Warntag im Klassenraum

Lübeck - St. Lorenz Nord: Bei einem Aktionstag zum Warntag arbeiteten das Carl-Jacob-Burckhardt-Gymnasium, die Universität zu Lübeck mit dem Projekt „Schule*Hilfe*Medien“ und der Malteser Hilfsdienst e.V. zusammen. Rund 117 Schüler der Einführungsphase übten Wiederbelebung, packten eine Notfallkiste und erlebten Katastrophenschutz zum Anfassen.


An Übungspuppen trainieren die Schülerinnen und Schüler den richtigen Handgriff zur Reanimation.

An Übungspuppen trainieren die Schülerinnen und Schüler den richtigen Handgriff zur Reanimation.



Um 11 Uhr hat es an diesem Donnerstag, 10.9.2026, bundesweit geklingelt, geschrillt und vibriert. Zum Warntag löste das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe eine Probewarnung aus. Am Carl-Jacob-Burckhardt-Gymnasium Lübeck endete der Warntag damit nicht: Von 12:35 bis 15:15 Uhr wurde die Probewarnung zum Ausgangspunkt eines Aktionstags Bevölkerungsschutz für den gesamten Jahrgang der Einführungsphase. Ausgerichtet wurde er von der Schulsanitäts-AG und dem Bildungsprojekt „Schule*Hilfe*Medien“ mit Unterstützung des Malteser Hilfsdienstes.

„Schule*Hilfe*Medien“ stärkt die Erste-Hilfe-, Notruf-, Bevölkerungsschutz- und Medienkompetenz von Jugendlichen. Im Peer-to-Peer-Ansatz entwickeln Jugendliche unter wissenschaftlicher Begleitung innovative Lernformate und vermitteln ihr Wissen an Gleichaltrige. Das Kooperationsprojekt des Carl-Jacob-Burckhardt-Gymnasiums Lübeck und der Medizinischen Klinik III der Universität zu Lübeck wurde im April 2026 mit dem 3. Preis des Medienkompetenzpreises Schleswig-Holstein ausgezeichnet. Beim Aktionstag durchliefen die Schülerinnen und Schüler in Gruppen vier praktische Werkstätten, zwei davon gestaltet vom Malteser Hilfsdienst e.V.

Notfallkiste, Wiederbelebungstraining, Katastrophenschutz zum Anfassen
Was brauche ich eigentlich, um vorbereitet zu sein? Mit dieser Frage begann die Werkstatt der Universität zu Lübeck. Statt einer Materialliste an der Wand stand eine leere Kiste auf dem Tisch, die die Jugendlichen selbst bestückten. Wasser, Konserven, Medikamente, netzunabhängiges Radio, Taschenlampe, Powerbank oder Dokumente: Anschließend mussten sie ihre Auswahl vor den anderen begründen. Die Diskussionen drehten sich rasch weniger um einzelne Gegenstände als um die Frage, wie lange man sich im eigenen Haushalt selbst versorgen könnte und wer im Ernstfall auf wen angewiesen wäre.

Prüfen, rufen, drücken. An der Station der Schulsanitäts-AG ging es mit Unterstützung der Universität zu Lübeck an die Übungspuppen. Im Mittel benötigt der Rettungsdienst acht bis zehn Minuten bis zum Eintreffen. Diese Lücke kann nur füllen, wer bereits vor Ort ist. Nach Angaben des Deutschen Reanimationsregisters begannen 2025 in Deutschland in 53,5 Prozent der Fälle Anwesende mit einer Wiederbelebung. Geübt wurde deshalb der Handgriff, nicht die Theorie, angeleitet von Schülerinnen und Schülern der eigenen Schule sowie Angehörigen der Universität zu Lübeck.

