NDR Elbphilharmonie Orchester in Lübeck: Mut zur Moderne
Lübeck - Innenstadt: Mit einem Konzert in der Lübecker Musik- und Kongresshalle eröffnete das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Cristian Măcelaru seine Konzertsaison in der Hansestadt. Das Programm war kein Mainstream und keines, das sich an die Galerie richtet: Rachmaninows 3. Klavierkonzert ist zwar ein durchaus bekanntes Werk, in den Konzertsälen aber keineswegs alltäglich, zumal es etwas vom berühmteren 2. Konzert überschattet wird. Gerahmt wurde es von zwei deutlich moderneren Stücken: Missy Mazzolis „Sinfonia (for Orbiting Spheres)“ am Beginn und Béla Bartóks „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ am Ende. Ein Abend also, der dem Publikum einiges zumutete.
Umso erstaunlicher war sein Auftritt: Fujita betrat die Bühne geradezu jugendlich-bescheiden, als würde ihn die Aufmerksamkeit um seine Person immer noch überraschen, und nichts ließ ahnen, welche Kraft und Tiefe er im „Rach 3“ entfalten würde. Schon im ersten Satz zeigte sich seine interpretatorische Neugier, die keine Wiederholung zulässt: Rachmaninow lässt das Hauptthema immer wieder aufscheinen, etwa zu Beginn der Reprise, und bei Fujita bekam jede Wiederkehr einen neuen Charakter. So entstand etwas von einer großen Erzählung, mit nuancierten Tempi und einem Klang, der mal russisch wirkte, wie aus den großen Romanen, und dann wieder amerikanisch, als würde Gershwin schon am Horizont sichtbar. Bei aller technischen Schwere blieb sein Spiel hell und leicht, getragen von großer, fast kindlicher Spielfreude. Und doch entwickelte er, etwa in der Kadenz, eine geradezu physisch greifbare Kraft, die selbst die Musiker des Orchesters zu fesseln schien. Das Zusammenspiel gelang großartig, Cristian Măcelaru wirkte dabei als das perfekte Scharnier zwischen Solist und Orchester.
Wunderbar auch, wie sich durch die Beteiligten der zweite Satz zu einem ruhigen und innigen Gegenentwurf entwickelte, der mit einem druckvollen Übergang in das Finale führte. Das Konzert gilt als eines der technisch schwersten überhaupt. Laut Programmheft gibt es sogar Berechnungen, wonach es „unter allen großen Konzerten dasjenige mit den meisten Noten pro Sekunde ist“. Fujita überwand all das scheinbar mühelos und gestaltete zugleich in allen Momenten feinste Binnendynamik: Virtuosität im besten Sinne, die an keiner Stelle zum Selbstzweck wurde.
Allen Beteiligten war die Freude an diesem Stück anzumerken. Schon bevor der letzte Akkord in der MuK verklungen war, kamen die ersten Bravi, danach folgten Standing Ovations. Fujita bedankte sich mit Chopins cis-Moll-Walzer, auch hier mit einer Lesart ohne Wiederholungsroutine und mit fein abgestufter Dynamik.
Eine echte Entdeckung war die „Sinfonia (for Orbiting Spheres)“ von Missy Mazzoli, mit der das Konzert eröffnet wurde. Die Komponistin, die an diesem Abend auch in Lübeck anwesend war, wurde 1980 im ländlichen Pennsylvania geboren, lebt heute in New York und trägt in der Saison 2026/27 als Erste den neuen Titel einer „NDR Artist Across Ensembles“. Im Zentrum ihrer künstlerischen Position steht der Mensch, den sie laut Programmheft „die faszinierendste Sache der Welt“ nennt.
