmittelbarer Eindruck von Transzendenz. Insgesamt klang das Stück unglaublich farbig und facettenreich, sphärisch-atmosphärisch, dabei alles andere als spröde, sondern geradezu „mitnehmend“. Bilder, Gerüche, Erinnerungen drängten sich auf, sogar an die Eröffnung von Haydns „Schöpfung“ auf, dieses „Werden aus dem Nichts“. Im Saal war es auffällig still und konzentriert; offenbar ging es vielen so.

Direkt im Anschluss folgte Schumanns Konzertstück für vier Hörner und Orchester op. 86 – und damit ein echter Prüfstein an diesem Abend, auch in einem historischen Sinn. Seit Mozart, der noch für das ventillose Naturhorn komponierte, hatte sich kaum ein Komponist überhaupt an die Gattung „Hornkonzert“ herangewagt – und wenn, dann allenfalls für einen einzelnen Solisten. Das Ventilhorn, 1849 gerade wenige Jahre alt, hatte zwar das chromatische Spiel aller Töne der Tonleiter ermöglicht (was zuvor nur unter größten Schwierigkeiten möglich war), aber welche spieltechnischen Möglichkeiten sich daraus tatsächlich ergaben, war zu diesem Zeitpunkt kaum erprobt. Schon ein Solokonzert für dieses Instrument wäre also eine „Innovation“ gewesen. Schumann jedoch setzte gleich auf ein Solistenquartett – und das so geschickt, dass das Werk bis heute zu den technisch anspruchsvollsten des gesamten Hornrepertoires zählt. Diesen Sprung ins Ungewisse bezeichnete Schumann selbst in einem Brief als „etwas ganz curioses“.

Jens Plücker, Amanda Kleinbart, Edouard Cambreling und Tobias Heimann – allesamt Mitglieder des Orchesters, die sich für diesen Abend zum Solistenquartett zusammenfanden – bestanden diesen Prüfstein glänzend. Technisch makellos, intonationssicher, klanglich homogen. Jede:r von ihnen hatte erkennbar einen eigenen Ton, die sich zugleich aber großartig ergänzten, statt sich zu reiben. Der erste Satz nahm sich zu Beginn Zeit, entwickelte dann aber eine packende, treibende Kraft. Im zweiten Satz fand diese Kraft ihren lyrischen Gegenpart – und das, ohne dick zu klingen, eher luftig-intim. Der dritte Satz schließlich hatte genau die Bravour, die Schumann verlangt, ohne dass die Hörner je schmetterten. Und Bancroft? Er machte aus dem Orchester nicht den Stichwortgeber, sondern einen echten Mitspieler.

Nach der Pause dann die Enigma-Variationen op. 36 – zwischen 1898 und 1899 komponiert und im Juni 1899 in London uraufgeführt, das Werk, mit dem Elgar quasi über Nacht zum bedeutendsten britischen Komponisten seiner Zeit wurde. Vierzehn musikalische Porträts seines Freundeskreises, von der Ehefrau bis zum Verleger Jaeger. Schon das war zunächst ein Rätsel, denn die konkreten Bezüge hielt Elgar bewusst dunkel und gab den Sätzen nur entsprechende Initialen oder Spitznamen als Titel. Auch wenn inzwischen die Zuordnungen herausgefunden wurden, blieb das eigentliche Rätsel dieses Werkes bis heute unentdeckt: das verborgene Thema, das nie erklingt und dessen Identität auch Elgar nie verraten hat.

Was an diesem Abend vor allem beeindruckte, war die Geschlossenheit der Interpretation. Jede Variation hatte genau das richtige Tempo, das richtige Gewicht, auch im Verhältnis der Orchestergruppen zueinander. Nichts brach hervor, nichts wirkte aufgesetzt – alles war so in sich stimmig, dass man sich kaum vorstellen konnte, es anders zu spielen.

Das zeigte sich besonders in den solistischen Momenten, von denen es einige bemerkenswerte gab. In der dreizehnten Variation etwa war das Klarinettensolo von einer Zartheit, die fast den Atem anhielt – aber auch in den anderen Variationen waren die Solo-Stellen durchweg von hoher Qualität, kleine Charakterstudien für sich. Und die zehnte Variation, „Dorabella“, hatte einen Humor, dem sich offenbar auch das Publikum nicht entziehen konnte – man sah hier und da ein Schmunzeln in den Gesichtern der Zuhörer.

Den emotionalen Kern bildete natürlich, wie so oft, die neunte Variation, „Nimrod“. Man hat dieses Stück so häufig gehört, dass man eigentlich erwartet, irgendwann abgestumpft zu reagieren – und doch nahm es einen auch diesmal wieder mit. Groß war es, fast überwältigend, aber es blieb dabei in Bewegung, es „floss“, ohne irgendwo stehen zu bleiben oder sich in seiner eigenen Größe zu verlieren.

Bancroft selbst war dabei die ganze Zeit über genau richtig dosiert: ruhig und zurückhaltend, wenn es die Musik verlangte, kraftvoll-energetisch, wenn es nötig war. Er gehört offenbar zu jener jüngeren Generation von Dirigenten, die weniger über demonstrative Autorität wirken als über Kommunikation, körperliche Energie und klangliche Präzision. Seine Körpersprache ist auffällig beweglich, fast tänzerisch und fließend – gerade in den rhythmisch geprägten Passagen war das gut zu beobachten. Den Puls der Musik vermittelte er förmlich mit dem ganzen Körper, aber nie hektisch; man hatte vielmehr den Eindruck, dass er seine Bewegungen ganz gezielt nutzte, um die musikalische Energie unmittelbar auf das Orchester zu übertragen. Sein Dirigat wirkte dadurch ganzheitlich – man konnte ablesen, was er wollte, ohne dass er dabei je exaltiert wirkte. Sicht- und hörbar war, mit welch großer Freude das NDR Elbphilharmonie Orchester ihm dabei folgte.

Dazu kam, dass der warme Klang des MuK-Saals dem ganzen Abend zugutekam – gerade einem so „romantischen“ Programm, in dem sich die unterschiedlichen Klangfarben gut miteinander vermischen konnten. Dass das Orchester unter Bancroft trotzdem nie zu einem diffusen Klangbrei verschwamm, sondern transparent und durchsichtig blieb, war eine der eigentlichen Leistungen des Abends – man konnte selbst in dichtesten Passagen einzelne Stimmen verfolgen.

Und es war eben auch die Programmauswahl, die es vermochte, über den Abend hinweg einen roten Faden in der Hand zu behalten: Bei Hillborg ging es um das Rätsel unidentifizierbarer, kosmischer Klänge, bei Schumann um den Sprung in ein technisch noch unerprobtes Terrain, bei Elgar schließlich um ein Rätsel im Wortsinn. Am Ende gab es lang anhaltenden Applaus und Bravorufe – verdient, für einen Abend, der drei sehr unterschiedliche Geheimnisse mit einer einzigen, überzeugenden Antwort versah. Und falls jemand noch nach einem Grund sucht, im Herbst wieder hinzugehen und dann jemanden mitzubringen: Abende wie diesen darf man wirklich niemandem vorenthalten.

Das NDR Elbphilharmonie Orchester gastierte zum letzten Mal in dieser Saison in der Lübecker MuK.

Das NDR Elbphilharmonie Orchester gastierte zum letzten Mal in dieser Saison in der Lübecker MuK.


Text-Nummer: 180088   Autor: Ulrich Witt   vom 14.06.2026 um 16.38 Uhr

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