Der Ring in 90 Minuten: bejubelte Premiere der Taschenoper Lübeck

Lübeck - Innenstadt: Ob es am Ende wirklich genau 90 Minuten waren, hat wahrscheinlich niemand geguckt, zu ergriffen waren die Zuschauer von dem erstaunlichen Wurf der Taschenoper Lübeck. Wie kann es klappen, ein Stück derart zu kürzen (von 16 Stunden auf 90 Minuten, von knapp 150 Mitwirkenden auf 6 Sänger und einen Pianisten), es im Grunde komplett umzuschreiben, Dialoge, und Kommentare einzufügen, und es bleibt trotzdem „Der Ring des Nibelungen“?


Die Nixen (von links nach rechts: Anna Schors, Hrund Osk Arnadottir, Margrit Dürr)<br />
treiben ein gewagtes Spiel mit Alberich (Hagen-Goar Bornmann)

Die Nixen (von links nach rechts: Anna Schors, Hrund Osk Arnadottir, Margrit Dürr)
treiben ein gewagtes Spiel mit Alberich (Hagen-Goar Bornmann)



Die Taschenoper Lübeck hat es schon oft überzeugend vorgemacht, aber diesmal hat sie sich selbst übertroffen! Kenner des Sujets staunen, Operneinsteiger lassen sich mitreißen, man ist amüsiert, betroffen und der Sagenstoff wirkt aktueller denn je. Großen Anteil an dem gelungenen Abend haben neben dem Gründerteam der TOL Margrit Dürr (Taschenintendantin und singende Librettistin) und Julian Metzger (musikalische Einrichtung) auch das durchweg vorzügliche Ensemble.

Einfühlsam und virtuos von Clemens Wiencke am Klavier unterstützt, können die drei Walküren ihre Stimmkraft entfalten, nachdem Wotan (Volodymyr Milushkin mit volltönendem Bass) sie als Nixen wegen Unfähigkeit entlassen und als Walküren neu eingesetzt hat. Tatsächlich haben sie geschludert und sich den Ring abnehmen lassen. Durch den dramaturgischen Einfall, die drei Damen einfach ihren Job wechseln zu lassen, erscheinen diese durch das ganze Stück hindurch als klare, sehr unterschiedliche Persönlichkeiten: Brünnhilde (Hrund Osk Arnadottir mit wunderschönem Timbre) wirkt wie eine Pubertierende, die im Laufe des Stücks an Reife gewinnt, Schwertleite (Anna Schors, hier und als Riesin sehr überzeugend agierend und singend) zeigt sich eher meditativ und Grimgerde (Margrit Dürr mit klarem Sopran) weiß genau, was sie will. Ganz anders natürlich der strahlende Held Siegfried (Lawrence Halksworth, der den Helden so heldisch wie Loge verschlagen singt und spielt). Siegfried ist noch in der Ausbildung und so naiv, wie ein Held sein muss. Reife Helden gibt es wohl nicht, das zeigt auch der Schluss dieser Oper.

Der Handlungsverlauf ist am Ring entlanggestrickt: Der mächtige Ring der Macht ist im Rhein und dort ungefährlich. Aber Alberich (Hagen-Goar Bornmann mit sehr wandlungsfähiger Stimme und grandiosem Spiel) stiehlt den Ring und will damit die Welt beherrschen (dass ihm dabei Zölle helfen sollen, ist nur eine der vielen Anspielungen auf aktuelle Themen). Wotan und Loge listen ihm den Ring wieder ab, Wotan will damit seine Burg bezahlen, die er die Riesen hat bauen lassen, ohne an die Honorierung zu denken. So kommen die Riesen (bei der TOL wird der Riese Fafner zur Riesin Fafna) an den inzwischen verfluchten Ring. Fafna verwandelt sich in einen Drachen und das ist dann natürlich der Zeitpunkt für den Auftritt des Drachentöters Siegfried.

Die schillernden Kostüme von Katia Diegmann sind aufwendig, sehr stimmig und gleichzeitig offensichtlich auch für schnelle Umzüge bestens geeignet. Genauso ist ihre Bühnenausstattung mit ein paar weißen Kuben so sparsam wie wandlungsfähig und wirkt durch die Projektionen (Katharina Spuida-Jabbouti und Jonas Saleem Kohla) trotzdem opulent. Dass der rasante Opernabend mit den vielen verschiedenen Teilen sich zu einem Wurf fügt, liegt nicht zuletzt an Jakob Minks kluger und ideenreicher Regie, den lustigen kleinen choreografischen Einfällen und den pointiert gesetzten Kommentaren (als Einspielung von Florian Sellke). Ein rundum gelungener Opernabend – höchstens vielleicht ein bisschen zu schnell vorbei.
Die Riesen (links Anna Schors, rechts Hagen-Goar Bornmann) fordern ihre Bezahlung
von Wotan (in der Mitte Volodymyr Milshukin), Fotos: OIaf Malzahn
Die Riesen (links Anna Schors, rechts Hagen-Goar Bornmann) fordern ihre Bezahlung von Wotan (in der Mitte Volodymyr Milshukin), Fotos: OIaf Malzahn

Text-Nummer: 182221    Autor: Leonore Maus    vom 27.9.2026 9.58 Uhr