„Sinfonia“ meint hier nicht die Gattung, sondern die alte italienische Bezeichnung für die Drehleier, deren Klang Mazzoli auf das Orchester überträgt. Dafür erweitert sie die Besetzung: Trompete, Posaune, Horn und Fagott spielen zunächst auf Mundharmonikas, ein Synthesizer steuert einen künstlichen Orgelklang bei, und ganz am Schluss mischt sich der Klang einer Boombox hinzu. Für die Form wählte sie die Metapher eines Sonnensystems: Klangschichten nähern sich dem Hörer, jede in ihrem eigenen Tempo, und entfernen sich wieder, am deutlichsten gleich zu Beginn in den an- und abschwellenden Mundharmonika-Akkorden.
Im Saal wirkte das Stück eher flächig als rhythmisch und überraschend harmonisch, womit man bei einer zeitgenössischen Komponistin nicht unbedingt rechnet. Vor allem entstand tatsächlich der Eindruck von Planeten auf ihren Bahnen. Die Idee, Himmelskörper in Musik zu fassen, ist nicht neu, man denkt an Holsts „Planeten“ und an unzählige Filmmusiken. Mazzoli findet aber genau die Klangbilder, die solche Vorstellungen im Kopf der Zuhörer entstehen lassen, ohne dass sie zum platten Zitat werden. Dass die Idee so aufging, ist auch das Verdienst von Măcelaru und dem Orchester. Das Publikum dankte mit sehr herzlichem und langem Applaus, der der Aufführung ebenso galt wie der Komponistin, die Măcelaru dafür auf die Bühne holte.
Den Abschluss bildete Bartóks „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ von 1936, ein ungemein dichtes Werk, das wenig von dem Volksliedhaften hat, das man Bartók sonst nachsagt, und trotz seiner ungewöhnlichen Besetzung ein durch und durch repräsentatives Orchesterwerk. Es beginnt mit einer streng durchgeführten Fuge über ein chromatisch kreisendes Thema, das nach einer geheimnisvollen Nachtmusik im tänzerischen Finale sein befreites Ziel zu erreichen scheint. „Durch Nacht zum Licht“ lautet die Devise, und das Werk endet tatsächlich auch in einem strahlenden A-Dur.
Besonders an Bartók Werk ist auch die Aufstellung des Orchesters, und funktionierte in der MuK ausgezeichnet: Bartók teilt das Streichorchester in zwei sich gegenüberstehende Gruppen, in der Mitte dahinter sitzen Klavier, Celesta, Harfe und Schlagwerk. Es entstanden geradezu „klassische“ Stereoeffekte. Schon die Komponisten der Wiener Klassik arbeiteten häufig mit einer Aufstellung, die es erlaubte, Phrasen, Motive und Themen räumlich durch das Orchester „springen“ zu lassen. Bei Bartók ging dieses Prinzip hervorragend auf und verlieh dem Werk eine ungeheure Dreidimensionalität. Dabei zeigte sich auch die Stärke des Dirigenten, dem man weltweit eine Verbindung von interpretatorischer Stringenz, emotionaler Intelligenz und einem offenen, großzügigen Wesen nachsagt. Das konnte man gut nachvollziehen: Măcelaru gab den Musikern mit seinem Dirigat viel mit, und diese spielten offenkundig gern mit ihm zusammen.
So bestätigte sich, was die Ankündigung versprach: Das Konzert machte die Vermittlung zwischen Tradition und Moderne tatsächlich zum Programm, von Mazzolis zeitgenössischen Planetenbildern über Fujitas großes Erzählen bei Rachmaninow bis zu Bartóks Nutzung der klassischen Orchesteraufstellung. Dass der Abend dabei nicht in einem lauten Höhepunkt gipfelte, sondern mit Bartók am Ende etwas Zyklisches bekam, das ihn rund machte, passte dazu. Es war ein Abend, der keine Zumutung war, sondern sich in jeder Hinsicht lohnte und den zu erleben einen dankbar machen konnte.
Das Konzert ist Sonntag, am 20. September, noch einmal im Großen Saal der Elbphilharmonie zu hören und wird parallel live auf NDR Kultur gesendet. Der Mitschnitt bleibt im Anschluss online abrufbar.