Praxisklinik: Entscheidung im Dezember
Lübeck - Travemünde: Am frühen Dienstagabend (08.09.2026) begrüßte der Travemünder Ortsratsvorsitzende Carsten Hübner vor rund 50 Gästen Vertreter der Sana Kliniken Lübeck. Es ging um die Zukunft der Station in der Praxisklinik in Travemünde. Durch neue gesetzliche Vorgaben könnte der Klinikbetrieb infrage gestellt werden (wir berichteten), was für Unruhe im Seebad sorgt. Im Publikum waren auch im Gebäude ansässige Ärzte, die sich zu Wort meldeten.
Ortsrat hat viele Fragen
Klaudia Kohlfaerber (SPD) merkte an, man sei sich darüber im Klaren, dass es sich um kein vollwertiges Krankenhaus in Travemünde handle. Das Haus verfügt über siebenundzwanzig Klinikbetten, acht davon für die Schmerzklinik. In Lübeck, so Kohlfaerber, würden sich die Kliniken im Süden konzentrieren und Travemünde sei im Norden weit weg. Sie verwies weiter darauf, dass die Praxisklinik am Dreilingsberg auch als Ersatz für das ehemalige Priwallkrankenhaus entstanden sei und dort auch Notfälle behandelt worden seien.
Dr. Gunnar Pietzner sprach von 200 Notfällen im ganzen Jahr, 50 davon seien mit dem Rettungsdienst eingeliefert worden. Die akute Notfallversorgung finde in Lübeck statt. Was in Travemünde versorgt würde, seien die planbaren ambulanten Versorgungen. Notfälle seien dort eher nicht existent.
Jochen Mauritz (CDU) verwies darauf, dass Travemünde noch wachse. Mauritz wollte auch wissen, wie Sana zu der Klinik steht. Dr. Pietzner sprach von planerischen Vorgaben, an die man sich halten müsse. Bei weiteren Fragen aus dem Ortsrat ging es um Endoprothetik. Auch hier kam wieder der Verweis auf den gesetzlichen Rahmen. Aus dem Ortsrat wurde auf Großhansdorf verwiesen, wo es eine Sonderregelung gäbe.
Welche Leistungsgruppen für den Standort beantragt seien, wollte Klaudia Kohlfaerber wissen. Ambulante Ärzte hätten angeregt, man könne die Bettenzahl noch ausweiten, vielleicht das Gebäude aufstocken. Christian Wölbeling fragte, ob das auch eine Profitabilitätsfrage sei. Also die Schließung Sana vielleicht in die Hand spiele. "Es ist knapp kostendeckend", kam zur Antwort. Es wurde wieder auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen verwiesen. Dr. Pietzner erklärte, wenn sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht ändern würden, würden wir die Klinik so weiterbetreiben, wie sie ist. Er sieht aber wenig politischen Spielraum. Die Kliniken seien am Ende die Akteure, die versuchen müssen, profitabel zu arbeiten und sich den Rahmenbedingungen anzupassen.
Günther Frings wollte wissen, was am Ende bleibe. Mit den Betroffenen werde zuerst intern gesprochen, hieß es dazu.
Es geht um die Klinik, nicht um die Praxen
Dr. med. Laif Casper von der chirurgisch-orthopädischen Gemeinschaftspraxis erinnerte daran, dass es nur um die Klinik gehe, die selbstständigen Praxen betreffe es nicht. In seinen 17 Jahren dort habe man nicht einmal ein Intensivbett gebraucht. Die Gesetzgebung verlange aber Intensivstationen. Man müsse nun eine Nische finden, wo man weiterarbeiten könne. Dr. Casper erklärte, die Klinik schreibe schwarze Zahlen und Sana werde bei einer Schließung Betten und damit Einnahmemöglichkeiten verlieren.
Dr. med. Andreas Mohr von der internistischen Gemeinschaftspraxis berichtete ebenfalls, dass es so gut wie nie Intensivpatienten gegeben habe. Zur Praxisklinik erklärte er, vor 20 Jahren sei das ein innovatives Konzept gewesen und es sei extrem schade, wenn sie geschlossen würde. Er sprach sich für einen Erhalt der Station aus. Er habe aber das Gefühl, dass das Engagement für den Erhalt der Station von Seiten von Sana noch etwas fehle.
