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Flucht und Vertreibung: Ein Theaterstück im Stadtwald Lübeck

Lübeck: Im September startet ein ungewöhnliches Theaterprojekt: Im Stadtwald wird das Thema "Flucht und Vertreibung" vor 75 Jahren thematisiert. Dafür können sich noch Schauspieler melden, aber auch Requisiten aus der Zeit sind gefragt.

Alice Moustier ist eine kulturbegeisterte Frau aus Lübeck. Sie spielte bereits als Kind gerne Theater und gründete vor zwei Jahren in Lübeck mit Freunden eine eigene Theatergruppe. Im Film „Frantz“ (Francois Ozon) und anderen spielte sie bereits als Komparsin mit. Jetzt, als durch Corona viele Kulturveranstaltungen ausfielen, kam ihr die Idee, ein Theaterstück an einem außergewöhnlichen Ort aufzuführen: im Wald. Es soll kein normales Theaterstück mit Bühne werden, sondern ein Theaterparcours durch den Wald, wo Zuschauer von einer Szene zur nächsten gehen.

Das Thema soll „Flucht und Vertreibung“ heißen. Denn für dieses Thema und auch das Thema Traumaaufarbeitung interessiert sich Alice Moustier bereits seit langem und arbeitet als Coach in diesem Bereich. Mit dem Projekt möchte sie die damalige Flüchtlingssituation nach 1945 ins Bewusstsein rücken, zeigen, dass für viele das psychische Drama erst nach dem 2. Weltkrieg begann. Tatsächlich widmet sich die Kriegsurenkel-Generation heute mit großem Interesse den Traumata der Großeltern. Über das Wissen um die damaligen deutschen Flüchtlinge entsteht Verständnis für die heutigen Flüchtlinge aus aller Welt.

Dieses thematisch ganz aktuelle Projekt nimmt nun konkrete Züge an. Es haben sich bereits elf interessierte (Laien-)Darsteller gefunden, und am Sonntag, den 16. August, fand die erste Probe statt. Gleich am Montag dann die zweite. Alice Moustier konnte die Darsteller mit diesem Thema so begeistern, dass sich nun ein Kernteam manifestierte: Eine Gesangsstudentin, eine Zeitzeugin mit ihrem Mann und eine zehnjährige begeisterte Schauspielerin, die bereits bei den Eutiner Festspielen mitgespielt hat, mit ihrer Mutter. Hinter der Bühne kümmert sich Eric Bahr um die Technik. Der Tübinger Regisseur und Schauspieler Michael Miensopust berät Alice Moustier in der Regie. Sogar Leute aus Niedersachsen möchten teilnehmen. Und die meisten von ihnen sind gesangsaffin. Es wird also ein Theaterstück mit Gesangsbeilage.

Es ist nun 75 Jahre her, dass die meisten Menschen aus den damaligen deutschen Ostgebieten flohen. Erst im Laufe der Beschäftigung mit diesem Thema erkannte die Schauspielgruppe, dass darüber in ihren Schulen kaum gesprochen worden war. Jetzt drängt die Zeit, denn nur noch wenige Zeitzeugen sind noch am Leben. Gleichzeitig wiederholt sich überall auf der Welt dieses Drama der Vertreibung. Die Stadt Lübeck ist für dieses Thema genau die richtige Stadt, denn vor der Flüchtlingskrise 1945 hatte Lübeck 155.000 Bewohner und nach der Flüchtlingskrise 250.000. 100.000 Flüchtlinge in einer Stadt ist heute kaum vorstellbar. Stadtteile wie Kücknitz sind dadurch erst so groß geworden, die Straßennamen erinnern noch an die damalige Flüchtlingskrise.

Das Lager Pöppendorf in Lübeck-Kücknitz war in den Jahren 1945 bis 1951 ein Durchgangslager im Waldhusener Forst für eine Million Menschen. Jeder vierte Lübecker oder Lübeckerin hat Vorfahren aus Danzig, Königsberg oder anderen Orten in den Ostgebieten. Ihr Wissens für das Theaterstück bezieht die Gruppe hauptsächlich aus den beiden Büchern "75 Jahre Flucht und Vertreibung. Band 70" (Verein für Familienforschung Lübeck e.V.) und "Treibgut des Krieges" (Verband deutscher Kriegsgräberstätten).

Neben vielen jungen Darstellern (Kinder) und weiteren erwachsenen Darstellern sucht die Theatergruppe dringend noch: Handwerkliche Menschen, die sich um die Gestaltung des Bühnenbildes kümmern, Requisiten aus der Zeit (Bücher, Bekleidung, Orden), Fortbewegungsmittel (Karren, Fahrräder, Bollerwagen, Schlitten, Kinderwagen) als Leihgabe, nicht zwingend aus der Zeit, und große Wände für die Herstellung der Bühnenbilder.

Vor allem werden aber Sponsoren gesucht. Unterstützt wird das Projekt bereits von den bekannten Lübecker Vereinen „Gemeinnütziger Verein Kücknitz e.V.“ und „Stadtwaldfreunde e.V.“ sowie der Dräger-Stiftung.

Alice Moustier ist optimistisch: „Es ist nun genau die richtige Zeit für die Aufarbeitung. Auch in der Psychotherapie erhält dieses Thema immer mehr Aufmerksamkeit, denn die Kriegskindergeneration kommt in ein Alter, wo sie erneut mit dem Tod konfrontiert wird. Viele Bilder, die jahrelang verdrängt wurden, kommen wieder hoch. Deshalb bin ich sicher, dass unser Stück zur richtigen Zeit am richtigen Ort stattfindet.“
Wer Interesse an dem Projekt hat, kann hierzu mit Alice Moustier Kontakt aufnehmen: Tel. 0157/74529286 oder am@wahnsinnigintelligent.de

Am Samstag, 26., und Sonntag, 27. September, werden im Wesloer Wald in Lübeck die Aufführungen stattfinden. Auch Anmeldungen als Zuschauer sind jetzt bereits möglich.

Aus Danzig in den Wesloer Forst: Das Projekt thematisiert die Flucht nach dem zweiten Weltkrieg. Foto: Veranstalter

Aus Danzig in den Wesloer Forst: Das Projekt thematisiert die Flucht nach dem zweiten Weltkrieg. Foto: Veranstalter


Text-Nummer: 140080   Autor: Veranstalter/red.   vom 26.08.2020 um 19.35 Uhr

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