Philharmonisches Orchester begeistert mit nordischer Romantik

Lübeck: Mit der Schwedin Elfrida Andrée (1841–1929), dem Dänen Launy Valdemar Grøndahl (1886–1960) und dem Finnen Jean Sibelius (1865–1957) standen drei Komponisten der nordischen Romantik auf dem Programm des letzten Konzerts der Saison des Philharmonischen Orchesters in der Musik- und Kongresshalle. Das versprach schon deshalb spannend zu werden, weil in jener Zeit der skandinavische Raum keine musikalische Provinz mehr war, sondern eine Region im kulturellen Aufbruch.

Eröffnet wurde das Konzert mit Elfrida Andrées Ouvertüre zu ihrer Oper „Fritiofs Saga“. Dies kurz zum Verständnis: Die Oper selbst, 1894/1895 entstanden und um 1906 noch einmal umgearbeitet, basiert auf einem Versepos des Dichters Esaias Tegnér, das aus der nordischen Mythologie schöpft. Die Handlung folgt der nordischen Legende um den Helden Fridtjof, der um seine geliebte Ingeborg kämpft und vom eifersüchtigen König ins Exil geschickt wird. Das Libretto stammte von niemand Geringerem als Selma Lagerlöf, der späteren Nobelpreisträgerin. Die Oper kam zu Elfrida Andrées Lebzeiten in ihrer Originalfassung nicht zur öffentlichen Aufführung. Ihre szenische Uraufführung erlebte sie erst Anfang dieses Jahres an der Oper Essen, also rund 130 Jahre nach ihrer Entstehung. Insofern war es eine echte Besonderheit, diese Ouvertüre in diesem Konzert gehört zu haben.

Andrées Ouvertüre beeindruckt zunächst als ein geschlossenes Orchesterstück mit starken Steigerungen, gerade zum Ende hin. Die Musik erinnert in einigen Momenten an Mendelssohn, gelegentlich auch an Schumann, präsentiert aber immer eine eigene Sprache, einen eigenen Gestus. Es ist spätromantische Programmmusik in einem nordischen Geist, mit Farbe, Energie und einem klaren dramatischen Bogen. Andrée ist als Komponistin vielleicht nicht revolutionär, aber schon diese Ouvertüre zeigt, dass sie mit den Möglichkeiten der Orchesterfärbungen definitiv umzugehen weiß. Die Verwendung der verschiedenen Instrumente und ihrer Kombinationen, der Wechsel zwischen tutti-Passagen und solistischen Einwürfen – all das transportiert eine reiche Fülle an unterschiedlichsten Stimmungen, an musikalischen Blickrichtungen, die man so eben doch noch nicht gehört hat.

Andrées „Fritiofs Saga“-Ouvertüre macht definitiv neugierig auf weitere Entdeckungen aus ihrem Schaffen, und das lag an diesem Abend sicher nicht nur am großartig aufspielenden Philharmonischen Orchester, das mit dem Dirigenten Dominik Beykirch als Gast am Pult von Anfang an eine sehr innige Beziehung entwickelt zu haben schien. Selten hat man auf der Bühne eine so intensive, neugierige Spannung erlebt, die bis in das Publikum hineinwirkte.

Diese Spannung hielt sich auch im anschließenden Posaunenkonzert von Launy Grøndahl, welches von Stephan Gerblinger als Solist präsentiert wurde, der seit 2021 als Soloposaunist am Theater Lübeck tätig ist. Möglicherweise lag es auch am Instrument selbst, das man wohl fast am wenigsten als ein Soloinstrument wahrnimmt. Die Posaune galt Jahrhunderte lang als Ensembleinstrument par excellence, besonders geeignet für Blechbläserchöre, für feierliche oder majestätische Effekte oder dann, wenn es einfach nur laut werden soll. Ihr Klang ist groß, voll, aber auch schwer zu „führen" im solistischen Sinn. Von einem Soloinstrument erwartet man typischerweise Agilität, Virtuosität, klangliche Vielfalt. All das ist bei der Posaune zwar möglich, aber weniger selbstverständlich als etwa bei Violine, Klavier oder Cello. Hinzu kommt der Zugmechanismus: Schnelle Läufe und extreme Lagenwechsel sind auf der Posaune technisch deutlich schwerer umzusetzen als auf den meisten anderen Instrumenten. Und so kommt es, dass die wenigen bekannten Solokonzerte (zum Beispiel von Wagenseil, David oder Rimsky-Korsakow) fast ausschließlich nur den Insidern bekannt sind und zumeist nur bei Orchesterwettbewerben zu hören sind. Das macht eine solistische Posaune auch für Komponisten zu einer undankbaren Herausforderung. Vor diesem Hintergrund muss man Launy Grøndahl und Stephan Gerblinger fast danken, dass sie sich dieses Konzertes annahmen.

