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Wie aus Rüstungsgütern Spielzeug wurde

Lübeck - Kücknitz: Archiv - 23.10.2020, 12.44 Uhr: Ab Sonntag, 25. Oktober, zeigt das Industriemuseum Geschichtswerkstatt Herrenwyk im Rahmen einer neuen Sonderausstellung mit dem Titel „Not macht erfinderisch – zivile Notgegenstände aus Militärmaterialien. Die Sammlung Olaf Weddern“ wie in der Nachkriegszeit militärische Güter zu friedlichen Produkten wurde.

„Die Ausstellung ‚Not macht erfinderisch – zivile Notgegenstände aus Militärmaterialien‘ zeigt dringende Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs, gefertigt aus den Überresten des Zweiten Weltkrieges, sowohl aus privater Heimarbeit als auch oft aus fabrikmäßiger Produktion", beschreibt Dr. Bettina Braunmüller, Museumsleiterin und Kuratorin der Ausstellung, ihr Projekt.

„Not macht erfinderisch“ und „Man kann nur das benutzen, was man hat.“ – diese banalen Erkenntnisse führten nach dem Zweiten Weltkrieg zu teilweise skurrilen Umbauten von im Überfluss vorhandenen Militärmaterialen zu zivilen Notgegenständen wie Küchengeschirr oder Kinderspielzeug. Diese so genannten Konversionsgegenstände wirken befremdlich, da der Anblick von Militaria im Alltag heute ungewohnt ist und sie darüber hinaus die Ironie der Geschichte deutlich machen, beispielsweise in Form von einer aus einer Glasmine gefertigten Schüssel mit Blümchendekor oder einer Spielzeugeisenbahn für einen kleinen Jungen aus Patronenschachteln. Hierbei wird schnell deutlich, mit welchem Einfallsreichtum die Menschen ihren Alltag improvisierten.

Dabei ging es keinesfalls nur um die nötigsten Gegenstände, sondern auch um „schöne“ Dinge, da auch sie offensichtlich zu einem erfüllten Leben und dem Streben nach einem Gefühl der Normalität in Zeiten höchster Anormalität vonnöten waren. Auf diese Weise beschreibt die Ausstellung zugleich eindrücklich die Not und das Leid sowie die Armut im vom Krieg zerstörten Nachkriegsdeutschland und die Situation, in der Kinder und Erwachsene leben mussten, von der Ernährungs- über die Wohnsituation bis hin zu sozialen Aspekten.

Fast alle Exponate der Ausstellung stammen aus dem Besitz von Olaf Weddern, der privat seit seiner Jugend Notgegenstände aus Militärmaterialen sammelt. Durch eine umfangreiche Sammlungsübernahme sind diese Stücke mittlerweile auf eine Anzahl von über 200 angewachsen. Mit der Ausstellung in Herrenwyk wird ein Großteil der Sammlung von Olaf Weddern erstmals öffentlich zu sehen sein.
Die Ausstellung ist auch für Museumsleiterin Bettina Braunmüller eine Herzensangelegenheit, da hier oftmals vernachlässigte Themen wie die Rüstungsindustrie im Zweiten Weltkrieg und das Improvisationstalent der Menschen nach dem Krieg in den Mittelpunkt gestellt werden. Nicht der Krieg an sich, sondern die Konsum- und Rüstungsgüter bzw. ihre Nutzung und Umnutzung stehen im Vordergrund.

Des Weiteren thematisiert wird die Folgezeit des Wirtschaftswunders, die mit dem ausufernden Lebensstil ihrer Konsumgesellschaft einen krassen Kontrast zum vorherigen Elend in Deutschland bildete. Exponate des Museumsvereins „Die Goldenen Fünfziger Jahre“ e.V. aus Hamburg kontrastieren die ärmlichen Objekte des vorangegangenen Jahrzehnts.

Auch schlägt die Ausstellung einen exemplarischen Bogen zur internationalen Fertigung von Notgegenständen aus Militärmaterial durch einige Exponate aus Laos der Lübecker Völkerkundesammlung. In diesem südostasiatischen Land produzieren die Menschen bis heute in kleinen Werkstätten Konversionsgegenstände aus den Überresten von Geschossen und Bomben, die im langjährigen Bürgerkrieg zum Einsatz kamen. Somit wird der internationale Charakter des Phänomens deutlich: Not und Konversion gehen überall auf der Welt mit Kriegen einher.

Abschließend beleuchtet wird die in heutiger Zeit generell und seit der Corona-Krise ganz besonders verbreitete Tendenz, sich auf Notsituation einstellen und auf Ausnahmesituationen vorbereitet sein zu wollen. Dementsprechend findet auch die Do-it-Yourself, Prepper- und Survival-Szene Erwähnung. Die Ausstellung zeigt neben über 150 Exponaten umfangreiches Film-, Text- und Bildmaterial und ist gerade aufgrund der größeren historischen Dimension besonders für Schulklassen geeignet.

Das Industriemuseum Geschichtswerkstatt Herrenwyk, Kokerstraße 1-3, ist freitags von 14 bis 17 Uhr, samstags und sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet vier Euro, für Kinder und Jugendlich von 6 bis 15 Jahre zwei Euro. Die Ausstellung wird bis 4. April 2021 zu sehen sein.

Munitionsschachteln als Eisenbahn: Die Geschichtswerkstatt zeigt den Erfindungsreichtum nach dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Olaf Malzahn

Munitionsschachteln als Eisenbahn: Die Geschichtswerkstatt zeigt den Erfindungsreichtum nach dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Olaf Malzahn


Text-Nummer: 141295   Autor: Museen/red.   vom 23.10.2020 um 12.44 Uhr

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