Hochkarätige Bettelstudent-Premiere

Lübeck - Innenstadt: Am 23.07.26 feierte das Ensemble der Lübecker Sommeroperette vor ausverkauftem Haus mit einer vergnüglichen und kurzweiligen Operetten-Produktion des „Bettelstudenten“ einen großen Erfolg. Wenn ein darstellerisch-sängerisch so ungemein starkes Ensemble agiert, bedarf es keiner aufwendigen Bühnendekoration, es reichen ein paar historisierende Stühle und Tische. Das alte Krakau, der Ort der Handlung, wird mittels Projektionen inszeniert.

Der Intendant Michael P. Schulz hat Carl Millöckers Meisterwerk, die Operette „Der Bettelstudent“, für die Sommeroperette neu eingerichtet. Die Handlung erzählt er selbst, wobei er als Conférencier wirkt. Seine hinreißend formulierten Texte, bei denen die Komik nicht zu kurz kommt, aber auch der historische Hintergrund der Handlung werden auf unterhaltsame Weise beleuchtet.

Die Handlung ist im Jahr 1704 im von Sachsen besetzten Krakau angesiedelt. Zu dieser Zeit herrschte der sächsische Kurfürst August der Starke als polnischer König. Die Handlung gipfelt in der Operette fiktiv darin, dass polnische Aufständische die Sachsenherrschaft abschütteln und Stanislaus Leszczyński als neuen polnischen König ausrufen. Historisch gesehen fiel dies in die heiße Phase des Nordischen Krieges, in dem Schweden, Sachsen, Polen und Russland um die Vorherrschaft in Osteuropa kämpften.

Noch aber ist der fiktive sächsische Oberst Ollendorf als Gouverneur von Krakau der mächtigste Mann vor Ort! Er wird vom Bass-Buffo Michael König äußerst eindrucksvoll, mit einer ungeheuren Bühnenwirkung sowie dezent sächselnd dargestellt. Bestechend ist sein nuancenreiches und kraftvolles Timbre. Obgleich Bösewicht, verkörpert er in seiner karikierenden Selbstherrlichkeit keine bedrohliche Figur. Auch hiesige und zeitgenössische Bezüge wurden von Schulz – ganz im Sinne der Aufführungstradition – in seine Rolle eingebracht. Erwähnt sei nur ein Stichwort in Bezug auf hiesige Verkehrsverhältnisse: Brücken… Dafür gibt es natürlich einen Extra-Applaus für derartige gereimte Volten.

Wehe aber, wenn sich solch ein Alpha-Mann wie Ollendorf eine Abfuhr holt und sein Stolz verletzt wird! In der berühmten Auftrittsarie entlarvt er seine Eitelkeit, womit er zur Witzfigur gerät: „Ach, ich hab‘ sie ja nur auf die Schulter geküsst.“ Da die polnische Komtesse Laura diesen übergriffigen Annäherungsversuch mit einem Fächerschlag ins Gesicht abgewehrt hatte, sinnt er nun auf Rache. Seine Intrige – den armen Bettelstudenten Symon als reichen Fürsten auszugeben, um Laura und ihre Familie öffentlich zu demütigen – bildet das Handlungsgerüst der Operette. Dramaturgisch ist Ollendorf die treibende Kraft, die aber am Ende durch die eigenen Waffen geschlagen wird, denn er finanziert mit seinem Bestechungsgeld unwissentlich die polnische Revolution gegen die verhassten sächsischen Besatzungstruppen und führt die Liebespaare (Symon/Laura und Jan/Bronislawa) durch seine eingefädelte Schein-Hochzeit erst wirklich zusammen. Am Ende scheitert seine Intrige auf ganzer Linie: Die intendierte Demütigung Lauras löst sich auf, als Symon tatsächlich in den Adelsstand erhoben wird.

Symon, der Bettelstudent, der als falscher Fürst verkuppelt werden soll, wird spielfreudig und stimmlich glänzend disponiert von dem kurzfristig eingesprungenen lyrischen Tenor Rolando Guy dargestellt. Laura, seine Angebetete, ist dem Lübecker Publikum besetzungsmäßig bestens bekannt. Die Sopranistin Sonja Pitsker singt voller Brillanz mit Hingabe und sensationell reichem Mimik-Repertoire. Angelina Billington spielt ihre Schwester Bronislaw. Mit feiner Darstellungsgabe und mit farbenreichem Sopran verkörpert sie eindrucksvoll die Braut von Jan Janicki. Er ist der vermeintliche Sekretär des falschen Fürsten, tatsächlich jedoch ist er ein polnischer Adeliger. Juan Ramirez überzeugt in dieser Rolle darstellerisch und mit seiner elegant-noblen Tenorstimme vollkommen. Herrlich in ihrer unnachahmlichen Komik und leichten „Überdrehtheit“ agiert Mona Hermes, sie ist der Lübecker Sommeroperette seit einem Vierteljahrhundert verbunden. Die Rolle der verarmten Gräfin Palmatica und Mutter von Laura sowie Bronislawa ist mit ihr unübertrefflich besetzt.

In ein bezauberndes tanzästhetisches Kaleidoskop verwandelt zwischendurch das Hansa-Ballett die Bühne. Zusammen mit Anna Wrobel, ihrer fantasievollen Choreografin, illustriert das zehnköpfige Damen-Ensemble mit Mazurkas, Krakowiaks und Polonaisen eindrucksvoll das polnische Lokalkolorit. Die zuverlässige musikalische Leitung am Klavier liegt bei Markus Bruker in den besten Händen.

Begeisterter Applaus und Bravorufe für eine hochkarätige Premiere
Unterstützt wird die Lübecker Sommeroperette dankenswerterweise durch Stiftungen und sonstige Förderungen. Ermöglicht wird sie jedoch durch die ehrenamtliche Arbeit vieler kulturbegeisterter Menschen, namentlich genannt seien außer dem Intendanten der Lübecker Sommeroperette, Michael P. Schulz, u.a. Hiltrud Schulz (Produktionsassistenz), Renate Sieber (Inspizienz), Rainer Liedtke und Manfred Schulz (Bühnenfundus).

Hervorzuheben ist auch das lesenswerte Programmheft. Erneut bietet es bereichernde Informationen rund um die Produktionen der Sommeroperette sowie biografische Details der Mitwirkenden.

„Der Bettelstudent“ wird noch dreimal im Schuppen 6 gespielt: Donnerstag, 24.07.2026, um 19:00 Uhr sowie Samstag, 25.07.2026, und Sonntag, 26.07.2026, jeweils um 14:30 Uhr.

Ollendorf fädelt seine Intrige ein (Angelina Billington, Mona Hermes, Sonja Pitsker, Michael König). Foto: Uwe Bremse/Sommeroperette Lübeck

Ollendorf fädelt seine Intrige ein (Angelina Billington, Mona Hermes, Sonja Pitsker, Michael König). Foto: Uwe Bremse/Sommeroperette Lübeck


Text-Nummer: 180848   Autor: Michael Töpel   vom 24.07.2026 um 09.36 Uhr

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