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HL-live.de - Nachrichten aus Lübeck

Donnerstag,
der 18. Juli 2019






HL historisch: Vor 85 Jahren wurde Erich Mühsam ermordet

Er gilt als Lübecker, obwohl er in Berlin geboren wurde, Erich Mühsam. Nach dem zweiten Weltkrieg war er vergessen. Zu seinem 111. Geburtstag, am 6. April 1989, wurde in Lübeck die Erich Mühsam-Gesellschaft gegründet. Sie versucht, das Gedenken an den Menschenfreund, den Idealisten und Schriftsteller wachzuhalten. Am 10. Juli jährt sich sein Todestag zum 85. Mal. Aus diesem Anlass sei an ihn erinnert.


An der Löwen-Apotheke wird an Erich Mühsam erinnert, der in Lübeck aufgewachsen ist.

Erich Mühsam starb im KZ Oranienburg. Nicht an einer Krankheit. Er wurde von den Nazis umgebracht. Drei Tage, bevor Mithäftlinge seine Leiche fanden, hatte der Kommandant den Gemarterten zynisch gefragt, wie lange er noch leben wolle und ihm geraten, sich binnen dreier Tage aufzuhängen. Anderenfalls werde man nachhelfen. Das tat man denn auch. Er wurde mit einem Spezialknoten erdrosselt und anschließend in der Toilette aufgehängt.

Die Qualen, die er in den Monaten zuvor in verschiedenen Lagern zu erdulden hatte, sind unvorstellbar. Ein Mithäftling, Franz Hensel, schrieb: "Er war schrecklich zugerichtet. Ich hatte es schwer, mein Entsetzen zu verbergen. Er saß auf einem Stuhl, hatte keine Brille mehr – man hatte sie ihm zerbrochen – die Zähne waren ihm ausgeschlagen..."

Erich Mühsam wurde am 6. April 1878 als viertes Kind des Apothekers Siegfried Seligmann Mühsam und seiner Frau Rosalie, geborene Cohn, in Berlin geboren. Ein Jahr später zog die Familie nach Lübeck. Der Vater übernahm die Apotheke am Lindenplatz, die damals St. Lorenz-Apotheke hieß. Seine Schulzeit am Katharineum wurde jäh beendet. Er hatte einen kritischen Bericht über eine Rede des Direktors auf einer Reichsgründungsfeier an den sozialdemokratischen "Lübecker Volksboten" geschickt.

Sein Vater bestand auf einer Apothekerlehre, die Erich Mühsam in der Adler-Apotheke absolvierte. Obwohl der Vater später mit Enterbung drohte, falls er nicht Apotheker bleibe und nicht jüdisch heirate, hatte Erich Mühsam beruflich ganz andere Interessen. Er ging nach Berlin, lebte mehr schlecht als recht als freier Schriftsteller, Kabarettist und als Herausgeber einer politischen Zeitschrift "Kain – Zeitschrift für Menschlichkeit".

In Berlin, vor allem später in München pflegte er Kontakte zu Gleichgesinnten, darunter Heinrich Mann, Ludwig Thoma, Franziska von Reventlow, Frank Wedekind. Mit den etablierten Parteien konnte er sich nicht anfreunden. Er setzte sich für absolute Freiheit ein, probierte Gemeinschaftsmodelle, bei denen jedem das zustehen sollte, was er benötigte. In den politischen Wirren nach dem ersten Weltkrieg gehörte er zu den Gründern der Münchner Räte-Republik. Als die besser organisierten Kommunisten die Macht an sich rissen, verurteilte man den Anarchisten und Revolutionär zu 15 Jahren Festungshaft.

1915 hatte Mühsam Kreszentia Elfinger, genannt Zenzl, geheiratet. Ein kommunistischer bayerischer Staat hielt sich nicht lange. 1924 wurde Mühsam im Zuge einer Amnestie aus der Haft entlassen. Mit seiner Frau ging er zurück nach Berlin. Mit dem Pflichtteil des väterlichen Erbes gründete er wiederum eine Zeitschrift, Fanal, die bis 1931 immerhin 59 Hefte herausbrachte. Die heraufziehende braune Ideologie erkannte er schnell und bekämpfte sie in flammenden Aufsätzen und Reden. In der Nacht des Reichstagsbrandes (27./28. Februar 1933) wurde er verhaftet. Goebbels rechnete ihn zu den "Verderbern Deutschlands", deren Köpfe in der "Nacht der langen Messer in den Sand rollen" würden.

Mühsam wird zunächst in die Haftanstalt Sonnenburg gebracht, dann nach Plötzensee, in die "Hölle von Brandenburg", schließlich nach Oranienburg. Kaum vorstellbar sind die Folterungen, denen er ausgesetzt war. Seine Frau durfte ihn gelegentlich besuchen, kehrte erschüttert zurück. Ihr gelang schließlich die Flucht nach Prag. Hier erhielt sie eine Einladung aus Moskau. Die ausführlichen Tagebücher ihres Mannes wurden ihr von den Sowjets abgenommen.

Mühsams Urne kam auf den Waldfriedhof von Berlin-Dahlem. Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch erinnerte man sich in der Bundesrepublik an ihn, wandelte seine letzte Ruhestätte in ein Ehrengrab um. Seine Schriften sind zumindest in Teilen wieder erhältlich. In Lübeck erinnern ehrende Hinweise an ihn, zum Beispiel an der Löwen-Apotheke, deren Abriss er verhindert hatte.

Erich Mühsam ist in Lübeck aufgewachsen. Er lernte an der Adler-Apotheke, die sich damals in der Mengstraße befand. Foto: Bundesarchiv

Erich Mühsam ist in Lübeck aufgewachsen. Er lernte an der Adler-Apotheke, die sich damals in der Mengstraße befand. Foto: Bundesarchiv


Text-Nummer: 131451   Autor: TD   vom 09.07.2019 19.20

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Kommentare zu diesem Text:

Josef Knecht schrieb am 09.07.2019 um 19.52 Uhr:
„Sich zu fügen, heißt zu lügen.“
Erich Mühsam

Warum keinen Hinweis im Bericht auf seinen Sekretär Herbert Wehner?

Mischa schrieb am 10.07.2019 um 14.13 Uhr:
Ich hab’s mein Lebtag nicht gelernt,
mich fremdem Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen:
Sich fügen heißt lügen!

Ein großer Deutscher. Möge ihm die Erde leicht sein.


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