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Montag,
der 22. April 2019






Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Am Sonntagabend wurde in St. Annen der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Der Landtagspräsident Klaus Schlie hatte zu der Feierstunde eingeladen. Der Ort war bewusst gewählt: Vor 25 Jahren gab es einen Brandanschlag auf die benachbarte Synagoge.



Im März 1994 wurde ein Brandanschlag auf die Synagoge Lübeck verübt ­- der erste auf eine Synagoge in Deutschland seit der Pogromnacht 1938. Die Erinnerung an den 25 Jahre zurückliegenden Anschlag stand bei der zentralen Gedenkfeier des Landes für die Opfer des Nationalsozialismus am Sonntag im Mittelpunkt. Der Schleswig-Holsteinische Landtag und die Jüdische Gemeinde Lübeck hatten in die Kunsthalle St. Annen eingeladen, die unmittelbar neben der Synagoge gelegen ist.

Parlamentspräsident Klaus Schlie mahnte in seiner Ansprache, aktuellen rassistischen und antisemitischen Tendenzen entschieden entgegenzutreten: "Es reicht nicht, kein Antisemit oder Rassist zu sein."

Vor rund 100 Gästen, darunter Bildungsministerin Karin Prien, der Landesrabbiner der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein Dov-Levy Barsilay, die Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck der Nordkirche Kirsten Fehrs, Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Schleswig-Holstein, der Minderheiten sowie der Sinti und Roma, bezeichnete Schlie das Erinnern und Gedenken als "unabdingbar wichtig und unverzichtbar".

Neben der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus nahm der Landtagspräsident auch die jüngere Entwicklung in den Blick. Das Jahr 1994 sei ein trauriges Symbol für die bedrückende Erkenntnis, dass Rassismus und Antisemitismus in Deutschland Realität seien, so Schlie. "Ausgerechnet im Land der Nachfahren derjenigen, die ein so beispiellos grausames und menschenverachtendes Zivilisationsverbrechen zu verantworten haben, ein Erstarken des Antisemitismus zu erleben, ist höchst beschämend und traurig." Als überzeugten Demokraten und geschichtsbewussten Menschen mache ihn diese Entwicklung fassungslos und wütend. "Mir als Präsidenten des Schleswig-Holsteinischen Landtages zeigt das, dass keine Zeit zu verlieren ist, das zu stoppen. Als Demokrat und Bürger eines auf den Prinzipien der Freiheit und Menschenrechte aufgebauten Staates reicht es keineswegs, kein Antisemit, kein Rassist zu sein. Man muss beiden hasserfüllten, verirrten Ideologien entschieden und wehrhaft entgegentreten."

Um die in der Gesellschaft weit verbreitete Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit zu überwinden, brauche es emotionale Anteilnahme und Solidarität mit den Opfern antisemitischer und rassistischer Angriffe, unterstrich Schlie.

Hinsichtlich des Staatsvertrages, den Schleswig-Holstein mit den jüdischen Verbänden im Land Ende letzten Jahres unterzeichnete, hob der Parlamentspräsident aber auch die aktuelle positive Entwicklung hervor. So habe das jüdische Gemeindeleben heute wieder einen festen Platz in der deutschen Gesellschaft und jüdisches Leben sei selbstverständlicher Teil des Landes. "Aber was zu uns und unserer Gesellschaft gehört, was zum 'Wir' der demokratischen Gesellschaft gehört, dürfen wir von niemandem infrage stellen lassen."

Auch die Entscheidung 2013, die Synagoge zu sanieren, stimme ihn froh, sagte Schlie. "Damit kann ein weiteres Kapitel jüdischen Lebens in der Hansestadt aufgeschlagen werden in einem sanierten Gotteshaus, das viele dunkle Stunden, aber auch ein langsames Wiedererwachen erlebt hat." Es sei ein schönes und deutliches Zeichen, dass die Synagoge noch immer stehe, jüdisches Leben in ihren Mauern stattfinde, die Gemeinde gewachsen sei und die Lübecker die Synagoge als selbstverständlichen Teil des religiösen und kulturellen Lebens ihrer Stadt empfänden. "Wir nehmen gerade auch bei uns in Schleswig-Holstein voller Freude und mit tiefer Dankbarkeit wahr, dass sich jüdisches Leben neu manifestiert."

Den optimistischen Blick in die Zukunft bestätigte Alexander Olschanski, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Lübeck. Olschanski berichtete als Zeitzeuge im Rahmen der Gedenkstunde von der Nacht des 24. auf den 25. März vor 25 Jahren, als der Brandanschlag auf die Synagoge verübt wurde. Die große Empörung und vollkommene Solidarität der Lübecker mit der jüdischen Gemeinde nach dem Anschlag hätten ihm damals gezeigt, dass die Entscheidung, nach Deutschland zu ziehen, kein Fehler war. "Trotz mancher Schwierigkeiten ist Deutschland für die meisten von uns ein zweites Zuhause und für unsere Kinder und Enkelkinder eine echte Heimat geworden", sagte Olschanski. "Gleichzeitig bewahren wir uns unsere jüdische Identität und haben keine Probleme mit unserer Religionsausübung." Die Sanierung der Synagoge sei die beste Bestätigung dafür. "Dafür sind wir sehr dankbar. Denn wir sind alle Teil ein- und derselben Gesellschaft! Das muss noch viel mehr in das Bewusstsein der Menschen, gerade der jungen, gelangen. Dazu helfen Gedenkfeiern wie diese."



Neben Olschanski sprach auch Landesrabbiner Dov-Levy Barsilay, der die Gedenkrede hielt und später gemeinsam mit dem Rabbi der Jüdischen Gemeinde Lübeck Nathan Grinberg und Bischöfin Kirsten Fehrs betete. Den musikalischen Rahmen gestalteten unter der Leitung von Galina Fedulina und Karl Hänsel ein Cello-Duo der Musikhochschule Lübeck, der Chor der Jüdischen Gemeinde Lübeck, der Internationale Chor, Haus der Kulturen, Lübeck und der Chor der Lübecker Knabenkantorei an St. Marien. Im Anschluss an die Gedenkstunde besuchten die Gäste die benachbarte Synagoge, die zurzeit saniert wird.

Erinnerten gemeinsam an die Opfer: Bischöfin Kerstin Fehrs, Landtagspräsident Klaus Schlie und Landesrabbiner Dov-Levy Barsilay. Fotos: JW

Erinnerten gemeinsam an die Opfer: Bischöfin Kerstin Fehrs, Landtagspräsident Klaus Schlie und Landesrabbiner Dov-Levy Barsilay. Fotos: JW


Text-Nummer: 127612   Autor: LTSH/red.   vom 27.01.2019 18.20

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