Sehbehinderte schaffen Kunst aus Sand
Lübeck - Travemünde: Die Sandskulpturen-Ausstellung Travemünde und der Sehbehindertenverein Schleswig-Holstein (BSV SH e. V.) arbeiten seit Jahren zusammen. Zum Ende der Ausstellung dürfen Sehbehinderte die Kunstwerke ertasten. In dieser Woche konnten Blinde und stark sehbehinderte Menschen erstmals eigene Skulpturen erschaffen.
Seit mehreren Jahren ermöglicht die Sandskulpturen-Ausstellung Travemünde am letzten Ausstellungstag bereits eine besondere Führung: Sehbehinderte und blinde Besucherinnen und Besucher dürfen die Kunstwerke ausdrücklich mit den Händen ertasten – ein Erlebnis, das sonst streng verboten ist. Was einst vier Teilnehmende anzog, begeisterte im Jahr 2025 bereits rund 40 Menschen. Aus diesem Wunsch nach noch mehr Nähe zur Kunst entstand die Idee zum Workshop – und damit ein neues Kapitel in der Zusammenarbeit mit dem BSV SH e.V.

„Den besonderen Sand der Carver mit den Händen ertasten, ihn formen, ihm Struktur und Proportion geben – und daraus ein eigenes Kunstwerk entstehen lassen: Das ist eine Erfahrung, die so sonst nicht möglich wäre“, sagt Karl Küppers, Beisitzer im Vorstand vom BSV SH e. V. „Genau das wollen wir ermöglichen.“

Kulturelle Teilhabe bedeutet mehr als Zugang. Es bedeutet, nicht nur Empfänger von Kunst zu sein, sondern selbst Teil davon zu werden. Im Mittelpunkt des Workshops stand das aktive Arbeiten mit den Händen: den besonderen Spezialsand, den auch die professionellen Carver verwenden, zu ertasten, zu formen und ihm Struktur und Proportion zu geben. Durch diesen unmittelbaren Zugang zum Material wurden Formen spürbar, die sich dem Auge entziehen.
Geleitet wurde der viertägige Workshop von dem renommierten Sandcarver Martin de Zoete. Um seine Teilnehmer noch gezielter anleiten zu können, nutzt er eine Simulationsbrille, die verschiedene Sehbeeinträchtigungen nachbildet – und erlebte so, wie sich das Arbeiten mit Sand anfühlt, wenn man sich nicht auf die Augen verlassen kann.
„Wenn jetzt die Werke dieser Menschen vor dem Eingang stehen und von allen Besuchern bewundert werden, schließt sich ein Kreis“, sagt Ausstellungsleiter Oliver Hartmann. „Kunst, die mit allen Sinnen erschaffen wurde, soll auch mit allen Sinnen erlebt werden – das ist die Botschaft dieses Projekts.“

Jetzt stehen die entstandenen Werke am Eingang der Ausstellungshalle – sichtbar für alle, die die „Zeitreise im Sand“ besuchen. Damit stehen die Skulpturen sehbehinderter Menschen Seite an Seite mit den Arbeiten von 25 internationalen Sandcarverinnen und Sandcarvern, die mit ihrer Kunst Welt- und Europameisterschaften gewonnen haben. Für die achte Saison in Travemünde haben diese Künstler aus 15 Ländern auf 3.500 Quadratmetern überdachter Ausstellungsfläche 104 Skulpturen erschaffen. Noch bis zum 1. November 2026 führt die „Zeitreise im Sand“ die Besucherinnen und Besucher durch die gesamte Menschheitsgeschichte: von den Dinosauriern über das alte Ägypten, Karl den Großen, Gutenberg und Einstein bis in die digitale Gegenwart.

Erstmals haben Seebehinderte und Blinde in der Ausstellung eigene Kunstwerke aus Sand geformt. Fotos: Karl Erhard Vögele
Text-Nummer: 180715 Autor: Veranstalter/red. vom 16.07.2026 um 15.45 Uhr
