Stolpersteine erinnern an Euthanasieopfer auf Marli

Lübeck - St. Gertrud: Am Dienstag, 23. Juni 2026, werden Stolpersteine für zwei Lübecker Psychiatriepatientinnen verlegt, die Opfer des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten geworden sind. Um 16 Uhr erinnert die Initiative Stolpersteine in der Lützowstraße 30 an Hedwig Ehlers, geb. Warncke, und um 17.30 Uhr in der Schönkampstraße 13 an Frieda Wigger, geb. Wilcken.

Beide Frauen waren Patientinnen der Heilanstalt Strecknitz auf dem Gelände des heutigen Universitätsklinikums in der Ratzeburger Allee. Diese psychiatrische Heilanstalt wurde für damalige Verhältnisse modern und menschenwürdig geführt. Möglicherweise gerade deshalb entging sie nicht der reichsweiten Evakuierung psychiatrischer Patienten, die in Tötungsanstalten „verlegt“ wurden.

Am 23. September 1941 wurden im Rahmen einer großangelegten Aktion mehr als 600 Strecknitzer Patienten in andere Einrichtungen, vorwiegend in Hessen, verschickt. Dort, wo die PatientInnen keine familiäre Anbindung mehr hatten, sollten sie dann getötet werden. Die zunehmend verbreitete Kenntnis dieses Tötungsprogramms hatte Widerstand in den Kirchen und vermehrt Empörung in der deutschen Bevölkerung hervorgerufen, ausgelöst vor allem durch die öffentliche Predigt des Münsteraner Bischofs von Galen am 3. August 1941. Daraufhin wurde das Euthanasieprogramm offiziell für beendet erklärt. Dennoch gingen die Tötungen weiter, dezentral, verdeckt, mit unterschiedlichen Methoden. Auch die Aktion vom 23. September 1941 wurde verbrämt als Maßnahme zur „Reichsverteidigung“, um Platz zu schaffen für Lazarette und andere kriegswichtige Einrichtungen.

Hedwig Ehlers wurde aufgrund von Wahnideen seit 1934 mehrmals in der Heilanstalt Strecknitz aufgenommen, zuletzt am 16. September 1940. Im Rahmen der Aktion vom 23. September 1941 wurde sie in die Landesheilanstalt Eichberg in Hessen eingeliefert. Dort starb sie 45-jährig am 29. Juli 1942.

Auch Frieda Wigger kam am 23. September 1941 nach Eichberg. Sie war erst am 6. September 1941 nach einem Schlaganfall in der Heilanstalt Strecknitz aufgenommen worden, nachdem sie am Vortag noch normal Gartenarbeit verrichtet hatte. Im Zustand völliger Verwirrtheit überlebte sie die Einweisung in Eichberg nur wenige Tage. Sie starb schon am 18. Oktober 1941 im Alter von 56 Jahren.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, an den beiden Gedenkveranstaltungen teilzunehmen. Die Verlegung wird musikalisch begleitet und die Biographien beider Frauen werden ausführlich gewürdigt. In der Lützowstraße wird Prof. Borck vom Zentrum für kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck ein Grußwort sprechen. Dr. Peter Delius, der in den 1980er Jahren als erster das Schicksal der Strecknitzer Psychiatriepatienten erforscht und dokumentiert hat und noch mit Angehörigen sprechen konnte, wird in der Schönkampstraße sprechen, ebenso wie Pascal Straßer, der Lübecker Koordinator für Erinnerungskultur.

Mit dem Kunstprojekt „STOLPERSTEINE“ erinnert der Kölner Künstler Gunter Demnig an die Vertreibung, Vernichtung und Entrechtung von Menschen im Nationalsozialismus. Verlegt werden die Steine im öffentlichen Straßenraum vor den ehemaligen Wohnhäusern der Opfer. Die Betonsteine liegen plan im Boden, sodass ein Stolpern und eine Gefährdung nicht möglich sind. Finanziert werden die Steine von privaten Spendern und gehen mit der Verlegung als Schenkung in den Besitz der Hansestadt Lübeck über. Dies wurde am 28. Juli 2007 so von der Bürgerschaft beschlossen.

Es gibt bereits mehr als 116.000 Stolpersteine in über 1000 Orten Deutschlands und über 30 weiteren Ländern.

Die Stolpersteine für die beiden Frauen werden am Dienstag verlegt. Foto: Initiative Stolpersteine

Die Stolpersteine für die beiden Frauen werden am Dienstag verlegt. Foto: Initiative Stolpersteine


Text-Nummer: 180166   Autor: Initiative   vom 21.06.2026 um 14.45 Uhr

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