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Kulturvirologin: Die Ästhetik des Ansteckens

Lübeck: "Suchen Sie sich mal einen Ansteckungspartner", rief eine gut gelaunte Susanne Ristow durch den Co-Working-Space der MachBar auf dem Gelände der Lübecker Gollan Werft. Etwa 30 Studierende der Universität Lübeck und weitere Interessierte, bemühten sich, dem nachzukommen, denn die Universität hatte geladen zu einem "Studium Generale Spezial".

Das eher naturwissenschaftlich orientierte Studienvolk sollte einmal einen anderen Blick auf Viren, ihre Entstehung und Verbreitung und natürlich die Veränderungsprozesse, denen diese Erreger ohne Stoffwechsel unterworfen sind, gewinnen. Dazu hatte die Universität nicht irgendjemanden geladen, denn Kulturvirologin Susanne Ristow, geboren 1971 in Lübeck, ist eine weltweit tätige Künstlerin, Museologin und Medienwissenschaftlerin, deren besondere Leidenschaft die Kunstvermittlung ist. Während ihrer Performances stößt sie große Zeichenzyklen an, in denen infektiöse Prozesse durch Interaktion der Teilnehmer erfahrbar gemacht werden. Mithilfe der Denkfigur des Virus werden komplexe Zusammenhänge zwischen Kunst und Wissenschaft hergestellt.

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Wenn solche Kultursterne den Weg in die Universität Lübeck finden, ist meist auch Birgit Stammberger vom Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung nicht weit. Mit einer gewissen Ehrfurcht blättert sie zusammen mit Susanne Ristow in deren Opus Magnum, einer mehrere hundert Seiten starken Abhandlung über ihr Herzensgebiet, die Kulturvirologie. Das Institut in der Königstraße hatte den Kontakt zu der umtriebigen Künstlerin hergestellt.

Neugierig verfolgen die Studierenden daher ihren Impulsvortrag, der zugleich einen tiefen Einblick in jeweils moderne Strömungen der Kunstgeschichte erlaubte. Da tauchen Namen wie Susan Sontag auf, oder auch Marcel Duchamp, Arp und Schwitters aus der Dada Bewegung wurden bemüht, genauso wie Video-Kunst Pionier Nam June Paik.

Für die junge Generation wuchs die Erkenntnis, dass man im Studium Generale, auch wenn es Spezial ist, durchaus noch etwas dazulernen kann. Verzeihlich war dabei, dass Literatur Gigant William S. Burroughs dabei nicht jedem geläufig war. Dessen vor 50 Jahren verfassten Abhandlungen über die sich damals abzeichnende 'Electronic Revolution' bildeten aber eine wichtige Grundlage für Susanne Ristows kulturvirologischen Ansatz. Auch Beispiele aus den unterschiedlichsten Strömungen der Rock- und Popkultur wurden herangezogen, wobei Susanne Ristow in ihren Beispielen sich immer wieder auf Perioden konzentrierte, in den Altes zerschlagen und daraus wieder Neues entwickelt wurde.

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Dann ging es für die Studierenden ans Werk. Ein Arbeitsblatt mir Virusmodellen diente als Grundlage für fortlaufende Veränderungen, die mithilfe von Kopiergeräten mehrfach dupliziert wurden. Der Prozess wurde auf diese Weise 'viral' und die Mutationen im Reproduktionsprozess wurden für die Studierenden, die sonst eher mit Reagenzgläsern umgehen, ganz konkret erfahrbar. Susanne Ristow war zufrieden, ging herum und ermutigte, sich in dem fortlaufenden Reproduktionsprozess von anderen Teilnehmern anstecken und beeinflussen zu lassen.

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Irgendwann gab es dann einen Schnitt und die unterschiedlichsten Ergebnisse wurden betrachtet. Unendlich viele Wege wurden gegangen, schwarzweiß und auch farbig, die den Entwicklungsprozess der Teilnehmer veranschaulichten.

Am Ende kam Susanne Ristow noch einmal auf Mutationen in der Pop-Kultur. Bebop Jazz, der Punk der 70er Jahre und elektronische Musikteppiche von Brian Eno kamen dabei zur Sprache, bevor sie am Ende einen weltverändernden Erreger mit einem Bild aus dem New Yorker Central Park veranschaulichte. In der Mitte eines virusähnlichen Gebildes stand nur das Wort "Imagine". Sie traute sich zu fragen, ob dieses Gebilde jemandem etwas sagt. Es passte zum Thema des Abends, dass sie nur in fragende Gesichter blickte. Das Andenken, selbst an eine Lichtgestalt wie John Lennon, zerlegt sich bereits massiv, und mutiert dabei in etwas Neues.

Im Original-Ton hören Sie ein Interview von Harald Denckmann mit Kulturvirologin Susanne Ristow.

Kulturvirologin Susanne Ristow gestaltete das Studium Generale Spezial. Fotos, O-Ton: Harald Denckmann

Kulturvirologin Susanne Ristow gestaltete das Studium Generale Spezial. Fotos, O-Ton: Harald Denckmann


Hier hören Sie den Originalton:

Text-Nummer: 156254   Autor: Harald Denckmann   vom 22.01.2023 um 15.02 Uhr

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