Katastrophenschutz zum Anfassen und Mitmachen boten die beiden Werkstätten der Malteser. Sie brachten mit, was sich im Klassenraum sonst nicht zeigen lässt: Einsatzmaterial, Gerät und die Erfahrung von Menschen, die im Ehrenamt ausrücken. Hier wurde nicht nur über Bevölkerungsschutz gesprochen, sondern es wurde angepackt, getragen und ausprobiert. Melanie Eichhorn, stellvertretende Stadtbeauftragte und Zugführerin des Malteser Hilfsdienst e. V., resümierte: „Für uns ist dieser Aktionstag eine gute Möglichkeit, zu zeigen, was Hilfsorganisationen an Material haben und wie dieses im Ernstfall eingesetzt wird. Wir möchten darauf aufmerksam machen, dass jeder sich ehrenamtlich in einer Hilfsorganisation einsetzen kann. Wer gut ausgebildet ist, und helfen kann, wird selbstbewusster in seinem eigenen Handeln, auch im Alltag.“


Im Rahmen des Projekts „Schule*Hilfe*Medien“ erstellen die Jugendliche Inhalte für einen Instagram-Kanal, um ihr gelerntes Wissen an Gleichaltrige weiterzugeben.

Im Rahmen des Projekts „Schule*Hilfe*Medien“ erstellen die Jugendliche Inhalte für einen Instagram-Kanal, um ihr gelerntes Wissen an Gleichaltrige weiterzugeben.



Resilienz als Fähigkeit, die geübt wird
Den Auftakt im Musiksaal gestaltete die Universität zu Lübeck mit einem wissenschaftlichen Impuls. Nur 28 Prozent der Bevölkerung in Deutschland trauen sich zu, Erste-Hilfe-Maßnahmen korrekt anzuwenden, 62 Prozent äußern erhebliche Zweifel. Nicht mangelnde Hilfsbereitschaft hält Menschen also zurück, sondern die Sorge, etwas falsch zu machen. „Resilienz ist keine Eigenschaft, die eine Gesellschaft hat. Sie ist eine Fähigkeit, die sie übt. Und geübt wird sie nicht in der Katastrophe. Dafür ist es dann zu spät, sondern an ganz normalen Donnerstagnachmittagen, wie diesem“, sagte PD Dr. med. Klaas F. Franzen, Projektleiter an der Universität zu Lübeck. „Was jungen Menschen fehlt, ist nicht der Wille zu helfen, sondern die Sicherheit, zu wissen, was sie tun. Das ist ein Ausbildungsproblem und Ausbildungsprobleme sind lösbar. Der einzige Fehler, den Sie machen können, ist, nichts zu tun.“

Dr. Laura Over-Müller, Universität zu Lübeck, Medizinische Klinik III, begleitete die Werkstatt zur Katastrophenvorsorge: „Eine Notfallkiste, die man selbst packt und vor anderen begründen muss, bleibt anders im Gedächtnis als eine Empfehlungsliste. Genau diesen Schritt vom Wissen zum Handeln untersuchen wir im Projekt und bereiten ihn didaktisch auf.“

Lernen und Verantwortung auf Augenhöhe
Auf schulischer Seite lag die Verantwortung bei Dr. Anna-Christina Sondersorg, Projektverantwortliche für „Schule*Hilfe*Medien“, gemeinsam mit Dr. Alexandra von Thuemmler, Verantwortliche der Schulsanitäts-AG. Die Projekt-AG „Schule*Hilfe*Medien“, die Schulsanitäts-AG und die Technik-AG gestalteten den Aktionstag mit. Die Schulsanitäts-AG leitete die Reanimationsstationen an, die Technik-AG dokumentierte den Nachmittag filmisch.

„Ein Aktionstag weckt ganz anderes Interesse als eine normale Stunde, und er schafft Erinnerungen, die bleiben. Vor allem, weil Menschen von außen dabei sind, die Geschichten erzählen und die Jugendlichen damit emotional packen. Das finde ich gerade heute wichtig. Es wird viel Angst vor Katastrophen geschürt. Wer selbst handeln kann, muss dieser Angst nicht ausgeliefert sein“, sagte Dr. Anna-Christina Sondersorg.

