Saisonauftakt des Philharmonischen Orchesters: Schuberts unbekannte Seite

Lübeck: Franz Schuberts Werke gehören weltweit zum festen Konzertrepertoire. Das gilt vor allem für die Sinfonien und für seine Lieder, in geringerem Maße auch für die Messen, die zumindest Chören und ihrem Publikum vertraut sind. Dass Schubert daneben über Jahre hinweg versuchte, als Bühnenkomponist Fuß zu fassen, wissen dagegen die wenigsten – nicht zuletzt deshalb, weil die meisten dieser Arbeiten Fragment blieben oder nach wenigen Aufführungen verschwanden. Das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck hat am letzten Wochenende seinen Saisonauftakt in der MuK mit einem reinen Schubert-Programm genau dieser Lücke gewidmet.

Vier Arien aus Opern, Singspiel und Oratorium, gesungen von Michael Schade unter der Leitung von Stefan Vladar, gaben Einblick in ein Schaffensfeld, das im Konzertsaal kaum je zu hören ist. Zusammen mit den zwei einrahmenden Sinfonien – der (noch frühen) 5. Sinfonie und der (reiferen) „Unvollendeten“ – entstand daraus ein Programm von Seltenheitswert, das Schuberts Entwicklung als Komponist in ihrem ganzen Bogen sichtbar machte.

Die Reihenfolge der Gesangsnummern war dabei klug disponiert. Sie ergab nicht nur eine dramatische Steigerung von der lyrischen Anlage der frühen Stücke hin zur Affektsprache des Fierrabras, sondern machte auch Schuberts kompositorische Entwicklung nachvollziehbar. In den früheren Nummern – die „Claudine"-Arie entstand 1815, „Adrast" blieb wenige Jahre später liegen – ist die Nähe zu Haydn und Mozart in Melodik, Periodenbau und Begleitfiguren offenkundig. Die beiden Arien aus dem Oratorium „Lazarus" (1820) und vor allem der Oper „Fierrabras" (1823) zeigen dagegen einen Komponisten auf der Suche nach einem eigenen Ton: harmonisch beweglicher, in der Deklamation freier, im Zuschnitt der Phrasen weniger vorhersehbar. Dass die Konzertpause zwischen die zweite und dritte Arie gelegt wurde, unterstützte diesen Eindruck. Der Einschnitt trennte die beiden Werkgruppen hörbar voneinander und ließ den Wandel deutlicher hervortreten, als es eine ununterbrochene Folge vermocht hätte.

Zudem traf das Programm mit dem Tenor Michael Schade auf einen Solisten, dessen Repertoireschwerpunkt als Mozart-Interpret der Sache entgegenkam. Schade sang durchweg textverständlich und präzise artikuliert, in den lyrischen Passagen mit schlankem, zärtlich zurückgenommenem Ton, andernorts mit hörbarem Sinn für die komischen Untertöne der Vorlage, etwa dort, wo vom Lispeln und Rufen die Rede ist. Das gut disponierte Philharmonische Orchester hielt sich erkennbar zurück, und das aus gutem Grund: Ein Konzertpodium ist keine Opernsituation, in der die Stimme über einen verdeckten Graben hinweggetragen wird. Entsprechend nahm Vladar die Dynamik des Orchesters herunter, sodass die Balance über alle vier Nummern hinweg stimmte und sich ein wunderbarer Gesamteindruck dieser unbekannten Seite Schuberts ergab.

Eröffnet wurde das Konzert mit der 5. Sinfonie. Vladar wählte für die vier Sätze dabei durchweg recht flotte Tempi, was ihnen insbesondere die romantische Schwere nahm. Zudem ließ dies die Verwandtschaft insbesondere mit den Londoner Sinfonien Haydns und den späten Mozart-Sinfonien noch einmal hervortreten. Für den einen oder anderen Zuhörer mag der 2. Satz möglicherweise etwas an der überlieferten Verträumtheit verloren haben. Aber gerade das schuf Raum für die langen Melodiebögen, die sich bei Schubert immer wieder finden lassen, die bei ungeschickterer Tempowahl jedoch leicht in einer schwärmerischen Biedermeierlichkeit verloren gehen. Nur im Finale überzeugte das Tempo vielleicht nicht ganz. Der Satz hat einen ausgeprägten Kehraus-Charakter, wie man ihn eben auch aus den späten Haydn-Sinfonien kennt, und es ist verbreitete Praxis, diesen vor allem über das Tempo herauszuarbeiten. Das birgt allerdings auch die Gefahr, dass dabei gelegentlich die Tiefenschärfe verloren geht. Hier hätte die eine oder andere schnelle Figur vielleicht doch etwas mehr Gewicht verdient gehabt. Aber insgesamt fügte sich das Gesamtbild schlüssig zusammen und bereitete die folgenden Arien gut vor.

Auch die 7. Sinfonie als Finale und Höhepunkt des Konzerts ist als gelungen zu bezeichnen. Obwohl Vladar den berühmten Beginn der „Unvollendeten“ sehr leise anlegte, wirkte der Satz vom ersten Ton an packend und geheimnisvoll. Das Thema hatte unüberhörbar Zug nach vorn und kontrastierte auf wunderbare Weise wirkungsvoll mit dem hell ausgeformten Seitenthema. Wie schon in der 5. Sinfonie wählte er zudem eine schnellere Gangart und kombinierte dies mit einem geradezu „klassisch-schlanken“ Klangbild. Doch gerade dadurch weitete sich auch der Charakter, besonders des 2. Satzes noch einmal und changierte in voller Breite zwischen zärtlich, fast schwebenden Holzbläser-Kantilenen und fordernd-zupackenden Blechbläser-Passagen, ohne dass diese in eine voluminös-romantische Schwere abglitten.

Zurecht bedankte sich das altersmäßig angenehm durchmischte Publikum mit herzlichem und reichlichem Applaus für einen gelungenen sommerlichen Saisonauftakt.
Der Saisonauftakt des Philharmonischen Orchesters in der MuK ist gelungen.
Der Saisonauftakt des Philharmonischen Orchesters in der MuK ist gelungen.

Text-Nummer: 181972    Autor: Ulrich Witt    vom 16.9.2026 15.19 Uhr