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Combinale: Was man von hier aus sehen kann

Lübeck: Archiv - 27.03.2022, 15.01 Uhr: Ländlicher Idylle, skurillem Aberglauben, frustrierten Weltfluchten, traumatisierenden Unglücksfällen, buddhistischer Gelassenheit, unausgesprochenen Liebeserklärungen und vielem mehr begegnet man in der zwei Stunden dauernden Inszenierung des Erfolgsromans „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky, die die Hamburger Regisseurin und Schauspielerin Mignon Remé als mitreißendes Lebenspanorama auf die Bühne des Theaters Combinale gebracht hat.

Ausgestattet mit all diesen Facetten, lässt Remé einen ganzen (Dorf-)Kosmos entstehen, den Sigrid Dettlof und L. Christian Glockzin als alleinige Darsteller kongenial mit Leben füllen, wenn sie - teilweise in aberwitzigem Tempo - von einer Rolle zur nächsten hüpfen und in verschiedene Identitäten der unterschiedlichsten Lebensalter schlüpfen. Dabei entstehen ebenso brüllend komische Effekte - Glockzin und Dettlof lassen ihrer komödiantischen Ader freien Lauf - wie auch berührend herzergreifende Momente, die dem Premierenpublikum den Pausenapplaus unmöglich machten – seltene, eindrückliche Momente im Theater, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Überhaupt ist der Abend durchgehend von spannenden „Polaritäten“ geprägt. Nicht nur Komik und Tragik bilden ein unzertrennliches Paar. Auch Gegenwart und Vergangenheit scheinen ebenso unentwirrbar ineinander verwoben wie Schmerz und Freude, Loslassen und Festhalten. Die zentralen wiederkehrenden Pole jedoch im Leben der Hauptfiguren Martin, Optiker, Frederik, vor allem aber Selma und Luise sind Liebe und Tod. „Beides kann man nicht proben, beidem entkommt man nicht, beides ereilt einen“, stellt der Optiker, mit entwaffnender Güte und (heimlich) verliebter Unbeholfenheit von Glockzin verkörpert, beim ritualisierten Ähnlichkeitsspiel fest. Beide, Liebe und Tod, sind auch treue Lebensbegleiter - für die junge Luise ebenso wie für ihre lebenserfahrene Großmutter Selma. Bei aller scheinbaren Monotonie und Eingefahrenheit ihrer beider Leben in der kleinen Dorfgemeinschaft sind es diese beiden Begleiter, die mehr Welt in ihre Leben hereinlassen, wie es Luises Vater immer wieder fordert. Eine Welt, die, wiederum polar, von Verlust und Gewinn geprägt ist.

Beiden Frauen gibt Sigrid Dettlof in ihrer differenzierten Darstellung überzeugend Tiefe, die sie aus den ihnen widerfahrenen, hier nicht näher beschriebenen, Verlusten ziehen. Diese Verluste verstellen Selma, oft schroff und anpackend, und Luise, naiv-zögerlich und „verstockt“, häufig auch den Blick auf die Gewinne, die sich ihnen bieten könnten. Halt und Orientierung bieten ihnen beiden dabei der gemeinsame Lebensbegleiter, der Optiker, sowie Frederik, ein buddhistischer Mönch aus Hessen: „Lass los, ich hab dich!“ Ob Großmutter und Enkelin dieser Aufforderung folgen werden oder aber ohne Hilfe ihrer Wege durch „ein windschiefes Leben mit Einsturzgefahr“ gehen, wissen Leser des Romans zwar bereits; und dennoch bleibt es spannend, dabei zu sein, wie sie diese Herausforderungen meistern.

Mignon Remé als Regisseurin und Sigrid Dettlof, die den Roman für die Bühne bearbeitet hat, gelingt es, die Romanhandlung gekonnt zu verknappen, ohne die bunte Vielfalt und Lebendigkeit des (Dorf)lebens zu verlieren. Sie fordern ihr Publikum durchaus heraus, in schnellen Übergängen den vielen Figuren auf verschiedene Zeit- und Handlungsebenen zu folgen, doch fügt sich all dies bald zu einem filigran gearbeiteten harmonischen Bild. In diesem sitzt nicht nur darstellerisch jede kleine Geste, jeder differenzierte Tonfall, welche die vielen Figuren für das Publikum schnell voneinander unterscheidbar machen, sondern darüber hinaus auch jeder Handgriff, um Angelika Winters variantenreiches Bühnenbild zum wichtigen „Mitspieler“ werden zu lassen. Mit unaufwändigen Mitteln, verschiebbaren Bühnenelementen, Gazevorhängen und einprägsamen Requisiten entsteht hier mal eine gemütlichen Wohnküchenatmosphäre mit goldgerahmter kuscheliger Patchworkheimeligkeit, mal durch geschickt inszeniertes Lichtdesign (Migo Eichholz) landschaftliche Weitläufigkeit und dann wieder die Möglichkeit, durch die bloße Andeutung zweier Bahnsteige, die „Welt hereinzulassen“. Ebenso variantenreich tragen die einfühlsamen Kompositionen Felix Krolls dazu bei, Szenen nicht nur atmosphärisch zu untermalen, sondern auch Stimmungen zu illustrieren, Gefühle zu kommentieren, Gedanken zu verdeutlichen und damit eine ganz eigene erzählerische Funktion einzunehmen. Mit „Was man von hier aus sehen kann“ gelingt Mignon Remés aufeinander abgestimmtem Team am Combinale eine beeindruckende und nachdrückliche Arbeit, die – Krisenzeiten zum Trotz - ebenso viele begeisterte Zuschauer verdient, wie Mariana Lekys Roman seit seinem Erscheinen Leser in den Bann gezogen hat.

„Was man von hier aus sehen kann“ ist am Theater Combinale den April hindurch zu sehen. Genaue Termine über www.combinale.de

Sigrid Dettlof und L. Christian Glockzin zeigen, was man vor hier aus sehen kann. Foto: Migo Eichholz

Sigrid Dettlof und L. Christian Glockzin zeigen, was man vor hier aus sehen kann. Foto: Migo Eichholz


Text-Nummer: 150781   Autor: Frido Jany   vom 27.03.2022 um 15.01 Uhr

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