Muster-Biotop mit Mietern

Lübeck - St. Gertrud: Ein eintöniger Hinterhof wird zur Naturoase: Seit vier Jahren entwickeln das Wohnungsunternehmen Vonovia, der Hanse-Obst e.V. und engagierte Anwohner eine mustergültige Außenanlage. „Menschen, Tiere und Pflanzen sollen sich hier gleichermaßen wohlfühlen“, sagt Projektleiter Heinz Egleder von Hanse-Obst. Ob das überhaupt möglich ist, wird im Lübecker Stadtteil Eichholz experimentell erprobt.

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Drei Vonovia-Vertreter (links) überreichen Hanse-Obst-Mitgliedern neue Projektgelder. Foto: Vonovia/Frederik

Offenbar mit Erfolg: Immer mehr Mieter und Wildtiere tummeln sich auf der Fläche. Jetzt überreichte Vonovia eine weitere Finanzspritze, damit es mit diesem außergewöhnlichen Experiment im Netzwerk der „Essbaren Stadt Lübeck“ weitergehen kann.

In das Muster-Biotop fließen seit 2023 jährlich ein vierstelliger Betrag und unzählige Arbeitsstunden. So hat sich dort inzwischen viel verändert: Liefen früher nur manchmal Hundebesitzer mit ihren Vierbeinern über kurz geschorenen Rasen, laden inzwischen Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein. Eine Klön- und eine weitere Grillecke sind entstanden. Eine Sitzgruppe liegt im Schatten der Bäume, die andere sonnenexponiert – nutzbar je nach Bedarf. Bunte Blühstreifen, Hochbeete mit Kräutern, eine Naschecke mit Beerensträuchern laden ein, erste Süßkirschen werden reif. „Ich gehe wieder gern in den Innenhof“, sagt eine Mieterin, „früher gab es hier nichts zu ernten und zu entdecken.“ Sogar die Beamten der nahen Polizeistation machen manchmal ihre Pausen in der grünen Oase.

Besonderer Blickfang ist eine große Wildbienennisthilfe mit einem Vonovia-Namenszug. Die ersten roten und gehörnten Mauerbienen haben hier ihr neues Zuhause entdeckt. Diese beiden Bienenarten bestäuben sicher die Obstblüten, falls Honigbienen wegen Kälte oder Regen ausfallen. Alle Bienen, die in solchen „Hotels“, wie der Volksmund sagt, wohnen, können uns Menschen nicht stechen. Wir können sie deshalb aus nächster Nähe gefahrlos beobachten. Faszinierend, das halbe Dutzend verschiedener Wildbienenarten, die dort nun das ganze Jahr wohnen.

Zum Projektstart wurden drei programmatische Hinweisschilder installiert: „Hier wohnen wir: Menschen, Tiere und Pflanzen im rücksichtsvollen Miteinander“. Mit der Vonovia-Managerin Julia Fuchs, dem Teamleiter für Vonovia-Außengelände, René Del Re, und weiteren Kollegen sowie mit einigen Anwohnern und drei Hanse-Obst-Mitgliedern erfolgte zunächst eine Ist-Analyse des Innenhofes. Nur der Wäschetrockenplatz mit kurzem Rasen blieb unangetastet. Der sandige Boden auf der Gesamtfläche bot Gelegenheit, dort durch Einbringen einiger Initialpflanzen eine Umwandlung in eine Blühfläche anzustoßen, die nur zweimal im Jahr gemäht wird. Nicht standortgerechte Bäume wurden entfernt, darunter riesige Robinien, die auseinanderzubrechen drohten. Die Stämme wurden zur Umrandung eines ersten Beetes genutzt. Der restliche Baumschnitt für eine Totholzhecke und einen Reisighaufen. Nichts Pflanzliches wird entsorgt, auch kein Bodenaushub. Ein natürlicher Kreislauf soll entstehen, ein Muster-Biotop nach Permakultur-Prinzipien. Das praxisnahe Konzept „Biotop mit Mensch“ von Gerda und Eduard Kleber, die zeitweise an der Uni Kiel tätig waren, findet hier Anwendung.

