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SHMF Auftaktkonzert: Ein Ereignis

Lübeck: Archiv - 03.07.2022, 12.18 Uhr: Selten bot das Eröffnungskonzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals eine solche Qualität und Aktualität wie das dieses Jahres in der vollbesetzten MuK: Erst interpretierte Igor Levitt das 2. Klavierkonzert von Johannes Brahms – dem 2022 die Komponisten-Retrospektive gilt – mit der ihm eigenen grüblerischen Intensität, dann erwies sich Paul Hindemiths Sinfonie „Die Harmonie der Welt“ als Mahnung in Pandemie-, Klimakrise- und Ukrainekriegszeiten.

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Hinzu kamen ein NDR-Elbphilharmonie-Orchester und sein Dirigent Alan Gilbert in Topform, die sich zunächst auf Igor Levitt einstellten und mit ihm bei Brahms die Gegensätze stärker herausarbeiteten, als es Romantik-Freaks gewohnt sind: Sehr schroff – was auch die Violinen klagen ließ – und sehr grüblerisch der Beginn, entwickelte sich eine Dynamik, die ins Verspielt-Verträumte überleitete und Levitt dann wieder hart die Realität greifen ließ. Das war bekannt und doch spannend neu – ebenso das eloquente Parlando im 2. Satz, teils ungemein zart in seinen Verspielt-Verträumtheiten, dann voll ungestümen Aufbegehrens. Sehr weich begann der 3. Satz mit Andreas Gründkorns korrespondierendem Cello-Solo mit seinen Verträumtheiten und hielt das Rhapsodische mit leichter Hand in Bewegung. Wie befreit nach all den Vorerlebnissen nahm Levitt im Allegretto grazioso Schwung auf, um mit dem Orchester ins positive Finale zu drängen. Zu erleben war eine selten so durchdachte und daher ungemein intensive Interpretation.

Wer hätte bei der Programm-Planung im letzten Jahr gedacht, dass der Titel von Paul Hindemiths 1952 uraufgeführter Sinfonie „Die Harmonie der Welt“ heute eine so aktuelle Lamento-Stimmung erhalten würde... Drei Sätze führen unterschiedliche „Musica“-Sicht- bzw. Hörweisen ins Feld, wobei sich zunächst aus der Statik mit starkem Blech heraus eine harte Bewegung entwickelt, die Erfahrungen des 2. Weltkriegs verarbeitet. Der vermeintlich „trockene“ Komponist Hindemith arbeitet mit klarer Sprache und Akzenten, die Gilbert und die NDR-Philharmoniker mit Nachdruck umsetzten. Und im Erzählreichtum des mittleren Satzes haben die Posaunen eine in der Literatur einmalige melodische Führung. Im dritten Satz (Musica Mundana) steht die Welt auf den großen Füßen der Bässe und Celli, um schließlich Fridays für Future zu mobilisieren, bis alles Lamento an die große Glocke geschlagen wird...

Auch hier wurde von Gilbert und dem Orchester eine große Leistung geboten beim Vorkonzert am Sonnabend. Zu erleben ist sie noch einmal bei der Eröffnung-Liveübertragung am Sonntag um 20.15 Uhr auf 3SAT und hoffentlich in der Mediathek. Um auch nachzuvollziehen, welche Musik 1881 komponiert wurde und dann 70 Jahre später – und wie sie wiederum 70 Jahre später bei uns „ankommt“.

Das Vor-Eröffnungskonzert am Samstagabend in der MuK wird am Sonntag wiederholt und auch bei 3SAT übertragen. Fotos: 54° John Garve

Das Vor-Eröffnungskonzert am Samstagabend in der MuK wird am Sonntag wiederholt und auch bei 3SAT übertragen. Fotos: 54° John Garve


Text-Nummer: 152612   Autor: Güz.   vom 03.07.2022 um 12.18 Uhr

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