Grøndahl hatte in den 1920er Jahren damit begonnen, sich vom Typ des romantischen Virtuosenkonzerts zu lösen. Auslöser dafür war auch eine Auslandsreise, die ihn 1924 nach Paris, Rom und Wien führte und ihn dabei in Kontakt mit den aktuellen Tendenzen europäischer Komposition brachte. Diese Bekanntschaft mit neuer französischer und osteuropäischer Musik von Komponisten wie Debussy, Ravel, Bartók und Kodály oder Prokofjew spiegelt sich auch in seinem Posaunenkonzert wider, etwa in den markanten Synkopen, Rhythmen und einem 7/8-Takt im zweiten Satz. Dabei sind es gar nicht diese technischen Herausforderungen, die das Konzert besonders machen.

Das eigentliche Geheimnis des Stücks liegt darin, dass Grøndahl – selbst Geiger und kein Posaunist – für die Posaune so schreibt, wie man für ein Streichinstrument schreiben würde: singend, kantabel, mit echten melodischen Bögen. Zugleich bleibt die Posaune – anders als sonst üblich – immer tonangebend und strebt nicht nach einer Integration in das Orchester. Während bei anderen Komponisten Orchester und Soloinstrument häufig „miteinander“ spielen, gibt bei Grøndahl der Solist dem Orchester Motive vor, mit denen es ihn dann begleitet. Das wiederum macht es in der Disposition zwischen Solist und Orchester noch schwieriger, die richtige Balance zu finden.

Stephan Gerblinger aber machte aus der Posaune eben kein Machtinstrument, sondern zusammen mit Beykirch und dem Orchester im besten Sinne einen „Schönklinger“. In den kaum 16 Minuten, die dieses Stück dauert, konnten die Zuhörer nahezu alle Nuancen des Instruments erleben, die dieses Instrument bei richtiger Behandlung ermöglicht. Trotz anspruchsvoller Abschnitte mit großen Tonsprüngen und komplexen Rhythmen lag bei Gerblinger über allem eine geradezu magische Gesanglichkeit und eine lyrische Stimme, die zugleich lieblich, mystisch und nebulös war. Das war im höchsten Maße beeindruckend und ein Loblied par excellence auf die Posaune!

Und als ob das noch nicht an Farbenreichtum ausreichen würde, gab Gerblinger dem begeistert applaudierenden Publikum noch die „Elegy for Mippy“ von Leonard Bernstein als Zugabe, eine höchst reizvolle Miniatur, die noch einmal die jazzige Seite und damit die immense Breite der Möglichkeiten dieses Instruments zeigte. So hatte die erste Konzerthälfte bereits zwei Entdeckungen beschert: eine zu Unrecht vergessene Komponistin und ein Instrument, das man so noch nicht gehört hatte.

Aber der Abend war noch nicht zu Ende, denn der zweite Teil des Abends gehörte Jean Sibelius und seiner 2. Sinfonie in D-Dur, einem der meistgespielten Werke des sinfonischen Repertoires. Und doch: auch hier eine Entdeckung, nur eben anderer Art.

Beykirch und das Philharmonische Orchester begannen den ersten Satz auf eine fast magische Weise: leicht, fließend, von einer sommerlichen Sehnsucht erfüllt, die sofort Bilder skandinavischer Landschaften hervorrief. Das Oboensolo zu Beginn hatte dabei etwas zutiefst Innerliches, das im ersten Moment im Kontrast zum fließenden, vorwärtsstrebenden Tempo zu stehen schien, das sich dann doch so organisch einflocht, als wäre es ein Duft, eine kaum greifbare Gefühlsregung, die das Ganze von innen heraus färbt.

Was folgte, war von einem Farbenreichtum, der verblüffte: keine drückende, schwer romantisierte Klangwelt, sondern immer wieder aufblitzende helle, transparente Momente, begünstigt durch einen bewusst sparsamen Einsatz des Vibratos in den Streichern, der dem Klang keine Kühle verlieh, sondern im Gegenteil eine helle, transparente Wärme, unaufdringlich und zugleich tief empfunden. Die beweglichen Tempi gaben der Musik eine Lebendigkeit und Duftigkeit, als würde an jeder Ecke ein neues Bild aufleuchten, eine neue Impression erscheinen, und als füge Sibelius all das, fast wie beiläufig, zu einem magischen Ganzen zusammen.

Der zweite Satz begann dann wie aus einer völlig anderen Welt. Das Pizzicato der tiefen Streicher war von Anfang an von einer kaum fassbaren Intensität: fesselnd, drängend, dunkel, von einer Schwere, die sich zwischen Beykirch und den Celli und Bässen geradezu körperlich zu verdichten schien. Darüber das Fagott-Solo, das nicht nur eine bloße Melodielinie war, sondern wie eine nordische Saga, die aus uralter Zeit heraufsteigt, begleitet von mythischen Hornrufen, die den Eindruck des Archaischen noch verstärkten. Und dann der Moment, an dem Sibelius das Orchester von einem liegenden C kaum merklich nach Cis-Dur verschiebt. Beykirch und dem Orchester gelang ein Moment von fast unwirklicher Helligkeit, als bräche unvermittelt jenes besondere nordische Licht herein, das den ganzen Abend schon über dem Konzert zu schweben schien. Von dort öffnete sich der Satz wie ein sich weitender Horizont, der schließlich in einem gewaltigen Blechchoral gipfelte, der den Saal bis in den letzten Winkel zu füllen schien.