Ein wichtiges Element des Muster-Biotops ist eine begrenzte Wildnisfläche unter Bäumen und Büschen, wo ganzjährig keine Eingriffe von Menschenhand stattfinden. Dort sind Igel-Quartiere und am sonnigen Rand eine Eidechsen-Burg und ein Sandhaufen entstanden. Die Igel sind in der Dämmerung manchmal zu beobachten. Ob auch Waldeidechsen kommen, ist ungewiss, aber auch Kröten freuen sich über den Stein-Holz-Haufen. Meisen, Rotkehlchen und der Gartenrotschwanz haben das einladende Zuhause aber längst bezogen. Zwei Dutzend unterschiedliche Nistkästen für Vögel und Fledermäuse gehörten zu den ersten Maßnahmen. Bei der derzeitigen Wohnungsnot der Flugakrobaten im städtischen Raum wurden die Kästen sofort angenommen. Der Buntspecht besucht regelmäßig das Biotop, die wunderschönen Weinbergschnecken leben das ganze Jahr hier.

Auf Wunsch der Mieter dürfen auch bunte Gartenblumen dort wachsen, unabhängig von ihrer Bienentauglichkeit. Die Metallzäune um die hässlichen Müllcontainer sollen noch begrünt werden, erste immergrüne Geißschlingen und das Japanische Geißblatt wurden bereits gepflanzt. Im ständigen Dialog mit den Projektbeteiligten vor Ort kommen sogar bepflanzte Waschbetonsteine aus dem Baumarkt und Beton-Stelen zum Einsatz. Kompromisse sind Teil dieses Experimentes „Biotop mit Mietern“ bzw. „Biotop mit Mensch“.

Das Projekt hat schon jetzt einen positiven Einfluss auf die umliegenden Mieter: Sie kommen untereinander ins Gespräch und entwickeln eine Verantwortung für die Fläche. Lag früher manchmal Müll im Innenhof, wird dieser nun von Anwohnern umgehend aus „ihrer“ Naturoase entfernt. Das Biotop entwickelt sich zunehmend zum Treffpunkt. Geplant ist noch, einen öffentlichen Bücher-Tausch-Schrank an einem Biotop-Eingang aufzustellen. Auch um Passanten zum Betreten der Oase zu animieren. Überlegt wird seit Projektbeginn, Kitas zu diesem Treffpunkt der essbaren Stadt einzuladen, was bisher noch nicht gelungen ist. Allerdings ist das gepflanzte Obst auch noch viel zu jung, um nennenswert Essbares hervorzubringen.

Der Anspruch, ein Muster-Biotop für andere urbane Innenhöfe zu werden, ist schon teilweise eingelöst: Die Wildbienennisthilfe steht als Prototyp bereits an einem Dutzend Lübecker Standorte. Aus Kiel und Hamburg liegen erste Biotop-Anfragen vor. Viele „Biotope mit Mensch“ mitten in der Stadt, angelegt von Wohnungsunternehmen oder Privateigentümern, könnten mehr Pflanzenmasse in aufgeheizte Baugebiete bringen und insbesondere Insekten, Fledermäusen und Vögel helfen – mit enormem Mehrwert für Menschen. Besichtigung des Muster-Biotops nach Absprache, Informationen gibt es unter Telefon 0176 27840625.

Bau des ersten Wildbienennisthilfe-Prototyps im Muster-Biotop. Foto: Hanse-Obst

Bau des ersten Wildbienennisthilfe-Prototyps im Muster-Biotop. Foto: Hanse-Obst


Text-Nummer: 180125   Autor: Hanse-Obst/red.   vom 16.06.2026 um 10.59 Uhr

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