Wenige Fragen aus dem Publikum
Aus dem Publikum kamen wenige Fragen und Anregungen. Eine Besucherin meinte, man könne über eine Stiftung zur Finanzierung nachdenken. Das bringe allerdings nur etwas für die Finanzierung und ändere nichts am gesetzlichen Rahmen, hieß es dazu. Eine andere Anregung war, sich nochmal um ein Modell zu bemühen. Doch die Förderperioden seien ausgelaufen, wurde dazu angemerkt.
Kommentare zu diesem Text (6):
Octopus🚑🩺
schrieb am 9.9.2026 20.14 Uhr:
Richtig ist, dass die Praxiskilinik für die Versorgung akut lebensbedrohliche Notfälle mangels intensivmedizinischer Ausstattung und „know hows“ nicht vom Rettungsdienst angefahren wird. Außerdem ist sie auch für leichte Not- und Unfälle nachts und 24/7 nicht geöffnet. Die dort ausgeführten planmäßigen Operationen könnten auch im UKSH, in der Lübecker SANA-Klinik oder Neustadt und Bad Segeberg stattfinden.
Für die sog. Regelversorgung der Travemünder sollen die internistische und unfallchirurgische/orthopädische Praxis erhalten bleiben - einschließlich D-Arzt. Das hätte den Vorteil, dass -bezüglich der Unfallchirurgie - alle Ärzte nur noch in der Praxis arbeiten würden.
Damit würden sich die Wartezeiten für die Patienten verkürzen.
Unverzichtbar ist aber die hervorragende Schmerzklinik!
STARLIGHT
schrieb am 9.9.2026 22.28 Uhr:
@Oktopus: Ihr Beitrag zeigt interne Fachkenntnis. Notfallmedizinisch ist die unfallchirurgische Praxisklinik nur in sofern relevant, als dort „Bagatellunfälle“ versorgt werden können. Alle schwereren -auch internistischen- Notfälle,die dort zufällig eingeliefert werden, werden mit rettungsdienstlichen Sekundärtransporten - z.T. mit Notarzt/NEF- nach Lübeck verlegt. Das kostet Zeit und Geld für rettungsdienstliche Ressourcen!
Es ist also die demonstrative „Abspeckung“ des ärztlichen Leistungsangebotes unstrittig geboten! Nur die Tatsache, dass Travemünder sich ihre Hüften und Knie etc. in etwa 30km entfernten Kliniken operieren lassen müssen, ist kein Grund die stationäre, chirurgische OP- und Betteneinheit in der Praxisklinik zu erhalten!
medicus hospitalis
schrieb am 9.9.2026 23.36 Uhr:
Der Hinweis, dass die niedergelassenen Ärzte niemals für ihre Patientenbehandlung ein Intensivbett benötigt hätten, zeigt nur die
„cherry picker“-Problematik der Verzahnung der ambulanten mit der stationären ärztlichen Behandlung -insbesondere in der operativen Medizin- auf! Die wegen Polymorbidität und anderer Probleme schwierigen Patienten werden den Schwerpunktkliniken überlassen, die sich dann mit deren teuren, komplexen Problemen beschäftigen müssen.Und wenn es zu einer Komplikation in einer Praxisklinik kommt, wird der Patient in eine kompetentere Klinik -hoffentlich noch rechtzeitig- mit dem Rettungsdienst verlegt. Facit: die Abschaffung der operativen Station in der Praxisklinik wird für die Patienten kein qualitativer Verlust sein!
Carl
schrieb am 10.9.2026 5.19 Uhr:
Die vorgetragenen Argumente wirken auf den ersten Blick schlüssig, setzen jedoch mehrere Annahmen voraus, die keineswegs selbstverständlich sind.
Erstens wird unterstellt, dass die Bedeutung einer wohnortnahen Klinik ausschließlich an ihrer Fähigkeit zur Versorgung schwerster Notfälle zu messen sei. Das greift zu kurz. Die gesundheitliche Versorgung einer alternden Bevölkerung besteht nicht nur aus Reanimationen, Polytraumen und Intensivmedizin, sondern auch aus der zeitnahen Behandlung akuter Erkrankungen, der Schmerztherapie, der Nachsorge, der Geriatrie und der Vermeidung unnötiger Krankenhausaufenthalte.