Dr. Alexandra von Thuemmler ergänzte: „Unsere Schulsanitäterinnen und Schulsanitäter übernehmen heute eine besondere Rolle, indem sie ihren Mitschülerinnen und Mitschülern nicht nur zeigen, wie Wiederbelebung funktioniert, sondern ihnen auch vermitteln: Das könnt ihr genauso. Durch gemeinsames Lernen und Üben auf Augenhöhe entstehen Handlungssicherheit und das Vertrauen, selbst etwas bewirken zu können. Genau damit stärkt der heutige Projekttag eine Schulgemeinschaft, in der Helfen und Verantwortung selbstverständlich werden.“

Justus Brockmann, als Schüler des Carl-Jacob-Burckhardt-Gymnasiums, schilderte seine persönlichen Eindrücke vom Warntag, wie folgt: „Für mich zeigt der Warntag, wie wichtig es ist, auf Notfälle vorbereitet zu sein. Ich finde es gut, dass wir dabei nicht nur theoretisch über Katastrophenschutz sprechen, sondern auch selbst ausprobieren können, was im Ernstfall zählt.“

Der Aktionstag schloss mit einer anonymen Evaluation, deren Ergebnisse in die weitere didaktische Entwicklung einfließen. „Schule*Hilfe*Medien“ befindet sich in seiner zweiten Phase. Dabei werden unter anderem 360°-Videos zu zentralen Notfallszenarien, Mikro-Trainingsmodule und mobile Anwendungen schulintern erprobt und weiterentwickelt. Mittelfristig ist die Übertragung auf weitere Schulen in Lübeck und Schleswig-Holstein vorgesehen.

Das Projekt wird durch die Michael-Haukohl-Stiftung, die Wessel-Stiftungen und die Friedrich Bluhme-und-Else-Jebsen-Stiftung sowie den Förderverein der Schule ermöglicht.

Hintergrund – Projekt Schule*Hilfe*Medien
Ziel von „Schule*Hilfe*Medien“ ist die nachhaltige Stärkung von Erste-Hilfe-Kompetenz, Notrufkompetenz, Bevölkerungsschutzwissen und Medienkompetenz. Das Projekt verfolgt einen partizipativen Peer-to-Peer-Ansatz: Jugendliche entwickeln unter wissenschaftlicher Supervision analoge und digitale Lernformate wie 360°-Videos, VR- und AR-Anwendungen, mobile Apps und Social-Media-Lernvideos und vermitteln diese an andere Jugendliche.

„Schule*Hilfe*Medien“ ist ein Kooperationsprojekt des Carl-Jacob-Burckhardt-Gymnasiums Lübeck und der Medizinischen Klinik III der Universität zu Lübeck, getragen von der interprofessionellen Arbeitsgruppe Prävention/Notfallmedizin/medizinische und technische Gefahrenabwehr der Sektion Medizin. Es gliedert sich in eine qualitative Bedarfsanalyse (Phase 1, Mai bis August 2025), die partizipative Medienentwicklung mit schulinterner Pilotierung (Phase 2, ab Schuljahr 2025/2026) sowie Transfer und Resilienzförderung (Phase 3, ab 2027). Im April 2026 wurde das Projekt mit dem 3. Preis des Medienkompetenzpreises Schleswig-Holstein in der Kategorie „außerunterrichtliche Projekte an Schulen“ ausgezeichnet.
Was gehört alles in eine Notfallkiste? Beim Aktionstag sollten Schüler aus einer Reihe an Gegenständen auswählen. Fotos: studio85/Christine Beneke
Was gehört alles in eine Notfallkiste? Beim Aktionstag sollten Schüler aus einer Reihe an Gegenständen auswählen. Fotos: studio85/Christine Beneke

Text-Nummer: 181866    Autor: Veranstalter/red.    vom 11.9.2026 15.39 Uhr