Der dritte Satz riss das Publikum mit einem zornigen, brodelnden Streicherauftakt mit und entwickelte sich zu einem furiosen Ritt von unglaublich mitreißender Wirkung. Und dann der Übergang zum Finale: von Sibelius lang angelegt, aber bei Beykirch nie statisch, sondern immer vorwärtsstrebend, immer mit dem Gefühl, dass etwas Unweigerliches herannaht, das dann im Finale selbst seine Befreiung findet. Recht flott genommen, aber nie gehetzt, und von einer positiven Grundstimmung getragen, war dieser Satz im höchsten Maße erstaunlich: kein Triumphmarsch, kein Heroisieren – sondern eher das ruhige Ankommen nach langer Fahrt. Jenes D-Dur am Schluss, das in falschen Händen pompös-leer werden kann, leuchtete hier einfach – warm, überzeugend, unvermeidlich.

Was an diesem Abend über alle drei Werke hinweg spürbar war: Dominik Beykirch und das Philharmonische Orchester haben offensichtlich sehr intensiv miteinander gearbeitet. Auf der Bühne herrschte eine Einheit, die man nicht proben kann, sondern die entsteht, wenn ein Dirigent ganz klare Klangvorstellungen hat – und wenn ein Orchester ihnen nicht nur folgt, sondern sie sich zu eigen macht. Das Orchester spielte sichtlich befreit, mit Freude und Konzentration zugleich.

Der noch junge deutsche Dirigent Dominik Beykirch prägte über viele Jahre das künstlerische Profil des Deutschen Nationaltheaters und der Staatskapelle Weimar, ist seit dieser Spielzeit aber als freischaffender Dirigent tätig, und das Lübecker Gastspiel war definitiv ein glänzender Auftakt hierfür. Was passt: Beykirch hat sich wiederholt und mit großem Erfolg der Wiederentdeckung vergessener Werke gewidmet. Ein Dirigent also, dem das Programm dieses Abends buchstäblich auf den Leib geschrieben war, und dem es gelang, die Musik in Gänze und auf beeindruckende Weise wirken zu lassen.

Und damit schließt sich auch der Kreis dieses außergewöhnlichen Abends. Alle drei Komponisten auf dem Programm verbindet mehr als die geografische Herkunft: Sie schrieben eine Musik, die fest in der Romantik verwurzelt ist, ohne blind großen deutschen Vorbildern wie Wagner oder Brahms zu folgen. Herbere Harmonik, nordische Melancholie, atmosphärische Orchesterfarben, das ist ein eigener Tonfall, eine eigene Welt, die man als „nordische Romantik" bezeichnen könnte. Und zugleich Komponisten, die im 20. Jahrhundert allzu lange ins Abseits gerieten. Andrée, weil sie eine Frau war, Grøndahl, von dem heute kaum mehr als eben jenes Posaunenkonzert bekannt zu sein scheint, und Sibelius, der trotz seiner überragenden Bedeutung jenseits der „Finlandia", der Zweiten Sinfonie und des Violinkonzerts bis heute selten gespielt wird und der nach seinem Tod jahrzehntelang als altmodisch galt, bevor er langsam wiederentdeckt wurde.

Dieser Abend hatte also drei Entdeckungen zu bieten, vier, wenn man die Posaune als Soloinstrument mit hinzurechnen möchte. Jede aber auf definitiv ihre Weise. Andrée und Grøndahl waren Entdeckungen im eigentlichen Sinne: Werke, Klangwelten, die man so noch nicht kannte. Sibelius' Zweite aber war eine Entdeckung anderer Art – die eines längst vertrauten Werkes, das unter Beykirchs Händen so klang, als höre man es zum ersten Mal. Und das ist vielleicht die schönste Entdeckung, die ein Konzertabend bescheren kann. Das Publikum in der – vielleicht dem Fußball oder den Temperaturen geschuldeten – nur mäßig besuchten Musik- und Kongresshalle bedankte sich zurecht mit langem Applaus und vielen Bravorufen bei allen Beteiligten.

Einladende Kulisse für nordische Klänge: die Musik- und Kongresshalle Lübeck. Foto: Archiv

Einladende Kulisse für nordische Klänge: die Musik- und Kongresshalle Lübeck. Foto: Archiv


Text-Nummer: 180407   Autor: Ulrich Witt   vom 30.06.2026 um 14.14 Uhr

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