Zweitens wird argumentiert, planbare Operationen könnten ebenso gut in Lübeck, Neustadt oder Bad Segeberg stattfinden. Diese Betrachtung berücksichtigt jedoch ausschließlich die medizinische Leistungserbringung selbst, nicht aber die Belastungen für Patienten und Angehörige. Erreichbarkeit, Besuchsmöglichkeiten, soziale Einbindung und die Versorgung weniger mobiler Menschen sind ebenfalls Bestandteile einer funktionierenden Gesundheitsinfrastruktur.
Drittens bleibt unbelegt, dass eine Zentralisierung tatsächlich zu einer Verbesserung der Gesamteffizienz führt. Zusätzliche Transportwege, höhere Auslastungen an den Zielstandorten, längere Anfahrtszeiten für Patienten und eine stärkere Abhängigkeit von bereits belasteten Rettungsdienststrukturen können bestehende Probleme auch verlagern statt lösen.
Viertens wird die Diskussion nahezu ausschließlich aus Sicht der Versorgungsökonomie geführt. Die Frage, welche gesundheitliche Infrastruktur eine Stadt mit über 13.000 Einwohnern und einem erheblichen Anteil älterer Menschen langfristig benötigt, ist jedoch auch eine Frage der Daseinsvorsorge und regionalen Resilienz.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob eine kleine Klinik ein Universitätsklinikum ersetzen kann – das behauptet niemand. Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob die ersatzlose Aufgabe stationärer Strukturen in Travemünde die Versorgung der Bevölkerung insgesamt verbessert oder lediglich Leistungen an andere Standorte verlagert. Dafür wären belastbare Daten erforderlich, nicht nur die Feststellung, dass Schwerstverletzte ohnehin nach Lübeck gebracht werden.
Es wird kein Problem gelöst, wenn funktionierende, nicht akut von Personalmangel, wirtschaftliche Standorte ohne Not aufgegeben werden.
Ich frage mich sogar, ob die Befürworter der Schließung dieselbe Argumentation vertreten würden, wenn die nächstgelegene Klinik nicht in Travemünde, sondern in ihrem eigenen Wohnort zur Disposition stünde.
Michaela
schrieb am 10.9.2026 5.32 Uhr:
Pkt muss bleiben.
Die Argumentation überzeugt mich nur teilweise. Dass bestimmte Behandlungen in Lübeck besser aufgehoben sind, bedeutet nicht automatisch, dass Travemünde gar keine stationäre Versorgung mehr braucht.
Bei solchen Entscheidungen sollte man nicht nur auf medizinische Spezialisierung schauen, sondern auch auf Erreichbarkeit, Versorgungssicherheit und die Bedürfnisse einer älter werdenden Bevölkerung.
Was einmal geschlossen ist, kommt in der Regel nicht zurück. Deshalb sollte die Frage sorgfältiger diskutiert werden als mit dem Hinweis, dass man auch woanders behandelt werden kann.
Die Frage ist nicht, ob man auch anderswo behandelt werden kann. Die Frage ist, ob eine Stadt erst merkt, was sie verloren hat, wenn es zu spät ist.
Hans Hansen
schrieb am 10.9.2026 11.15 Uhr:
Dass die Leute diesen ganzen ideologischen Unsinn, dass wir an der Gesundheitsversorgung sparen müssten, wirklich glauben... es ist einfach nur erschütternd.
MILLIARDEN Steuergeschenke für Merz' Freunde wurden in dieser Legislatur beschlossen. MILLIARDEN.
Wir müssten nirgendwo sparen, wenn wir einfach nur die unermesslichen Steuergeschenke der letzten Jahre rückgängig machen würden. Während wir nämlich krank zur Arbeit sollen, auf 60h Woche, leidet die Wirtschaft unter einer Gewinninflation, weil die Steuern für Konzerne und Reiche zu niedrig und die Preiskontrolle nicht existent sind.
Haushaltsloch.de ... da kann jeder mal einen Bundeshaushalt zusammenstellen. Viel Spaß dabei! Besser als jeder Wahl-o-mat.