Eltern-Verein: Nicht an der Ganztagsqualität sparen
Lübeck: Der Verein „Eltern Stimme“ kritisiert den Vorschlag, die Lübecker Standards für den Ganztag an Schulen auf das durchschnittliche Niveau Schleswig-Holsteins abzusenken, um den städtischen Haushalt zu konsolidieren. „Nach dem Bericht von HL-live sollen dadurch Einsparungen in Millionenhöhe erzielt werden“, so der Verein. Und fragt: „Was genau gekürzt werden soll und welche tatsächlichen Einsparungen damit verbunden wären, ist bislang jedoch nicht öffentlich dargelegt“.
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Was würde eine Absenkung konkret bedeuten?
Eine Anpassung an Landesstandards wäre keine bloße Verwaltungsmaßnahme. Sie könnte bedeuten, dass Lübeck auf Qualitätsmerkmale verzichtet, die über Jahre aufgebaut und kommunal beschlossen wurden.
Aktuell werden nach Kenntnis von ElternSTIMME bereits nur etwa 50 Prozent der im Ganztag eingesetzten Kräfte durch pädagogische Fachkräfte gestellt. Eine weitere Absenkung würde die pädagogische Qualität des Angebots zusätzlich gefährden.
Ungleichbehandlung von Hort- und Ganztagskindern
Eine weitere Absenkung der Standards würde aus Sicht von ElternSTIMME auch die Ungleichbehandlung von Kindern in Hort- und Ganztagsbetreuung verschärfen. Kinder, die im Hort betreut werden, genießen bereits jetzt längere Betreuungszeiten und eine höhere personelle Qualifikation.
Wenn die Standards im Ganztag an Schule weiter abgesenkt werden, würden Kinder je nach Betreuungsform unterschiedliche Bildungs- und Betreuungsbedingungen vorfinden. Das ist aus Sicht von ElternSTIMME besonders problematisch, weil beide Betreuungsformen den Anspruch haben, Kindern verlässliche und qualitativ gute Betreuung zu bieten.
Vereinbarkeit von Familie und Beruf darf nicht verschlechtert werden
Die Frühbetreuung ist für viele Familien ein wesentlicher Bestandteil der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Eltern mit frühen Arbeitszeiten, Alleinerziehende und Familien ohne flexible Arbeitsmöglichkeiten sind darauf angewiesen, dass ihre Kinder bereits vor dem Unterricht verlässlich betreut werden.
Fällt die Frühbetreuung weg, müssen Eltern ihre Arbeitszeiten anpassen, Arbeitsstunden reduzieren oder zusätzliche private Betreuung organisieren. Das kann Erwerbsmöglichkeiten einschränken und führt zu einer ungleichen Belastung von Familien.
Auch höhere Elternbeiträge widersprechen diesem Ziel. Wenn Betreuung teurer wird, kann das dazu führen, dass Eltern ihre Arbeitszeit reduzieren oder auf Erwerbstätigkeit verzichten, weil sich die Betreuung wirtschaftlich nicht mehr lohnt. Gerade Familien mit geringem Einkommen wären davon besonders betroffen.
Pädagogische Qualität ist keine freiwillige Zusatzleistung
Ganztag an Schule ist mehr als die Aufsicht über Kinder. Pädagogische Fachkräfte begleiten Kinder bei Konflikten, unterstützen sie beim Lernen, fördern ihre Selbstständigkeit und schaffen Möglichkeiten für soziale Erfahrungen.
Wer pädagogische Fachkräfte durch weniger qualifiziertes Personal ersetzt oder ihre Zahl weiter reduziert, spart nicht nur an Betreuung, sondern an Bildung und Chancengerechtigkeit.
ElternSTIMME erinnert daran, dass die Lübecker Standards Ergebnis jahrelanger Entwicklungsarbeit und kommunaler Beschlüsse sind. Dazu erklärt ein Mitglied von ElternSTIMME:
„Fällt den Herren der CDU nichts weniger Schädliches ein, als den Lübecker Eltern die Frühbetreuung der Grundschulkinder zu streichen und den Kindern die pädagogischen Fachkräfte zu verwehren, die sie zumindest noch im Ganztag an Schule begleiten können? Sind denn alle Lübecker Beschlüsse (vgl. Hortstandards) und die jahrelang aufgebauten Qualitäten im Lübecker Ganztag ohne die CDU gemacht worden?“
Bildung darf kein Sparposten sein
Elisabeth Plesmann, Co-Vorsitzende von ElternSTIMME, erklärt: „Wir spüren die Auswirkungen verfehlter Sparversuche an der Bildung und Familienpolitik in Deutschland seit Jahren. Hierzu zählen Coronafolgen, Fachkräftemangel und der Wahlausgang in Sachsen-Anhalt. Es ist allgemein bekannter wissenschaftlicher Standard, dass Kürzungen im Bildungsbereich, insbesondere im Bereich frühkindlicher Bildung, massive Folgekosten nach sich ziehen. Sie führen zu schlechterer Qualifizierung, zu verschärften sozialen Problemen, verschieben und vergrößern Probleme nur auf die Zukunft.“
ElternSTIMME erkennt an, dass die Stadt Lübeck vor erheblichen finanziellen Herausforderungen steht. Haushaltskonsolidierung darf jedoch nicht dazu führen, dass gerade bei Bildung und Betreuung gekürzt wird.
Der Verein kann sich vorstellen, zusätzliche Einnahmen beispielsweise durch eine Grundsteuer C oder durch konsequente Strafen für Hundekot und Zigaretten auf den Straßen zu erzielen, statt die Qualität des Ganztags zu reduzieren.
ElternSTIMME fordert Transparenz
Vor einer Entscheidung über die Ganztagsstandards fordert ElternSTIMME eine öffentliche Darstellung:
– Welche konkreten Standards sollen verändert werden?
– Wie viele Fachkräfte und Betreuungsstunden wären betroffen?
– Welche tatsächlichen Einsparungen würden erzielt?
– Welche Auswirkungen hätte dies auf Frühbetreuung, Betreuungszeiten und Elternbeiträge?
– Wie werden Eltern, Kinder, Schulen und Träger beteiligt?
ElternSTIMME fordert die Lübecker Politik auf, die Qualität des Ganztags nicht zum Gegenstand pauschaler Kürzungen zu machen. Bildung muss Priorität behalten.
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