Erinnerung an die Deportationen nach Riga
Lübeck: Delegierte aus 34 Mitgliedsstädten des „Deutschen Riga-Komitees“ reisten Anfang Juli nach Lettland. Schwerpunkt der fünften Fahrt dieses erinnerungskulturellen Netzwerkes war die Erinnerung an die Deportation und Ermordung jüdischer Menschen in Riga vor 85 Jahren.An der Gedenkfahrt nahmen Peter Petereit, 1. stellvertretender Stadtpräsident, und Pascal Straßer, Koordinator der Fachstelle Erinnerungskultur im Kulturbüro, als offizielle Vertreter der Hansestadt Lübeck teil.
Peter Petereit gedachte und ehrte die Toten mit einer weißen Rose und legte entsprechend dem jüdischen Brauch, Steine am Ort des Gedenkens nieder. Der Besuch in Riga, insbesondere der Gedenkstätte Bikernieki, war für Peter Petereit sehr beeindruckend: „Mich macht es tief betroffen, an einem solchen Ort des Schreckens zu stehen – an einem Ort, der für unvorstellbare NS-Verbrechen, für systematische Entmenschlichung und für großes Leid steht. Dieses Grauen lässt niemanden unberührt. Es erinnert uns daran, wohin Hass, Ausgrenzung und Menschenverachtung führen können, wenn ihnen nicht entschieden widersprochen wird. Deshalb ist Gedenken für mich mehr als ein Blick zurück. Es ist eine persönliche Verpflichtung, die Erinnerung wachzuhalten und daraus Haltung für die Gegenwart zu gewinnen. Gerade heute, wenn Stimmen wieder lauter werden, die nach rechts driften, die hetzen, relativieren oder die Grundlagen unserer offenen Gesellschaft infrage stellen, dürfen wir nicht schweigen. Wir müssen klar und sichtbar eintreten: für die Würde jedes Menschen, für Menschenrechte, für Meinungsfreiheit und für unsere Demokratie.“
Der Besuch in Riga bleibt auch für Pascal Straßer in Erinnerung: „1941 wurden 88 Menschen aus Lübeck nach Riga deportiert und fast alle von ihnen wurden ermordet. Ihre Lebensgeschichten verbinden unsere Stadt mit Riga bis heute. Am Ort der Verbrechen gewesen zu sein, bestärkt mich darin, ihre Geschichten in Lübeck noch sichtbarer zu machen und so Verantwortung und Haltung für unser Zusammenleben heute zu stärken.“
Der Wald von Bikernieki ist Schauplatz eines der dunkelsten Kapitel europäischer Geschichte. Hier ermordeten Mitglieder der Einsatzgruppe A, bestehend aus SS- und Polizeiverbänden sowie ihren lettischen Hilfstruppen, zwischen 1941 und 1944 mehr als 35.000 Juden, sowjetische Kriegsgefangene und Widerstandskämpfer, darunter der in Lübeck geborene Rabbiner, Naturwissenschaftler und Schriftsteller Joseph Carlebach. Noch heute zeugen Massengräber davon.
85 Jahre später stehen knapp 100 Menschen vor dem weißen Memorial, das an die Holocaust-Opfer erinnert. Darunter sind Angehörige von Nachfahren der ermordeten Juden, Vertreter von Politik, Zivilgesellschaft und Medien und Mitglieder des Riga-Komitees. Inzwischen sind fast 90 Städte und Kommunen aus dem deutschsprachigen Raum in diesem Netzwerk verbunden. Sie alle wollen an ihre jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger erinnern, die nach Riga deportiert und im Wald von Bikernieki ermordet wurden. Die Hansestadt Lübeck ist seit 2001 Mitglied des Riga-Komitees. Delegierte aus so unterschiedlichen Orten wie Bochum und Brno (Brünn), Düsseldorf und Dresden, Herten und Hannover, Kassel, Münster und Wien besuchten an zwei Tagen die Tatorte von einst, allen voran die Gedenkstätte Bikernieki, das frühere Konzentrationslager Jungfernhof und den Vernichtungsort Rumbula.
Auch in Lübeck wird an die 1941 nach Riga deportierten Jüdinnen und Juden gedacht. Die Ausstellung „Zachor – Erinnere Dich! Winter 1941 Lübeck – Endstation Riga“ in der Lübecker Marienkirche soll den 85 ermordeten Lübeckern ihre individuelle Präsenz und Würde wiedergeben. Das hebräische Wort „Zachor“ bedeutet „Erinnere Dich“ und verweist auf die Verantwortung der Gegenwart, das Gedenken lebendig zu halten.
Die Ausstellung wird am 2. August 2026 eröffnet und den gesamten August über gezeigt. Schirmherr der Ausstellung ist Bürgermeister Jan Lindenau. Die Ausstellung wurde von der Künstlerin Dagmar Calais und dem Kunsthistoriker Chris Steinbrecher konzipiert. Beide setzen sich seit vielen Jahren künstlerisch und wissenschaftlich mit deutscher Geschichte, Erinnerungskultur und den Folgen von Ausgrenzung und Gewalt auseinander. Ihre sogenannten „begehbaren Bilder“ verbinden Malerei, Objekte, historische Dokumente und Rauminstallationen zu eindringlichen Erfahrungsräumen. Für die Marienkirche ist eine eigens entwickelte Installation vorgesehen. Im Zentrum stehen 85 Stelen – jeweils eine für jede aus Lübeck deportierte und ermordete Person. Die Stelen tragen Namen und Alter der Opfer und fungieren als symbolische Grab- und Erinnerungszeichen für Menschen, denen häufig bis heute kein individueller Gedenkort gewidmet ist.

Pascal Straßer und Peter Petereit an der Gedenkstätte in Riga. Foto: HL
Text-Nummer: 180844 Autor: Presseamt vom 23.07.2026 um 17.01 Uhr
