TH Lübeck: Vierte Reinigungsstufe für Abwasser im Praxistest
Lübeck: Normale Kläranlagen stoßen bei Rückständen von Schmerzmitteln, Kosmetika oder Waschmitteln oft an ihre Grenzen. Um unsere Gewässer besser vor diesen unsichtbaren Schadstoffen zu schützen, testet die Technische Hochschule (TH) Lübeck nun eine mobile Pilotanlage auf dem Gelände der Kläranlage in Ahrensburg. Mit einer sogenannten „vierten Reinigungsstufe“ möchten die Forscher in den kommenden Monaten herausfinden, mit welchem Verfahren sich das Wasser in Zukunft am effektivsten reinigen lässt.Spurenstoffe aus Waschmitteln, Schmerzmitteln und anderen Alltagsprodukten gelangen tagtäglich in unser Abwasser und können von herkömmlichen Kläranlagen nur bedingt zurückgehalten werden. Die Pilotanlage zur vierten Reinigungsstufe der TH Lübeck ist nun erstmals ausgerückt. Ihr neuer Standort auf Zeit: Ahrensburg. Zusammen mit den Mitarbeitenden vor Ort soll in den kommenden Monaten getestet werden, welches Verfahren funktionieren könnte. Eine Symbiose aus Forschung, Lehre und praktischer Anwendung.
Auf dem Gelände der Kläranlage in Reinfeld befindet sich ebenfalls die Versuchs- und Ausbildungskläranlage der Technischen Hochschule Lübeck. Direkt vor der Halle, in der Forschung und Lehre täglich Hand in Hand gehen, stehen seit einigen Monaten rote und blaue Container. Vier von ihnen werden jetzt mithilfe eines Krans, zweier Lastwagen und eines Anhängers umziehen.
Zusammen mit dem Land Schleswig-Holstein hat die TH Lübeck ein dreijähriges Forschungs- und Entwicklungsprojekt zum Aufbau und Betrieb eines landeseigenen Spurenstoffzentrums gestartet. In den Containern befinden sich Pilotanlagen mit unterschiedlichen Verfahren der sogenannten vierten Reinigungsstufe.
Spurenstoffe stellen Kläranlagen vor viele Herausforderungen
Spurenstoffe stellen kommunale Kläranlagen zunehmend vor große Herausforderungen. Aufgrund der Novellierung der Kommunalabwasserrichtlinie (KARL) werden bestimmte Kläranlagen dazu verpflichtet, eine zusätzliche Reinigungsstufe einzubauen. Darunter fallen beispielsweise Kläranlagen ab 150.000 Einwohnerwerten sowie Anlagen ab 10.000 Einwohnerwerten in sensiblen Gebieten.
Der zweite Punkt ist der Grund, warum die Pilotanlagen jetzt nach Ahrensburg transportiert wurden. Die Aue, in die das gereinigte Abwasser der Kläranlage eingespeist wird, weist eine hohe Konzentration von Spurenstoffen auf. Eine Begründung liege darin, dass vor Ort ein hoher Abwasseranteil bestehe und daher nur wenig Verdünnung mit vorhandenem Flusswasser stattfinde, erklärt Sabrina Schwarze vom Landesamt für Umwelt des Landes Schleswig-Holstein (LfU).
TH Lübeck: Einsatz von Pilotanlagen zur vierten Reinigungsstufe
Der Einsatz der Pilotanlagen könnte Aufschluss darüber geben, ob und welches Verfahren sich in Ahrensburg lohnen würde, um die Werte der Aue zu verbessern. Die mobile Forschungseinrichtung schaut sich auch Schleswig-Holsteins Umweltminister Tobias Goldschmidt am Montag, dem 10. August 2026, genauer an, denn: „Sauberes Wasser ist die wichtigste Lebensgrundlage für Menschen, Tiere und Pflanzen.“
Er ergänzt: „Die Verbesserung der größeren Klärwerke durch eine vierte Reinigungsstufe ist wichtig und dringlich, aber auch herausfordernd in der Umsetzung. Deshalb bauen wir seit diesem Jahr ein landeseigenes Spurenstoffzentrum auf. Mit dem Einsatz von Pilotanlagen sollen Verfahren wissenschaftlich begleitet getestet werden. Hier, an der Kläranlage Ahrensburg, kommen diese nun das erste Mal unter Praxisbedingungen zum Einsatz.“
TH Lübeck Pilotanlage geht von Reinfeld nach Ahrensburg
Vor Ort stehen jetzt drei Container und ein Turm. Der kleinste Blaue ist der Analysecontainer. Hier befindet sich die Mess- und Regeltechnik für die Anlagen. „Wir richten hier quasi ein kleines Labor ein“, sagt Jascha Hödl, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Projektes an der TH Lübeck.
Vierte Reinigung durch Ozonung
In dem kleineren roten Container befindet sich die sogenannte Ozonungsanlage. Ozon ist ein starkes Oxidationsmittel und wird in der Abwasserwirtschaft zur Elimination von Mikroschadstoffen, wie Arzneimittelrückständen, Hormonen oder Pestiziden, eingesetzt. Ozon bricht die molekularen Strukturen organischer Stoffe auf und macht sie so unschädlich oder biologisch abbaubar.
Vierte Reinigung durch granulierte Aktivkohle
In dem grauen Turm befindet sich eine Filtrationsanlage mit granulierter Aktivkohle. Anders als bei der Ozonung werden die Spurenstoffe hier absorbiert. Aufgrund der extrem großen spezifischen Oberfläche der Kohle können sich die Spurenstoffe an deren Struktur ablagern. Im größten Container befindet sich quasi das Verteilerzentrum. Durch ein Netz aus Pumpen wird das gereinigte Abwasser der Kläranlage in die beiden Pilotanlagen geleitet, um eine tatsächliche vierte Reinigungsstufe aufzubauen. Da es sich aktuell aber noch um die Testphase handelt, wird das Abwasser nach der erneuten Reinigung nicht in die Aue geleitet, sondern zurück in den Kreislauf des Klärwerkes. Im Fokus stehen die Testwerte.
TH Lübeck: Forschung, Lehre und praktische Anwendung in einem
„Wir haben vorab bereits Untersuchungen durchgeführt“, erklärt Hödl. „Wir haben den Zu- und Ablauf beprobt und geschaut, was die Anlage bereits herausfiltert“, sagt er. Auf dieser Grundlage wurde dann entschieden, mit welchen Methoden vor Ort weitere Untersuchungen stattfinden sollen. Beide Verfahren können für sich, aber auch in einer Reihenschaltung eingesetzt werden. Welche Empfehlungen die Forschenden am Ende geben können, wird sich voraussichtlich im Frühjahr 2027 zeigen, denn so lange sollen die Container in Ahrensburg stehen.

Schweres Gerät für sauberes Wasser: Ein Modul der neuen Pilotanlage schwebt am Haken eines Krans. Mit der mobilen Technik testet die TH Lübeck in Ahrensburg neue Verfahren zur Wasseraufbereitung. Foto: TH Lübeck/Sina Lea Riebe
Text-Nummer: 181157 Autor: TH Lübeck/red. vom 15.08.2026 um 16.43 Uhr
